Adipositas bei Kindern und Jugendlichen - hinsehen und handeln

Alarmierend – in ganz Europa nimmt die Zahl übergewichtiger Kinder stetig zu, seit den 80er Jahren ist die Häufigkeit an Übergewicht um die Hälfte gestiegen. Eine Studie des Robert- Koch-Instituts zeigte, dass 15 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren übergewichtig sind, davon etwa 6,3 % adipös.
Die Ursachen für eine Fettsucht können vielseitig sein: Obwohl der genetisch bedingten Veranlagung von 70 % keine unerhebliche Rolle zukommt, wirken sich die veränderten Lebensbedingungen in der heutigen Gesellschaft enorm aus. Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit im Sitzen oder Liegen – Fernsehschauen, Computerspiele, Basteln im Kindergarten, Lernen in der Schule, etc. Bewegung im Alltag kommt immer seltener vor. Der Lernort Spielplatz und Straße an der frischen Luft verlagert sich zunehmend nach innen in die Kinderzimmer oder Institutionen, in denen sich angebotene Sportangebote allerdings nicht alle Familien leisten können. Übergewichtigen Kindern fehlt es meist an Bewegungserfahrung und an Bewegungsmöglichkeiten. Im Turnunterricht in der Schule können sie oft nur schlecht mithalten, schaffen die vorgegebenen Leistungen nicht und werden zudem auch noch häufig ausgeschlossen
Die Kinder werden schwerer und dicker, denn sie nehmen durch ihre Ernährung, die oft durch unkontrollierte Essattacken und großen Mengen an Nahrungsmitteln gekennzeichnet ist, da sie verlernt haben, auf ihr Sättigungsgefühl zu hören, mehr Energie auf als sie in ihrem bewegungsarmen Alltag verbrauchen. Es kommt zu einem regelrechten Teufelskreis: Die Kinder bewegen sich immer weniger, werden deshalb dicker und bewegen sich noch weniger. Die Gewichts- und Fettanteilzunahme im Körper führt zu erheblichen kardiovaskulären, orthopädischen und psychischen Folgen. Schon im Kindesalter können Krankheiten wie Bluthochdruck, Fettstoffwechsel-Störungen, Gicht und Diabetes ausgelöst werden, die sie auch als Erwachsene begleiten. Ein dauerhaft erhöhter Blutzucker schädigt Nerven, Nieren und Augen. Zusätzlich werden die Gelenke stark belastet, diese nutzen sich schneller ab, schmerzen und erschweren das Bewegen allgemein, wie z.B. das Treppensteigen, und Sport umso mehr. Aus dem Mangel an Bewegung resultiert ein Kraftdefizit der Muskelleistung, um die vielen Kilos „richtig“ zu tragen, weshalb es außerdem zu Haltungsschäden und Wachstumsstörungen kommen kann. Häufig gehen psychische Krankheiten mit Adipositas Hand in Hand. Zu häufigen seelischen Störungen zählen Depressionen, Angststörungen, Bulimie und Binge-Eating-Störungen, also unkontrollierte Essattacken, welche sich aus Hänseleien, mangelndem Selbstbewusstsein, wenig Erfolgserlebnissen, Frustration und schließlich der Isolation der Kinder ergeben. Hat ein Kind gleich mehrere Erkrankungen infolge des Übergewichts, steigt die Gefahr deutlich, frühzeitig zu sterben.
Starkes Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen ist also nicht nur aus ästhetischen, sondern vor allem aus gesundheitlichen Gründen behandlungsbedürftig. Ob ein Kind krankhaft übergewichtig ist, kann man nicht nur äußerlich erkennen, sondern auch anhand des Body-Maß-Index (BMI) berechnen. Dabei gilt bei einem BMI ab 25 Übergewicht, ab 30Adipositas ersten Grades, ab 35 zweiten und ab 40 extreme Adipositas (Angaben: Broschüre der BZgA – Essstörungen). Die allgemein gültige Formel Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Größe in Metern zum Quadrat ist bei Kindern nur bedingt einzusetzen, da auch Alters-, Geschlechts- und Entwicklungsbedingungen mit berücksichtigt werden müssen. So berechnete die Arbeitsgemeinschaft „Adipositas im Kinder- und Jugendalter“ (AGA) Richtlinien anhand von Perzentilen, nach denen ein Kind zwischen 90 und 97 Perzentilen adipös ist. Entsprechende Online-Berechnungen findet man beispielsweise unter: http://www.bmi-rechner.net/bmi-kinder.htm.
Es ist höchste Zeit, Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen als eine gefährliche, sich ausbreitende Krankheit ernst zu nehmen, ihr entgegenzuwirken und zu behandeln. Dabei müssen sich die Kinder ein neues Essverhalten kennenlernen und den Weg zur Bewegung finden. Dabei sollten sie weder durch Eltern, Freunde, Lehrer oder Trainer unter Druck gesetzt werden, denn Überforderung und Versagen führt zu Frustration und Stress, was bei Vielen Auslöser für unkontrolliertes (Fr)Essen ist. Dem Kind muss Aufmerksamkeit und Zuwendung entgegen gebracht werden, damit das Selbstbewusstsein gestärkt wird und es kein Essen mehr zum Trost benötigt.
Eine Änderung der Lebensweise und -gewohnheiten ist für das Abnehmen zwingend notwendig. Ein gesundes Essverhalten, eine neue Einstellung zu Ernährung und Gewicht, vermehrte Bewegung im Alltag und Sport sind dabei wichtige Bausteine. Der Energieverbrauch soll gesteigert werden, die Energiezufuhr gesenkt.
Die Kinder und Jugendlichen sollten während körperlicher Ertüchtigung nicht unterschätzt werden, denn gerade „unter sich“ fühlen sie sich sicher und streben nach Erfolg und Anerkennung. Man sollte den Kindern Bewegungsaufgaben stellen, die sie zwar fordern, aber nicht überfordern und ihnen die Möglichkeit geben, eigene Lösungswege zu finden und Bewegungserfahrungen zu sammeln.
Es ist wichtig, den Kindern Spaß an Bewegung zu vermitteln, die sie ganz ohne Diskriminierung erfahren können. Dabei müssen gezielt die Defizite in den konditionellen Fähigkeiten, besonders Kraft und Ausdauer, sowie koordinativen, wie Geschicklichkeit und Beweglichkeit trainiert werden. Wer sich bewegt, verbraucht Energie, was die Tagesenergiebilanz positiv beeinflusst. Dabei bieten sich Spiele an, die den Übergewichtigen Freude bereiten und in denen sich ihr Gewicht beispielsweise bei Ring- und Schiebespielen auch positiv auswirkt. Es ist wichtig, dass gelacht und geschwitzt wird! Denn Bewegung stärkt nicht nur den gesamten Körper, sondern auch die Psyche und das Selbstvertrauen und dient als Ventil zum Stressabbau.
Getreu nach dem Motto „leichter, aktiver, gesünder“ müssen vor allem Sportlehrer und Trainer die Besonderheiten im Umgang mit adipösen Kindern kennen: Sie sollten nicht permanent an ihre sportlichen Grenzen gelangen, was wiederrum zu Frustration und Unlust führt, die Übungen müssen zum Schutz der belasteten Gelenke angepasst werden, weshalb Hüpfen und Springen eher ungeeignet sind, und Haltungsschulung und andere Bewegungshinweise sollten auch in das alltägliche Leben übertragbar sein. Die angebotenen Übungen sollten einen reizintensiven Charakter haben, vielseitig, spannend, attraktiv und vor allem im Rahmen des Möglichen sein, um die Kinder und Jugendlichen langsam zu einem Körperbewusstsein heranführen. In der Regel reagieren Adipöse ablehnend auf Bewegung und kennen diese auch nicht. Positive Erfahrungen mit dem Körper stellen dabei also eine unverzichtbare Variable für eine dauerhafte Beschäftigung für Sport und Bewegung dar.
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2 Kommentare
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Joachim Kerst aus Erfurt | 20.05.2013 | 22:31  
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Silke Rönnert aus Gotha | 21.05.2013 | 15:14  
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