Aktionsbündnis „jobp“ hilft Menschen mit Behinderung, eine Tätigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt zu finden

Bärbel Beck (links) und Stephanie Sluka

Stephanie Sluka ist 35. Es braucht einige Zeit, um ihren Lebenslauf nach 1996 zu studieren, als sie die Schule beendete. Bis zum berufsvorbereitenden Jahr und der dreijährigen Ausbildung zur Bürofachkraft liest sich alles normal. Doch dann wechseln die Tätigkeiten: Verwaltungsmitarbeiterin, Bürosachbearbeiterin, Recherchemitarbeiterin, Redaktionsmitarbeiterin beim Radio, Gästebetreuerin, Bürohilfskraft... Dazwischen liegen Förderlehrgänge, Weiterbildungen, Zeiten der
Arbeitslosigkeit. Keinen Job hat sie länger als anderthalb Jahre. Immer so lange, wie er gefördert wird.

Stephanie hat eine spastische Halbseitenlähmung. Inzwischen hat sie es fast aufgegeben, in der „normalen“ Arbeitswelt zu bestehen, sie ist erwerbsunfähig. Die
Energie, die der optimistischen jungen Frau geblieben ist, investiert sie nun darin,
anderen jungen Menschen mit Behinderung beizustehen. Sie macht mit beim „Aktionsbündnis jobp“, die Buchstaben stehen für „Jugend ohne berufliche Perspektive“. Ins Leben gerufen von Lehrern, Sozialpädagogen und Eltern des Erfurter Förderzentrums „Schule am Andreasried“ – und unterstützt vom Projekt „Better together“ vom Landesjugendring, gefördert von „Jugend in Aktion“ und dem Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit.

Konkrete Ziele


Die „jobp“ler haben ganz konkrete Ziele: 1. Lohnzahlung für Menschen mit Behinderung während des gesamten Arbeitslebens. 2. Freie Wahl der Beschäftigung.
3. Einrichtung einer zentralen Verwaltungsstelle. „Wir Menschen mit Behinderung kämpfen um einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt wie der Löwe ums Fleisch“, weiß Stephanie. Es ist eher selten, dass der Kampf gut ausgeht. Und wenn, darf der Betroffene oft nur so lange arbeiten, wie es Förderungen gibt.

„Das ist deprimierend“, sagt auch jobp-Mitstreiterin Bärbel Beck, die aus ihrer Tätigkeit als sozialpädagogische Fachkraft viele Beispiele kennt, wie Menschen mit Behinderung, die wegen ihrer guten Fähigkeiten nicht in der geschützten Werkstatt arbeiten, keine Möglichkeit haben, sich beruflich zu verwirklichen. Während der Ausbildung funktioniert meist noch alles. Doch viele ausgebildete Fachkräfte, die eine Behinderung haben, gehen direkt in die Arbeitslosigkeit. Brachliegende Ressourcen.

Vernetzung notwendig


„Es wäre dochbesser, wenn der Staat Arbeit bezahlt, statt in die Arbeitslosigkeit
zu investieren“, sagt Bärbel Beck und fordert eine bessere Kommunikation zwischen
einzelnen Behörden. "Wir brauchen eine Vernetzung, eine gesetzliche Veränderung.“
Fast gibt es mehr Jobs, um Menschen mit Behinderung zu „verwalten“, als sie in Arbeit zu bringen. Und noch immer wird es Betrieben zu leicht gemacht, Betroffene
nicht einzustellen, sie können sich davon „freikaufen“. Andererseits ist es natürlich
für jeden Arbeitgeber ein Risiko, einen Menschen mit Behinderung einzustellen.
Dieser wird nie 100 Prozent Leistung erbringen, trotzdem im Rahmen seiner Möglichkeiten alles geben. Ihm darf auch nicht einfach gekündigt werden.
Mit einer dauerhaften gesetzlichen Förderung eines solchen Arbeitsplatzes wäre beiden Seiten geholfen.

Gesetzesänderung muss her


Das Aktionsbündnis kämpft für die Gesetzesänderung. „Die Gesellschaft ruht sich
darauf aus, dass es geschützte Werkstätten und Fördermaßnahmen gkt“, weiß Stephanie Sluka. Die staatlichen Leistungen und Unterstützungen seien ja wirklich gut, fügt sie hinzu. Aber sie sind nicht das, was viele ausgebildete Fachkräfte und Akademiker mit Behinderung wollen. Sie möchten sich einbringen, etwas schaffen. Wie jeder andere auch. „Von der Ausbildung direkt in die Arbeitslosigkeit. Das wirkt sich auf die Psyche aus“, hat Stephanie immer wieder erfahren. Einige werden
krank, kämpfen mit ihren Depressionen. „Dabei muss es doch auch Möglichkeiten
geben, Menschen, die unbedingt arbeiten wollen und es auch können, Arbeit zu
geben.“

Mitstreiter & Ideen gesucht


Das Aktionsbündnis will nun eine breite Öffentlichkeit erreichen. Jeder, der sich einbringen möchte und Ideen hat, wird um Kontaktaufnahme gebeten: junge
Behinderte, die Rat brauchen, Betriebe und Unternehmer, Menschen mit Ideen oder
Politiker.

Kontakt:


https://www.facebook.com/Jobpaktionsbuendnis, E-Mail: jobp.aktionsbuendnis@gmx.de, Telefon 0151/21662660.



Zahlen und Fakten:


Aus Förder- und Sonderschulen gehen ganze Abschlussklassen in Werkstätten für Behinderte
- Die EU-Jugendkonferenz verlangt zur Situation behinderter Jugendlicher das Recht auf anständige Arbeit und Bezahlung, nicht prekäre Jobs und klagt an, dass es aufgrund von Behinderungen zu Mehrfachdiskriminierungen kommt
- die Zahl schwerbehinderter Menschen in Deutschland steigt
- Anteilig befinden sich bei schwerbehinderten Arbeitslosen etwas mehr Fachkräfte als bei nichtbehinderten Arbeitslosen
- Schwerbehinderten Arbeitslosen gelingt es seltener, eine Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt aufzunehmen
- Im Jahr 2011 gab es 3,27 Millionen schwerbehinderte Menschen im erwerbsfähigen Alter, nach Schätzungen könnten das im Jahr 2021 3,4 Millionen sein
- Aus einer Broschüre des Integrationsfachdienstes: "Betriebe bzw. Arbeitgeber haben eine besondere Verantwortung, behinderten Jugendlichen den Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu öffnen

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