Alles, was anfällt: Zwei arbeitslose Frauen erzählen ihre Geschichte

„Und dann würde ich den Politikern die Diäten kürzen“: Sabine Gebelein fällt im kommenden Jahr in die Sparte „50 plus“, dann sieht es noch schlechter aus.
Seit mehr als 20 Jahren hat Sabine Gebelein keinen richtigen Job mehr. In der DDR lernte sie als Frau unter vielen Männern den Metallberuf des Zerspanungsmechanikers. Doch nach der Wende gab es für sie nichts mehr zu drehen, bohren, stanzen oder fräsen. Mittlerweile hat sie alle Entwicklungen verpasst, denn Umschulungen oder Weiterbildungen wurden ihr nie angeboten. Also pflanzte sie stattdessen Blumen für die „ega“ in Erfurt, betreute Kinder, putzte für ganz kleines Geld, war Hausfrau oder eben arbeitslos.

„Es gibt viele, die schämen sich deswegen gar nicht. Die sagen: Ich bekomme ja das Geld vom Staat, lege die Beine hoch und gucke den ganzen Tag Fernsehen.“ Sabine Gebelein schüttelt den Kopf. „Das ist nichts für mich. Ich fühle mich unwohl, vom Staat überhaupt Geld zu bekommen. Es ist beklemmend, die Hand jeden Monat aufzuhalten.“

Ihre Bewerbungen werden nur von Zeitarbeitsfirmen wahrgenommen. Damit hat Sabine Gebelein nur Chancen auf Minijobs und schlecht bezahlte Hilfsarbeit. „Entweder man nimmt es oder man hört vom Jobcenter. Das kann man sich dann aussuchen. Und die Zeitarbeitsfirmen drücken dann auch noch einmal den Lohn.“ Die Chance auf eine Festanstellung gab man ihr nie. Nächstes Jahr fällt sie in die Sparte „50 plus“. „Dann sieht es noch schlechter aus.“

Die 49-Jährige ist sich für keine Arbeit zu schade. „Früher hieß es einmal: Zwei Jobs kann man ablehnen, den dritten muss man nehmen. Heute traut man sich gar nicht mehr, ein Angebot abzulehnen und nimmt, was einem das Jobcenter anbietet“, fürchtet sie Kürzungen ihres ALG II. Also hat sie bisher jeden Ein-Euro-Job ohne Murren erledigt und rackert sich durch jede Knochenarbeit. „Da beiß ich mich durch und bin genauso gewissenhaft, als würde mir der Job Spaß machen.“

Auf Ihre Bewerbungen bekommt sie am Telefon immer nur zu hören: Der Job ist schon weg. Bekommt sie eine ehrliche Begründung, heißt es: zu alt, nicht qualifiziert, nicht flexibel genug. Und tatsächlich möchte Sabine Gebelein, die nie einen Führerschein besessen hat, nicht außerhalb von Thüringen arbeiten. Denn in Erfurt hilft sie, ihre behinderte Schwester zu pflegen. „Bis Eisenach lasse ich mir gefallen.“ Schon gar nicht will sie in den Westen ziehen, wo die „Leute alle ein bisschen hochnäsig sind“. Sie möchte „kein Ossi sein, der den Bayern den Job wegnimmt“.

Seit August macht Sabine Gebelein bei der TALISA (siehe Hintergrund) ihren Bundesfreiwilligendienst, noch anderthalb Jahre lang. Hier kocht sie mit viel Freude Kaffee oder Mittagessen, pflegt die Grünpflanzen, putzt oder gestaltet Flyer am PC. „Alles, was anfällt.“ Parallel sucht sie weiterhin nach freien Stellen über das Internet oder über Mundpropaganda. Mit der Arbeitsagentur hat sie verschiedene Erfahrungen gesammelt. „Es kommt immer auf den Vermittler an. Das Kuriose ist, dass man alle halbe Jahre einen neuen Berater zugewiesen bekommt. Dann fängt wieder alles von vorne an.“

Einen Traumjob hat sie übrigens. Gerne wäre sie Bundeskanzlerin, nur für eine Woche. „Dann würde ich den Politikern die Diäten kürzen. Die müssten nur eine Woche lang mit dem Geld auskommen, das Hartz-IV-Empfänger bekommen, die arbeiten wollen, aber keine Arbeit finden. Nur damit sie wissen, wie man sich fühlt.“ Doch nicht nur den Politikern würde sie das Geld kürzen. „Ich begreife nicht, wenn junge Leute nur zu Hause sitzen und das Geld vom Staat verlangen. Keine Ausbildung machen, aber die große Klappe riskieren, wenn andere für 1,20 Euro arbeiten gehen. Ich würde denen das Geld kürzen oder die Zahlung ganz einstellen.“


Mit Galina Groß muss man laut sprechen, denn sie hört nicht mehr so gut. Sonst merkt man der 62-Jährigen ihr Alter wirklich nicht an. Seit 2001 lebt die Russin in Deutschland. Sie kam mit ihrem Ehemann, einem Spätaussiedler. Vier fast verlorene Jahre lang hatte sie keinen Anspruch auf einen Sprachkurs. „Ich habe mir die Sprache also selbst beigebracht“, sagt sie.

Als Arbeitslose sieht sich Galina Groß eigentlich gar nicht. „Ich war immer beschäftigt“, sagt sie selbstbewusst. Weil sie keine bezahlte Arbeit findet, arbeitet sie eben ehrenamtlich, organisiert Kulturveranstaltungen, hilft bei der Integration von Ausländern und Aussiedlern. Zu Hause zu hocken, ist nichts für die rastlose Frau. „In meinem Kopf sind immer viele Ideen. Wenn ich keine Idee habe, dann sterbe ich.“

Seit sie in Deutschland lebt, schloss sie unterem anderen die EDV-Schule ab, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung, Buchführungs- und mittlerweile viele, viele Deutschkurse. „Die neue Sprache war schwer. Aber ich war beharrlich und habe alles geschafft.“ Am Ende stand sogar ein „Sehr gut“ auf dem Zeugnis. „Ich weiß, dass ich intelligent bin, weil ich noch lernen kann.“
Mit einem festen Arbeitsplatz hat es dennoch nie geklappt. „Ich suche immer nach Stellen. Aber entweder sagt man mir, ich wäre zu alt oder ich bräuchte einen Führerschein.“ Den hat sie aber nie erworben. Bei der Jobsuche per Internet klickt sie als Radius 25 Kilometer um Erfurt an und findet dort keinen Job. Dennoch ist auch für sie ein Umzug in ein westliches Bundesland tabu: „Die Mentalität der Menschen in der früheren DDR passt besser zu mir.“

Eigentlich schlägt in ihrer Brust das Herz einer Künstlerin. In Russland hat sie einen Fachhochschulabschluss in Musikwissenschaft erworben, spielt Klavier, hat 25 Jahre lang am Theater gearbeitet. „Aber für den musikalischen Beruf müsste ich selbstständig werden.“ Ohne Kapital und ohne Führerschein bleibt das utopisch. Und dass die Kunst in der Regel kein Geld bringt, hat sie auch verstanden. Die Umschulung zur Musiktherapeutin wird wohl ebenso nur ein Wunsch bleiben. Seit 2007 arbeitet sie also in verschiedenen Förderprogrammen für die TALISA. Hier kann sie sogar ihre musikalischen Fertigkeiten einbringen. „Das passt zu mir.“


Hintergrund


• Die „Thüringer Arbeitsloseninitiative – Soziale Arbeit“ (TALISA) versteht sich als Sprachrohr und Interessenvertreter arbeitssuchender Menschen. Der Verein bietet Hilfe bei persönlicher und wirtschaftlicher Bedürftigkeit.

• Zu den Angeboten gehören die Sozialberatung, die Schuldnerberatung sowie Selbsthilfe und -gesprächsgruppen.

• Infos: thueringer-arbeitsloseninitiative.de


Interview mit Arbeitsagentur-Chef Kay Senius

Interview mit Jobexperte Matthias S. Freund
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1 Kommentar
Axel Heyder aus Erfurt | 09.09.2013 | 14:04  
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