Apfelstädt: Aus dem Waidstein wächst ein Lindenbaum

“Das ist schon ein ganz besonderes Exemplar!“ Kurt Mönch nickt. Dass jemand, der mit offenen Augen durch ländliche Thüringer Regionen streift, hier und da einen Waidstein erblickt, ist keine Seltenheit. Die aus Sandstein gefertigten, mühlensteinähnlichen Gebilde erinnern heute an die mittelalterliche Tradition des Waidanbaus.

In der Mitte wächst eine Linde



Der Waidstein in Apfelstädt allerdings unterscheidet sich von den anderen Exemplaren: In seiner Mitte wächst eine Linde. Die ist mittlerweile so groß, dass ihr Stamm das Loch ganz ausfüllt. Ein faszinierender Anblick, findet Ortschronist Kurt Mönch. Ihn beschäftigt die Linde mit dem Steinkragen schon ein Leben lang. „Ich kenne den Baum noch viel niedriger, vor achtzig Jahren bin ich darin herumgeklettert“, erinnert sich der 90-Jährige an seine Kindheit. Später dann hat man sich immer mal hier auf ein Schwätzchen getroffen, der Waidstein wurde kurzerhand als Sitzfläche genutzt. Das ist auch heute noch so. Und früher, als sich die Jugend in Apfelstädt zum Tanz traf, war der Stein ein beliebter Pausen-Treff. „Zum Abkühlen vom vielen Tanzen“, sagt Kurt Mönch schmunzelnd.

Wie kommt die Linde in den Stein?



Doch das Rätsel, wie die Linde in den Stein kam, konnte der eifrige Ortschronist bis heute nicht lösen. „Über jede Kleinigkeit gibt es Gemeindeprotokolle, was da so alles schriftlich festgehalten wurde“, erzählt er davon, wie er sich in ungezählten Stunden durch sämtliche Papiere des Ortes gekämpft hat. Doch wer einst die Linde pflanzte und aus welchem Anlass das geschah, wurde nie schriftlich festgehalten. „Ich schätze aber, dass das so um 1880 gewesen sein müsste“, überlegt Kurt Mönch laut. Eine andere Linde, ein Stück weiter, wurde 1882 zu Ehren der Silberhochzeit des damaligen Kronprinzen gepflanzt, sie ist der Waidstein-Linde in Größe und Umfang sehr ähnlich. „Wahrscheinlich hat wohl die Gemeinde die Pflanzung veranlasst. Vielleicht war es auch nur so eine fixe Idee, an dieser Stelle einen Baum zu pflanzen“, kehrt der Ortschronist mit seinen Gedanken zur Linde im Stein zurück. Immerhin befand sich hier früher die Gemeindeschenke.

Keine weitreichenden Gedanken



Ob sich damals wohl jemand Gedanken um das Wachsen des Baumes gemacht hat? „Ach wo, die haben einfach nicht daran gedacht, dass der Baum so groß wird und der Waidstein vielleicht mal gesprengt wird“, ist sich Kurt Mönch sicher. Bäume, so weiß er, können eine ungeheure Kraft entwickeln. Als er vor ein paar Jahren dem MDR die Frage stellte, was passiert, wenn der Baum weiter wächst, gab ihm der befragte Experte Recht: Eine Weile noch wird der Baum versuchen, mit der Enge klarzukommen und über den Steinrand eine Wulst bilden. Irgendwann aber werden die Kräfte auf den Stein aber so groß, dass er nachgeben muss.


Wann das sein wird, kann niemand sagen. Bis dahin aber sind Stein und Linde ein echter Hingucker. „So etwas gibt es nur ganz selten“, schwört Kurt Mönch.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige