BESONDERE PFERDE UND DIE CHANCEN DIE SIE VERDIENT HABEN.

Dito...
 
Resi kurz vor dem Kauf 2014
 
Lennox bei den ersten Spaziergängen
 
Lennox beim Buckeln
  Erfurt: DLV Dienstleistungsvereinigung der Pferdebranche |

Nichts ist so schlecht, dass es nicht auch zu etwas gut ist – Die Geschichte von Lennox und Resi


Im November letzten Jahres musste ich den wohl schönsten Friesen-Wallach auf dieser Welt gehen lassen. Dito. Dito ist das Pferd, der Inbegriff alles Gutem und Schönem…

Kurze Zeit später stand eine sehr sympathische, etwas rundliche Frau auf unserem Hof und bot uns zwei Pferde zum Verkauf an: Einen (ohne Quatsch) Haflinger-Araber-Friesen-Kaltblut-Mix für unseren Schulunterricht und ein deutsches Sportpferd mit wohl guter Abstammung, der aber nicht leicht zu handhaben wäre. Noch eingewickelt in die Abschwitzdecke meines Friesen, stand ich am Reitplatz und harrte der Dinge die da kommen mögen. Und dann kam Resi: Und ich sage euch: IHR HABT NOCH NIE SO EIN PFERD GESEHEN. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Meine Stall-Verantwortliche-Kompanin, Steffi, entschied sich eher fürs Lachen und schaute mich auffordernd an. 2 Sekunden später prusteten wir los.

Und dann kam da noch Lennox. Ein relativ unscheinbarer aber hübsch lackierter brauner Wallach. Zu diesem Zeitpunkt 6 Jahre alt und 2 Jahre unterm Sattel. Wir ließen Resi durchchecken und nach 2 Tassen Glühwein im heimischen Stall und ganz vielen „Naaaaain, das könnt ihr nicht machen! Die ist zu diiiick! Nehmt die nicht! Um Gottes Willen!!!“, schauten Steffi und ich uns an: „Wir nehmen sie! – Das wird ein tolles Schulpferd, sie hat die Chance verdient.“

Und was ist nun mit Lennox? Unabhängig davon, dass ich nicht mal ansatzweise darüber nachgedacht hatte, kurz nach Dito’s Tod, wieder ein Pferd zu kaufen, entschieden wir uns, auf Grund der dortigen Platzverhältnisse, die zwei bei uns in Stotternheim Probe zu reiten. Lennox hing halt so mit dran. Resi zeigte sich arbeitswillig und (ja, man glaubt es kaum) sehr fleißig. Die Entscheidung war getroffen, nach dem unsere Tierärztin das „Go“ bzgl. der Hufrehe gab. Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten – Resi, es wartet ein neues Leben!
Heute gehört sie mit zu den zuverlässigsten und fleißigsten Schulpferden im Stall, im Gelände ist sie kaum zu halten. Sie ist voller Energie und Lebenslust.

An diesem Sonntag – immer noch in Ditos Decke eingewickelt, stand dann Lennox in einer unserer Boxen. „So, wer reitet DEN jetzt?“ – „Jule? Willst du vielleicht?“ Kopfschüttelnd stand ich da. Erst durfte eine weitere Interessentin aus unserem Stall ihr Glück versuchen. Beim versuchen blieb es dann auch. „Der ist mir zu stürmisch, das ist dann wohl nicht mein Pferd.“ Der Nächste bitte! Ein Mann durfte sich versuchen. Passte dann aber nicht zum sensiblen „Lennöxchen“ (Im Übrigen kann Lennöxchen „Kussi“ geben!)
Irgendwie glotzten dann alle auf mich. „Los, jetzt leg die Decke weg und probier den mal!“ Meine komplette Familie war angereist, Oma schubbte mich immer mal wieder, damit ich schneller laufe. Opa philosophierte über die anderen beiden Vorreiter und schwenkte durch den Stall. Ich kroch in meine Reithose, schlüpfte in die Stiefel und ging raus. Lennox stand angebunden am Putzplatz und wieherte wie ein Verrückter nach den Stuten. Ich stellte mich neben ihn und glotzte ihn an. Sofort hob er seine Nase in mein Gesicht und stupste mich an. Aha. Das ist also „Lennöxchen-gibt-Kussssiiiiii“. Ich führte ihn auf den Reitplatz und bat jemanden, mir beim Aufsteigen gegen zu halten. 1,2… und weg war er. Nochmal. 1,2….. Hehe. Ich kann auch zur Seite gehen- Höhö. Jetzt aber: 1,2,3. Da saß ich. Um den Reitplatz guckten alle mit großen Augen. Mama, Papa, Oma, Opa. Alle hielten sich an ihrem Glühwein fest. (und ja, es gibt hier oft Glühwein.) Anreiten. Schritt: Etwas taktunrein, aber schwungvoll. Trab: JA der Trab! Da war es vorbei. Und ich bin vorher einen Friesen geritten! Aber das kann man Schwung nennen. Oder auch: Fliegen. da wars dann auch um mich geschehen. Ich heulte. Mama heulte, Oma sowieso.

Nun darf ich diesen verrückten, eleganten Wallach mit Kussi-Talent seit etwas über einem Jahr mein Eigen nennen. Und ich muss sagen, er ist das Beste was mir nach Dito hätte passieren können. Seine Vorbesitzerin erzählte mir, dass sie mehrere Ausbilder an ihm „dran“ hatte. Sie selbst wäre nur Freizeitreiter und war viel mit ihm im Gelände. Allerdings merkt sie, dass er nicht ausgelastet und völlig unterfordert ist. 3 Mal hat er sie runtergebuckelt. Jedes Mal war ein anderer Knochen gebrochen. Aber er wäre das beste Pferd auf dieser Erde.
Als erstes aktualisierte ich die Ausrüstung an Lennox. Statt eines rostigen Monty-Roberts-Haste-Nicht-Gesehen-Gebiss, kam eine normale, einfach gebrochene Olivenkopftrense an einem englisches Reithalfter ohne Sperrriemen ran. Ein leichter Dressursattel und Gamaschen vervollständigten das erste Bild. Mehr gibt’s nicht. Dann ging es erst einmal raus. Die Ausritte, egal ob allein oder in der Gruppe waren immer entspannt, locker und ausgeglichen. Nie hat er mir gezeigt, dass ihm irgendetwas nicht passt oder ihm langweilig ist. Er war so unwahrscheinlich abgebrüht, egal ob jetzt wilde kleine Ponies im Feld an ihm vorbei rasten, weil sie wegen dem hohen Gras ihre Füße nicht mehr sahen und vor Panik los gerannt sind. Es interessierte ihn auch nicht ob er nun hinten lief oder vorn. Der Trab (erwähnte ich den Trab?) war herrlich schwungvoll und elegant. Eines Tages (hierzu eine Textzeile aus dem aktuellen Silbermond-Track, der mir den ganzen Tag um die Ohren geknallt wird und doch jetzt so herrlich passt: Eines Tages fällt dir auf, dass du 99% nicht brauchst. Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg, Denn es reist sich besser, mit leichtem Gepäck. Das hat sich unser Lennöxchen von einem Tag auf den anderen wahrscheinlich auch gedacht. „Was soll das hier mit dieser (wie heißt die noch gleich?) Reiterin. Und überhaupt. Diese Fliegendecke. Und diese Stute. Oh Gott. Diese STUTE! Und dieses STOPPELFELD. Und diese Decke. Und du, du kannst hier bleiben, Schätzchen! Jetzt hat sichs Ausgekussiiet! Friss meinen Staub!“
In meiner Schwebephase (und die war verdammt lang) dachte ich noch so „Sch…!“ Ich habe noch nie ein Pferd von so weit oben gesehen. Der fieseste Buckler meiner Sturzkarriere. Mein lädierter Rücken flehte mich im Flug innerlich an, ihn doch bitte dieses Mal zu verschonen. Dafür war es dann die Schulter und die Hüfte, die den Sturz abfederten. KRACH! Da lag se. De Muddi. Meine zwei Mitreiter galloppierten vorn fröhlich weiter. Ich setzte mich kurz auf, rief „HAAAAAAAAAAAALLLT!!“ und ließ mich wieder ins Stoppelfeld fallen. „Wolken. Weiße Wolken. Hach, Wie idyllisch.“ dachte ich. Ich legte die Hände auf den Bauch und verschränkte die Beine. Als würde ich absichtlich hier liegen. Fehlte nur noch ein Strohhalm zwischen den Lippen. Ach nein. Halt. Hier ist ja einer. Steffi kam (mit Resi!) zurück geritten, glotzte mich an und sagte: „Oh, da haben wir dich wohl verloren. Aber Lennox ist brav mit zurück gekommen! Guck mal!“ Triumphierend zeigte sie auf Lennox, als wollte sie ihn mir zum Kauf anbieten: TADAAAAAA! – Leichtfüßiger Wallach mit UNGLAUBLICHEM Springvermögen! Und er kommt sogar wieder mit zurück! –
Der zweite Mitausreiter, Torsten, saß in seinem Sattel wie ein Cowboy. Beide Hände lässig auf den Sattelknauf gelegt. „Ubbs!“ sagte er. „Tut’s wehheee? Lennox ist ganz braaaav der Gräfin hinter her gelaufen!“ Ich setzte mich auf, spuckte den Strohalm aus und wischte mir über die dreckige Stirn. „Pah! So ein…. blöder….fieser….OAHR!“ (quasi wie Rumpelstielzchen auf den Boden stampfend und eine Schnute ziehend) stand ich vor meinen beiden noch im Sattel sitzenden Freunden. Lennox stand da und glotzte mich entschuldigend an.(DAS mag Einbildung sein, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er so geguckt hat) Ich stapfte auf ihn zu und nahm die Zügel vom Hals. Ich steckte mir eine Zigarette an.
Hinter mir machte es „PLUMPS“ und noch mal SCHWUPP“. Das Klicken meines Feuerzeuges war offensichtlich für Beide meiner Freunde das Zeichen, abzusteigen und zu rauchen. Da standen wir nun. Mitten auf einem Feldweg, Kippe im Gesicht, Pferde in der Hand. Und da kam die Frage: „Was ist denn eigentlich passiert?“ Ich: „Er hat gebuckelt“. Steffi: „Wie gebuckelt?“ Ich: „Na gebuckelt halt. Du erinnerst dich an die Buckler während der Freiarbeit? So ungefähr!“ (Lennox nutzte diese ungezwungen Arbeitsatmosphäre meist um sich und seinem Hintern Luft zu machen. Ich gab ihm zu Beginn immer erst einmal 5 Minuten, dann war er konzentrierter und freier. Und sich frei machen heißt bei Lennox eben diese Buckler. Eben diese Buckler, die nicht ansatzweise zu sitzen wären- und ich mir, als ich sie das erste Mal frei sah, dachte, „Ubbs.“ (hier würde jetzt so ein Whats-App-Glubsch-Smiley passen“. ))
Torsten war immer noch hin und weg, das der Lennox dann so ganz brav wieder mit zurück kam. Wir stiegen wieder auf und ritten zurück. Ist ja eh zu warm. Und zu viele Fliegen. Und die Bremsen erst….

Ab diesem Tag hatte ich ein leicht gestörtes Verhältnis zu meinem „Ich-mach-mich-frei-und-geb-Kussi-Pferd“. Ich vertiefte meine Bodenarbeit und arbeitete mich in der Dressurarbeit Schritt für Schritt vor. Leider musste ich hierbei feststellen, dass Lennöxchen keinen Spaß an der Arbeit unterm Sattel hatte. Platz doof. Stangen doof. Longe doof. Reiter auch doof. Und die Füße des Reiters erst! Oahr sind dieeee doof! Verzweifelt suchte ich etwas, mit dem ich ihn motivieren konnte, an dem er Spaß hatte. Für das Geländereiten gab es nach dem Sturz irgendwie immer irgendwelche Ausreden. (War ganz komisch, ständig kam etwas dazwischen…) Immer mehr fing ich an daran zu zweifeln, ob dieses Pferd überhaupt eine Ausbildung genossen hatte. Lennox hielt nichts von Anlehnung, er kannte keine Losgelassenheit und schon gar kein Takt. Alle FN-Richtlinen-Kenner wissen was ich meine. Jeder dieser drei Punkte bedingt den anderen. Also ging ich immer wieder Schritte zurück versuchte seinen Takt zu fördern, um so mal ansatzweise Losgelassenheit erzielen zu können. Jedoch schien er mit dem vorwärts-abwärts nichts anfangen zu können. Er verspannte sich immer mehr. Und dann heißt es OOOBACHT! (Würde Oma jetzt so sagen). Wenn sich dieses kleine Katapult unterm Sattel verspannt und zusammen zieht…. Jeder weiß was dann passiert. „Dann macht es Puff! Und das ist jedes Mal ein großes Hallo und viel Spaß für die ganze Familie!“ (Aus: Weihnachten bei Hoppenstedts, Loriot). Allerdings ist er da meist noch gnädig und erinnert lediglich nur kurz daran, zu was er fähig ist, wenn er sich MAL LUFT MACHEN MUSS. Das heißt, Muddi liegt maximal aufn Hals oder sitzt vor dem Sattel. Reicht ja.

Mit seiner Vorbesitzerin bin ich immer noch in guten Kontakt, ich glaube, es gibt keinen sympathischeren Menschen als sie. Sie erzählte mir von diesem gaaaaaanz tollen, erfahrenen, subi-dubi, Trainer, der Lennox da hin gebracht hat wo er ist. „Hach, galoppieren konnte der. Und Seitengänge und gaaanz toll!“ GALOPP? Hab ich da GALOPP gehört? Jahaaa, der war gut! Galopp ist für den momentanen Zustand des Vor-und-nach-hinter-Geschaukel-mit-Verwechslung-der-Bein-Anzahl-wild-schwulen-Rum-Geeiere nicht das richtige Wort. Des öfteren konnte ich mich hierbei davon überzeugen, dass auch ein Pferd mit 7 Jahren noch lange nicht ausbalanciert ist.

Also was macht Muddi falsch? Wie oft stand ich vor seiner Box und schaute ihn an und fragte mich: Was ist nur los mit dem Typen? Völlig unbeeindruckt schnubbelte er dann in seinem Stroh rum, hörte kurz auf, glotzte mich an, zuckte mit den Schultern (WIRKLICH!) und fraß weiter.

Ich probierte andere Gebisse, andere Sättel, fing mit Freispringen an und konzentrierte mich fast ausschließlich auf die Bodenarbeit. Auf die sprach er erstaunlich gut an, zeigte hier auch seinen beeindruckenden Bewegungsablauf in allen Gangarten. Ich bekam durch Zufall einen Problem-Kumpanen. Ein erfolgreicher Springreiter, dessen Erfahrungswerte ich sehr schätze. Somit war ich schon mal nicht mehr allein. Ich erklärte ihm alles und wir fingen gemeinsam an, den Problemen auf den Grund zu gehen. Und ich wusste damit auch, dass noch jemand von Lennox‘ Potenzial überzeugt ist, sonst hätte er sich sicher nicht die ganze Zeit genommen.

Auch er durfte sich von der Katapultfähigkeit des Lennöxchens überzeugen. Auch er stieß regelmäßig an seine Grenzen. Manchmal standen wir beide ratlos da. Fassungslos über so viel Verwehrung. „Der hat einfach keine Lust auf Arbeit!“ knirschte er. Während er das sagt stand ich wieder vor Lennox‘ Box und fragte mich, was nur mit ihm nicht stimmte. Er zuckte erneut mit seinen Schultern und fraß weiter. „Er weiß nicht was er machen soll! Er weiß nicht, dass es auch Spaß machen kann mit Reitern zu arbeiten!“ raufte ich zurück.

An diesem Abend lag ich noch lange wach. Überzeugte mich mal wieder selbst davon, dass es dem Pferd im Grunde an nichts fehlt und kam auf die Idee, mir Videos von seiner Ausbildung zuschicken zu lassen. Einen Abend später stand seine Vorbesitzerin bei uns im Stall und drückte mir den Stick in die Hand. Dieses kleine USB-DINGS war der Schlüssel zu all unseren Problemen. das wusste ich nur in diesem Moment noch nicht. Ich erzählte ihr von unseren Schwierigkeiten mit Lennox. Sie meinte „Also, ich kann dir gerne eine Reitstunde bei seinem Ausbilder zu Weihnachten schenken?! Der kann euch bestimmt helfen!“

Einen Glühwein später steckte ich den Stick in meinen Laptop und alles war klar…
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