Blau im Blut - Betrunken im Dienst der Wissenschaft.

Schweden-Weisheit: Eine Frau kann vor der Heimfahrt durchaus drei Glas Sekt nippen. (Foto: Pixelio/Jenzig 71)
 
Alkohol und Autofahren: Beide Begriffe beginnen mit einem A, passen aber trotzdem nicht zusammen. (Foto: Pixelio/Hofschlaeger)
Erfurt: TÜV Thüringen - Institut für Verkehrssicherheit | Die Grappa-Flasche kreist herum. "Na denn, Männer: Prostata!", grölen wir und stoßen die Schnapsgläser aneinander. Während ich noch das Fehlen einer Karaoke-Anlage moniere, denke ich: Das ist doch jetzt der perfekte Moment, einen zotigen Herrenwitz zu erzählen.


Drei Stunden zuvor sind die Flaschen noch geschlossen und das Erfurter Institut für Verkehrssicherheit gleicht noch nicht einem Biergarten zur "Happy Hour". Der TÜV Thüringen hat diesen "Trinkversuch" organisiert. Praxisnah wird uns demonstriert, wie schnell Alkohol wirkt, wie viel Promille man in welcher Zeit auf- und abbaut und wann der Wagen lieber stehen bleibt.


Ganz gesittet sitzt zu Beginn ein halbes Dutzend Journalisten beieinander. Mit der Nüchternheit des ARD-Presseclubs diskutieren wir über Promillegrenzen und erfahren: Die Mehrheit der Deutschen votiert für ein klares Alkoholverbot am Steuer. Und ganz oben in der Riege der Null-Promille-Befürworter stehen 69,6 Prozent der Thüringer. "Also, für mich gehört zur Bratwurst mittags durchaus ein gepflegtes Bierchen", rechtfertige ich mich und verschweige insgeheim, dass ich bei dieser Kombi ruhig auf die Wurst verzichte. Mich treffen abfällige Blicke, als hätte ich gerade erst vor den Augen aller volltrunken eine Klasse ABC-Schützen plattgefahren.


Die Schweden, durchaus für ihre Trinkfestigkeit bekannt, haben eine Formel entwickelt, welche die Alkoholkonzentration im Blut errechnet. Die Widmark- Formel verteilt den getrunkenen Alkohol nicht nur auf das Körpergewicht, sondern zieht Fett und Knochen vorher ab. Schlecht für mich, denn mein hohes Gewicht liegt nur an den schweren Knochen.


Egal: Die Rechnung ist selbst im nüchternen Zustand kompliziert. Aber es gibt eine Faustformel: 0,1 Liter Wein oder Sekt, ein Korn oder auch ein 0,2 Liter großes Kölschglas führen bei einem 80-Kilo- Mann im Schnitt zu 0,1 Promille. Ein Mann kann vor der Heimfahrt also vier, fünf kleine Biere bechern, eine Frau durchaus drei Gläser Sekt nippen. Die Binsenweisheit ist allerdings gefährlich. Denn wer im Training ist, fühlt sich gar nicht zu beschwipst - selbst wenn er es ist.


Dem Begrüßungssekt folgen zwei Gläser Rotwein. Als ich zum ersten Mal meinen Promillewert erblase, warnt mich die Anzeige: 0,66. Die Grenze ist überschritten. Jetzt darf ich nicht mehr Auto fahren. Am Buffet will ich mich daher nüchterner futtern. Der Experte spricht vom Resorptionsdefizit und meint damit den Alkohol, der bei einem gut gefüllten Magen nicht ins Blut geht. Trotzig schreibe ich sogar "ein Käsebrot" auf meine Spirituosen- Checkliste. Die trockene Bemme spüle ich mit einem weiteren Glas Rotwein runter und schlucke zur besseren Verdauung gleich einen Grappa hinterher. Auf dich Widmark, du alter Schwede!

0,5 Promille ist für Autofahrer die erlaubte Obergrenze des Alkohol- Gehaltes im Blut. Ein Wert ab 1,1 Promille gilt als Straftat - der Führerschein wird eingezogen. Wer mit 1,6 Promille erwischt wird, muss zur medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU).

Vor dem nächsten Blasen, wende ich einen Trick an und wasche meinen Mund mit Wasser aus. Das senkt den Alkoholgehalt im Atem. Dennoch: 0,92 Promille. Die Gefahr, jetzt einen Unfall zu verursachen, ist fast zehnmal höher als im nüchternen Zustand. 2010 bauten 1189 Thüringer unter Alkoleinfluss einen Verkehrsunfall. Das will ich genau wissen. Ordentlich angetütert teste ich jetzt mein Fahrvermögen an einem speziellen Rechner. Leuchten Farben auf, drücke ich auf fünf entsprechende Knöpfe. Wird es verlangt, reagiere ich auf Piep- und Brummtöne, trete beidfüßig Pedale. 540 Reize in 515 Sekunden, alle Glieder sind in Bewegung.


Für einen erfahrenen "Dr. Kawashima"- Nintendo-Spieler und Ex-Schlagzeuger doch kein Problem, glaube ich. Doch weit gefehlt: Beim ersten Test bin ich mies. Erst nach dem zweiten Versuch platze ich vor Stolz. Denn ich bilde mir ein, einen neuen Highscore aufgestellt zu haben. Ich verkenne: Läuft mir plötzlich ein Kind vors Auto, habe ich keine zweite Chance.


Am Ende torkel ich mit 1,75 Promille hinaus. Betrunken im Dienst der Wissenschaft. Wer so blau mit 1,6 Promille und mehr am Steuer erwischt wird, muss zur MPU, dem "Idiotentest". Ich muss nur noch ausnüchtern. Ganz langsam geht das. Mit 0,1 Promille pro Stunde.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
3 Kommentare
13.458
Uwe Zerbst aus Gotha | 20.07.2011 | 09:56  
Michael Steinfeld aus Erfurt | 20.07.2011 | 09:59  
13.458
Uwe Zerbst aus Gotha | 22.07.2011 | 11:04  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige