Buchtipp: "Verderbnis" ist eine Tour de Force durch die dunkle Welt von Mo Hayder

Autorin Hayder: "Was halten Sie von dieser Wahrheit?" (Foto: Randomhouse/Arnaud Fevrier)
"Sie brauchen nur Ihren Kopf zu öffnen. Öffnen Sie ihn, und plötzlich ist er voll von Wahrheiten, mit denen Sie nie gerechnet hätten." Dieser Satz ist ungewöhnlich. Denn Autorin Mo Hayder meint ihn ausnahmsweise nicht wörtlich.

Psychologisch fein erzählt sie ihren neuen Roman "Verderbnis", in dem sie Detective Inspector Jack Caffery zum fünften Mal ermitteln lässt. Gerade weil Hayder diesmal ohne detailverliebte Gewaltexzesse auskommt, ist er einer der besten der Reihe. Subtiler als "Ritualmord", geradliniger als "Haut" und böse wie "Der Vogelmann". Allein das Ende leidet unter hohem Tempo und Substanzverlust.

Hayder spinnt ein paranoides Geflecht, das sich nur langsam entwirrt und am Ende platzt wie eine Eiterblase. Ihre sonst so eigenwillige, fast skurrile Themenwahl weicht diesmal der Authentizität: Caffery und Polizeitaucherin Flea Marley sind einem Kindesentführer auf der Spur. Ein vielschichtiger, aber sensibel erzählter Stoff, in dem beide Ermittler mit ihren Ängsten und Traumata konfrontiert werden. Vor allem Caffery, der um Rache und Befreiung von Schuld kämpft, ist dem Bösen dabei wieder erschreckend nah. Allerdings entwickelt Hayder ihre Hauptcharaktere durch Träume und Unausgesprochenes im Hintergrund weiter. So bleibt viel Raum für die Genese der Nebendarsteller, was sowohl Handlung als auch Plot zugute kommt.

Geradlinig wie der Aufbau sind auch die Leitmotive von "Verderbnis": Rache und Macht. Nicht neu, aber Hayder ist wie in jedem ihrer Romane unverdächtig, ureigene Triebfedern lieblos neu einzukleiden. Denn obwohl sie keine bösartige Fantasie auslässt, kommt die Rache des Täters lange erschreckend menschlich daher. Und auch seine Machtfantasien halten den Lesern einen Spiegel vor: Die Sucht, Menschen zu kontrollieren, resultiert aus der Angst, selbst zum Opfer zu werden.

"Was halten Sie von dieser Wahrheit?", wird Caffery am Ende gefragt. "Einen Punkt, an dem Sie stehen können? Oder einen, an dem Sie anfangen können?" Auch für den Leser ist es schwer, diese Frage zu beantworten, wenn er sich auf Hayders dunkle und psychotische Welt einlässt. Denn gerade das, von dem wir glauben, dass es Gewalttätern fehlt - die Empathie - ist nötig, um anderen Menschen Leid zufügen zu können. Diesen Graben des Verstehens baut Hayder sensibel aus und beweist ihre schriftstellerische Brillanz. Da sie die Furcht ihrer Leser spürt, kann sie ihre Ängste schüren.
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3 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 03.04.2011 | 07:22  
Emanuel R. Beer aus Gotha | 03.04.2011 | 12:26  
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Hannelore Grünler aus Artern | 03.04.2011 | 20:04  
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