Das Rentendilemma: Müssen wir das Eintrittsalter an Bismarck angleichen?

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Immer weniger Junge müssen die Rente für immer mehr Ältere aufbringen.
Die Demografie lügt nicht. Die Prozesse der „Veralterung“ unserer Gesellschaft sind unumkehrbar und überall spürbar. Und dies ist nicht nur ein deutsches Problem.

So hatte sich das Bismarck 1889 nicht gedacht. Als er die Rente für Arbeiter ab 70 einführte, lag die Lebenserwartung bei rund 40 Jahren. Der Beitragssatz betrug seinerzeit 1,7 Prozent und wurde zur Hälfte vom Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen. Die wenigsten Menschen kamen überhaupt in den Genuss dieser Altersversorgung – sie waren schon tot.

Anders ist es heute. Schätzungen zufolge wird sich die Zahl der über 80-jährigen Europäer in den nächsten Jahrzehnten verdreifachen. Wollen wir in Zukunft noch unsere Renten finanzieren, dann werden wir wohl oder übel das Renteneintrittsalter an Bismarck angleichen müssen. Trösten können wir uns dann mit der Tatsache, dass den meisten von uns ab dem 65. Lebensjahr noch 15 bis 20 Jahre Lebenszeit bei guter Gesundheit bevorstehen.

Die meisten EU-Länder haben Rentenansprüche zwischen dem 60. und 65. Lebensjahr gesetzlich vereinbart. Doch das tatsächliche Renteneintrittsalter ist im Durchschnitt um ein bis zwei Jahre niedriger. Die spannende Frage wird sein, ob die Altersarmut wächst, wenn der Renteneintritt später stattfindet. Viele Menschen nehmen Abstriche bei der Rente in Kauf, um doch früher aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Das höhere Renteneintrittsalter könnte aber auch zu einer höheren Beschäftigungsquote der über 60-Jährigen führen.

­Neueste Statistiken zeigen, dass zum Beispiel in Thüringen beides der Fall ist. Der Anteil der über 60-Jährigen in einem Beschäftigungsverhältnis hat sich in den vergangenen fünf Jahren um 80 Prozent erhöht. Trotzdem ist aber nur jeder Zweite der 60- bis 64-Jährigen erwerbstätig. Diese haben in der Regel ein ununterbrochenes ­Beschäftigungs­verhältnis in einem Unternehmen und können dort ihren reichen Erfahrungsschatz weiterhin zur Verfügung stellen.

Sehr problematisch ist es allerdings für Arbeitssuchende 55 plus. Hier ist die Gesellschaft kein Stück weitergekommen. Nur zwei Prozent schaffen es, aus der Arbeitslosigkeit wieder in ein Beschäftigungsverhältnis zu kommen. Auch darf man nicht vernachlässigen, dass viele Ältere, die als erwerbstätig gelten, lediglich einen Mini-Job ausführen.

Immer mehr Rentner müssen oder wollen sich zu ihrer Rente etwas hinzuverdienen. Nur jeder Dritte der über 60-Jährigen ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Damit gelingt es ihnen nicht, in diesem Alter noch etwas in die Rentenkasse einzuzahlen.

Wie geht es uns Deutschen im europäischen Vergleich? Ein wichtiges Kriterium für das Verständnis des Werts von Rentenansprüchen ist die sogenannte Ersatzquote. Diese beschreibt den Prozentsatz, den die Altersrente im Verhältnis zum Einkommen aus dem Arbeitsleben erreicht.
Nach einer aktuellen OECD-Studie hat zum Beispiel ein Spanier, der mit 65 Jahren in Rente geht, eine Netto-Ersatzquote von durchschnittlich 84 Prozent, in Italien liegt diese bei 76 Prozent und die Griechen schaffen sogar mehr als 110 Prozent. Deutschland gehört zu den Schlusslichtern mit etwa 58 Prozent.

Der Unterschied zwischen Griechenland und Deutschland: Bei den Griechen werden nur die letzten fünf Arbeitsjahre in die Rentenberechnung einbezogen. In Deutschland ist es die gesamte Lebensarbeitszeit und meistens bekommt man in den letzten Jahren mehr als zu Beginn. Der OECD-Durchschnittswert beträgt 69 Prozent. Die hinteren Plätze teilen sich mit uns Schweden, Großbritannien und Irland. Leider sieht es danach aus, dass die deutsche Ersatzquote von 58 Prozent in Zukunft nicht steigt.

Laut EU-Statistikamt Euro­stat arbeitet ein Arbeitnehmer in unserem Land zudem etwas länger als seine europäischen Nachbarn. Durchschnittlich dauert ein Arbeitsleben in der EU 34,5 Jahre. Die Deutschen arbeiten 37,4 Jahre, die Franzosen 34,3 Jahre, die Italiener 29,7 Jahre und nur die Schweden müssen mit 41 Arbeitsjahren länger auf ihre Rente warten. Für eine Rente ohne Abschläge muss man in Deutschland 45 Jahre einzahlen, in Frankreich 41 und nur in Griechenland und Spanien reichen bisher 35 Jahre.

An diesen Fakten sehen wir, dass die Rentenproblematik ein zentrales Thema unserer Gesellschaft ist. Wir alle sind aufgerufen, uns aktiv in diese Diskussion einzubringen.
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21 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 24.01.2014 | 13:45  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 24.01.2014 | 13:59  
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Renate Jung aus Erfurt | 25.01.2014 | 01:16  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 25.01.2014 | 09:27  
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Renate Jung aus Erfurt | 25.01.2014 | 18:44  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 25.01.2014 | 19:20  
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Renate Jung aus Erfurt | 25.01.2014 | 23:52  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 26.01.2014 | 10:14  
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Renate Jung aus Erfurt | 27.01.2014 | 00:53  
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Antje Hellmann aus Jena | 27.01.2014 | 14:27  
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Renate Jung aus Erfurt | 27.01.2014 | 22:26  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 28.01.2014 | 18:56  
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Renate Jung aus Erfurt | 29.01.2014 | 21:15  
meinanzeiger .de aus Erfurt | 03.02.2014 | 11:23  
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Renate Jung aus Erfurt | 03.02.2014 | 20:16  
Matthias S. Freund aus Erfurt | 07.02.2014 | 08:51  
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Antje Hellmann aus Jena | 07.02.2014 | 11:04  
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Ronald Koch aus Ilmenau | 08.04.2014 | 22:29  
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Renate Jung aus Erfurt | 08.04.2014 | 23:18  
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Ronald Koch aus Ilmenau | 09.04.2014 | 00:01  
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Renate Jung aus Erfurt | 09.04.2014 | 23:17  
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