Das Unternehmer-Gen - Matthias Grafe erkennt in der Wohlstandsgesellschaft den Grund für immer weniger Existenzgründungen

Zur Person: Matthias Grafe kam 1990 aus dem Sauerland nach Thüringen. Mit seinem Industrieunternehmen, das Kunststoffe modifiziert, begann er auf der grünen Wiese in Blankenhain. Er sagt: „Wir sind ein echtes Unternehmen, das Werte schafft.“ Er hat 280 Industriebeschäftigte. Nebenbei ist er in die Tourismusbranche eingestiegen und hat ein Golfhotel mit 100 ­Beschäftigten in Blanken­hain errichtet. (Foto: Axel Heyder)
Erfurt: Allgemeiner Anzeiger |

Für das Wirtschafts­magazin „HIER leben wir Leistung, wagen wir Ideen, schreiben wir Erfolg“ hat der Allgemeine Anzeiger Thüringer Unternehmer an einen Tisch geholt. Teilgenommen an der Gesprächs­runde haben Helmut Meyer, Inhaber des Personal­dienstleisters GeAT AG, LMI-Licensee Cornelia Stöckmann, selbstständig im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, Helmut Peter, Geschäftsführer der Autohaus Peter Gruppe, sowie Matthias Grafe, Managing Director der Grafe Advances Polymers GmbH. Moderiert wird die Runde vom Personalberater Matthias Freund (Human Resources Consulting).

Freund: Immer weniger Deutsche wollen sich laut Statistik selbstständig machen. Die Zahl der Unternehmensexistenzgründungen ist dramatisch rückläufig. Würden Sie aus Ihrer Sicht unter den heutigen Bedingungen den Schritt noch einmal gehen? Haben sich für Existenzgründer die Bedingungen verschlechtert?

Grafe: Ich kann nicht anders, ich bin immer Unternehmer gewesen. Ich bin genetisch vorgeprägt. Schon als Student wollte ich eine Lampenfabrik kaufen. Ich suche immer etwas Neues. Das ist das Schwierige im Unternehmertum, die Spannung immer so hochzuhalten. Ich baue gerne etwas auf. Wenn es dann aufgebaut wird, ist es ein bisschen langweilig. Die Sozialisierung der jungen Menschen ist heute ganz anders. Die Menschen wachsen schon im Überfluss auf und haben keine Probleme mehr. Der Antrieb ist nicht mehr da. Wir haben eine Bewegung in der Gesellschaft, dass der Staat immer mehr übernehmen soll. Die Staatsgläubigkeit der Menschen steigt. Die Eigenverantwortung sinkt. Die jungen Leute sehen, dass das Unternehmertum auf der einen Seite erfolgreich und schön sein kann, aber sie sehen auch, dass das mit sehr viel Arbeit verbunden ist.

Peter: Ich habe mit nichts außer meinem guten Willen angefangen. Ich kannte keine Marktwirtschaft und keine Mehrwertsteuer. Ich habe einfach nur gesagt: Ich mach das. Es kam noch ein bisschen Glück dazu.

Meyer: Ich bin erst sehr spät mit 40 Jahren Unternehmer geworden. Mein Vater war Bergmann. Wir hatten kein Geld zu Hause, ich musste erst einmal eine Lehre als Bankkaufmann machen. Ich habe das Abitur nachgemacht und studiert – Volks- und Betriebswirtschaft und Jura. Ich habe schon als Skilehrer, Schuhverkäufer und Kellner gearbeitet, war zuletzt verbeamtet. Aber das waren nur Zwischenstationen mit dem Ziel, Unternehmer zu werden. Der erste Auftrag, den wir hatten, wurde nicht bezahlt. Da waren wir gleich im Minus. Doch ich habe es nie bereut, Unternehmer zu werden. Es war die beste Entscheidung in meinem ganzen Leben.

Peter: Wer heute Geld hat, fragt sich: Warum soll ich mich heute noch selbstständig machen? Ich habe doch alles, was ich brauche. Und wer kein Geld hat, aber den unternehmerischen Trieb, sich selbstständig zu machen, bekommt die Möglichkeiten nicht geboten durch unsere restriktive Bankenwelt. Und wenn ich keinen Geldgeber finde, kann ich mich auch nicht selbstständig machen.

Grafe: Ich finde, es ist heute leichter, ein Unternehmen zu gründen. Wenn du gute Ideen hast, ist es leichter, Kapital zu finden. Ich habe 1991 mein Unternehmen gegründet. 1998 hatte ich immer noch Mitarbeiter, die mehr verdient haben als ich. Dazu muss man einfach bereit sein als Unternehmer. Den Weg scheuen natürlich viele.

Freund: Aber Hochtechnologie oder patentbasierte Gründungen sind nicht so einfach vergleichbar. Ich denke zum Beispiel an die Handwerker.

Grafe: Das ist das Problem in der Bankenlandschaft. Sie bekommen problemlos 100.000 Euro. Der Arbeitsaufwand für die Banken ist auch der gleiche wie bei kleinen Krediten.


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