Dem Himmel so nah - Israel: Göttlich oder gefährlich?

Blick auf die Klagemauer und den Felsendom mit Goldkuppel in Jerusalem. Die 3800 Jahre alte Hauptstadt ist allein die Reise wert: Drei Weltreligionen, Antike und Moderne, Weltkulturerbe innerhalb einer Stadtmauer.
 
Auf den Spuren der Wunder Jesu am See Genezareth.
 
"Juchu, ich bin getauft."
Prustend taucht der Rotschopf wieder auf. Dreimal haben die beiden Männer die Frau rücklings unter Wasser gehalten. Nun malt ihr der Ältere mit seinem Daumen ein unsichtbares Kreuz auf die Stirn. "Halleluja!", jubelt sie, streckt ihre Arme zum Himmel, umarmt die Zwei vor Glück. Sie ist getauft. Im heiligen Wasser des Jordans, wo schon Johannes Jesus taufte.

Wir, 21 Leser des Allgemeinen Anzeigers auf Bildungsreise in Israel, beobachten die US-Pilgergruppe in ihren weißen Taufhemden aus respektvoller Entfernung. Ihren intimen Moment in aller Öffentlichkeit. Einige von uns stehen nur bis zu den Knöcheln im Wasser. Taufkneippen sozusagen. Es liegt eine besondere Magie über diesem malerischen Ort Jardenit.

Zum Glauben

Zehn Tage sind wir zu Gast im Heiligen Land. In Israel scheinen die Menschen dem Himmel so nah, sind per du mit Gott. Wie der Glauben vorgelebt und im Alltag integriert wird, ist in Israel einzigartig.

Mehr als drei Viertel der Bevölkerung sind jüdisch. Sie leben mit koscherem Essen, das keinen Cheeseburger zulässt, weil Milch und Fleisch nicht gemischt werden dürfen. Oder mit Sabbat-Fahrstühlen, die auf jeder Etage halten, weil Knöpfedrücken am Ruhetag als Arbeit gilt. Sie leben mit ihrer Bürde als auserwähltes Volk Gottes - Fluch oder Segen?

Besonders macht das Land zudem die Mischung: Allein die Hauptstadt Jerusalem ist drei Weltreligionen heilig. Zwar ist nur eine Minderheit der Israeliten christlich - dafür pilgern umso mehr aus dem Ausland in den Staat, in dem Milch und Honig fließen. Auf den Spuren von Jesus beten sie in den blühenden Gärten und singen an den heiligen Orten der Stille. Wie wir umrunden sie den See Genezareth, wo Jesus vor 2000 Jahren innerhalb eines sehr übersichtlichen Gebietes Wunder über Wunder wirkte, bis heute über zwei Milliarden Menschen von seinen Lehren überzeugte und damit Weltgeschichte schrieb.

An ihren realen Schauplätzen wirkt die Bibel lebendiger und der Glauben ansteckend. Mit nur fünf Broten und zwei Fischen verköstigte er in Tabgha 5000 Menschen, übergab nach Tod und Auferstehung Apostel Petrus die Schlüssel zum Himmelreich.

PROBIEREN
Die kulinarische Spezialität am See Genezareth ist der grätenreiche Petrusfisch.

Am See Genezareth wandelte der Heiland laut Bibel übers Wasser, stillte einen Sturm und sorgte dafür, dass die Fische wieder beißen. Fast 18-mal so groß wie die Thüringer Bleilochtalsperre, ist er der am tiefsten gelegene Süßwassersee der Welt und das wichtigste Wasserreservoir. Ohne ihn verdurstet das Land. Der Blick fällt auf die nahen syrischen Golanhöhen, die Israel seit dem Sechs- Tage-Krieg ums Wasser seit 43 Jahren besetzt hält. Alles liegt hier ganz dicht beieinander. Auch Krieg und Frieden.

SPAREN
Der Wasserspiegel des Sees ist tief wie nie und sinkt weiter. Die Spartaste an der Toilettenspülung wurde für Israel zum Exportschlager in die Welt.

„Komm gesund nach Hause.“ Nie zuvor haben mich Freunde, Kollegen und Familie so sehr gebeten, im Urlaub auf mich Acht zu geben. Bedeutet Israel Bomben und Terror wie in den Nachrichten oder Party und Rock‘n‘Roll wie in den "Eis am Stiel"-Filmen?

Ohne Vorwurf

Wir treten an diesen Tag noch vor unseren Bus. Die Sirene heult laut, durchdringend und monoton. Ihr mahnendes Signal schrillt schmerzend in den Ohren. Um zu erinnern an sechs Millionen Juden, die während der deutschen Nazi-Herrschaft ermordet wurden. Für zwei Minuten scheint das sonst belebte Stadtbild Tiberias eingefroren. Jeder bleibt wie angewurzelt - auch mitten auf der Straße, wo plötzlich kein Auto mehr fährt. Die Ampel wechselt unbeachtet von Grün auf Rot auf Grün, doch das Land steht still. Dann verklingt die Sirene - und irgendjemand drückt die Wiedergabe-Taste. Von einer auf die andere Sekunde kehrt das Leben in Israels Menschen zurück.

Nur fünf Minuten zuvor: Eine alte Frau spricht mich auf der Straße an: "Where are you from?” Im Hinterkopf habe ich die Worte unseres Reiseleiters Egmond Prill: "Jom ha- Schoah ist kein Gedenktag gegen Deutschland. Er ist für Israel.” Verschämt gestehe ich also: Ich komme aus Deutschland. Ich warte auf mein Urteil. Doch es kommt kein Vorwurf, keine Miene verzieht sich in ihrem runzeligen Gesicht. Die geschäftstüchtige Dame macht mich nur auf die günstigen Preise in ihrem Laden um die Ecke aufmerksam. Mir wird klar: Das schlechte Gewissen hätte ich für diese Reise nicht einpacken müssen.

Zum Liebhaben

Die Schilder an öffentlichen Orten verbieten zu rauchen, zu essen, kurze Hosen oder Waffen zu tragen. Keine ungewöhnliche Bitte. Wir werden während unseres Urlaubs viele Bewaffnete sehen. Sie bewachen die Hotels und die großen Einkaufszentren. Sie stehen an den vielen Kontrollstellen im Land. Selbst Lehrer oder Eltern begleiten Schulklassen mit dem geschulterten Gewehr.

ISRAEL GILT ALS GEFÄHRLICH
Die Hälfte der 30.000 Menschen, die in 28 Ländern befragt wurden, bescheinigen dem Mittelmeerstaat in einer Sympathie-Umfrage einen negativen Einfluss. Schlechter schnitten nur der Iran, Pakistan und Nordkorea ab.

Israel ist ein traumhaftes, aber auch ein traumatisiertes Land. "Die Medien berichten einseitig, ja falsch. Und immer nur diese Negativ-Schlagzeilen." Der sonst so fröhliche Schweizer Sing-Sang unserer Reiseleiterin Lea Belz, die vor Jahren nach Israel ausgewandert ist, wird vom Frust abgeschnürt. Die Israelis wollen so sehr geliebt werden und fühlen sich doch so allein. Sie sind offen, freundlich, bis in die Zehenspitzen engagiert. "Berichte, wie schön es in Israel ist”, bitten sie mich an jeder Ecke.

Das will ich. Von diesem gerade 62 Jahre jungen Kunstland und doch 3000 Jahre altem Königreich. Von diesem interessanten Religions- und Völkergemisch aus mehr als 270 Nationen, das die Wüste zum Blühen gebracht hat. Von öden Ebenen, die nur wenige Kilometer entfernt grüner Auen liegen. Von Beduinen, die wie ihre Urahnen in Zelten leben und nicht viel wissen von den modernen Städten, in denen USB-Sticks und das Telefonieren per Computer erfunden wurde. Israel ist wohl auch Terror und Krieg. Aber Israel ist noch so viel mehr.


SEHENSWÜRDIG

Das Tote Meer: Der am tiefsten gelegene See der Erde – fast 800 Metern unter dem Meeresspiegel. Wer hier badet, kann schwerelos die Zeitung lesen – das Salz trägt den Körper. Die Mineralien helfen bei Hautkrankheiten.

Felsenfestung Masada: 973 Juden standen hier einer Übermacht von 15.000 römischen Legionären gegenüber. Drei Jahre hielten sie der Belagerung stand. Dann töteten sie sich lieber gegenseitig, als den Besatzern in die Hände zu fallen. Ein Stück Geschichte epischen Ausmaßes. Das Troja, das Minas Tirith Israels, ist für einige Touristen der Höhepunkt.

Antike Stadt Megiddo: Hier liegt der Schauplatz für das Armageddon, für den endgültigen Kampf zwischen Gut und Böse. 6000 Jahre alte Trümmer sind ein Leckerbissen für Archäologen. Solch ein "Tell" ist ein Schichtsalat der Siedlungszeiten.
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