Der kleinste Hund kriegt die meiste Prügel - Fundtiere haben keine Lobby - Rüde "Explanatio" klagt an - Landesregierung in Erfurt gefordert

"Explanatio" allein im Wald. (Foto: Maja Dumat / pixelio.de)
 
Gefunden. (Foto: Maja Dumat / pixelio.de)
 
"Explanatio" sucht sein Herrchen. (Foto: Maja Dumat / pixelio.de)
 
Wann kommt endlich Hilfe. (Foto: Maja Dumat / pixelio.de)
 
"Explanation" ist der Prinz. (Foto: Maja Dumat / pixelio.de)
Erfurt: Steigerwald |

Fundtiere in Thüringen: Explanatio hatte ein entspanntes Hundeleben, dann jagte er einen Feldhasen und fand nicht zurück zu Herrchen. Im Allgemeinen Anzeiger erzählt er seine Geschichte.

Von Fundtier "Explanatio"



Wuff,

Was für ein Hundeleben als Fundtier. Ich schwöre bei meinem Stammbaum: Ich büxe besser nicht mehr aus. Denn das kann in Thüringen ein richtiger dicker Hund werden - obwohl Tierschutz mein verfassungsmäßiges Recht ist.


Das kam so: "Wo ist Herrchen?", fragte ich mich damals - allein und winselnd im Wald. Eigentlich hatte ich verstanden, was Menschen von mir wollen: Platz, sitz, gib Pfötchen. Zugegeben, bei "aus" mogelte ich auch schon mal. Wie ich das hasse: "Explanatio", aus! Da krieg‘ ich krauses Fell.

Doch auf "Explanatio! Hier!" werde ich künftig sofort reagieren. Blöd nur, dass mein Herrchen das nicht mit mir geübt hat. Und damals, als er hektisch "aus", "zurück" schrie, war der Feldhase für mich interessanter - und natürlich schneller. Blöder Jagdtrieb. "Explanatio ist allein im Wald", jaulte ich vor mich hin. Von Herrchen keine Spur.

Oh nein, plötzlich kam ein Wanderer. "Hoffentlich ein Gutmensch", dachte ich. Mein potenzieller Finder näherte sich noch ängstlich. Ich sagte zu mir: "Explanatio, jetzt nur nicht knurren." Ich neigte meinen Schädel zur Seite, zwinkerte und wedelte mit der Rute. "Schwein gehabt!" Der Finder ließ mich nicht links liegen. Endlich Hilfe in dieser Einöde. "Aber wo ist nur mein Herrchen?"

So eine Hundekacke, denn es war auch noch Wochenende. Man muss wissen, da steht ein ehrlicher Finder manchmal wie ein begossener Pudel da - und abends unter der Woche ist das nicht anders. Ich musste winseln, hatte plötzlich eine Hundeangst. Tierheim und Ordnungsamt: geschlossen. Jaulen half da nicht, sondern nur ein klarer Hundeverstand.

Der nette Helfer reagierte und zückte sein Handy. Ich bekundete meine Zustimmung mit einem Seufzer. Das hilft ja Zuhause auch immer, da lächelt Herrchen so niedlich. "Hoffentlich kennt sich das hilfsbereite Menschlein aus", dachte ich, als es zögerte. "Hallo, ich bin ein Notfall, allein, aber gepflegt und mit Marke am Halsband. Ich bin nicht herrenlos, das sieht man doch."

Ich setzte noch einmal ein deutliches Zeichen und wimmerte wehleidig. Endlich setzte mein Retter den Notruf 110 ab. Das ist erlaubt, bei Gefahr im Verzug. Das hatte mir "Eddy Erbse", der Dackel von Nachbarin Erna einmal zugewufft. Der hatte seinen Jagdtrieb auch nicht unter Kontrolle und ist drei Mal ausgebüxt. Einmal kam die Polizei, in einem anderen Ort fuhr ein Tierheimtransporter vor und in der Großstadt durfte er sogar im Feuerwehrauto mitfahren. Doch, Pfote drauf!

Mein Finderheld beschrieb mich am Telefon. "Es geht nach Hauuuse", dachte ich schwanzwedelnd. "Hier gehe ich jedenfalls nicht vor die Hunde. Was palavern die nur?"

Heute weiß ich es genau: Die Kommunen sind für mich als Fundtier zuständig. Doch es war Sonntagnachmittag. Im Rathaus drehte sich seit 52 Stunden kein Rad mehr. Aber ein Fund muss ja angezeigt werden. "Das ist typisch hundedeutsch", wuffte ich in meine Lefze. "Muss ich wohl mit meiner Pfote noch eine Marke ziehen? 0815, Explanatio bitte in Raum 116!" So oder so ähnlich gibt es das in Thüringen. Da werden Tiere im zuständigen Tierheim erst aufgenommen, wenn vorher eine Fundanzeige bei der Ordnungsbehörde erfolgte. Da wird doch nicht nur der Hund in der Pfanne verrückt!

Doch ich hatte tierisches Glück: Eine kompetente Leitstelle, die korrekt informiert ist - und ein zuständiges Tierheim. Die Rettungskette funktionierte super. Und es ging schnell. Anderenorts mussten tierfreundliche Finder bis zu drei Stunden auf Hilfe warten. Kein Wunder, dass manche bei Fundtieren einfach wegsehen.

Den Finder von "Rocky Ravioli", dem Pinscher aus dem Blechbüchsenviertel, hatte es zum Beispiel arg getroffen. Der zeigte Tierliebe in einem Ort, in dem man dem kleinsten Hund die meiste Prügel gibt. Da gab es kein Tierheim, nicht einmal eine Vereinbarung mit einem Tierschutzverein, obwohl das kommunale Pflicht ist. Zum Jaulen! Diese Orte sollten auf WikiLeaks ­angeprangert ­werden. Das ist so eine Enthüllungsplattform, fiepte mir die kluge "Paula Goldi"  in der  Hundeschule zu. Doch, bei meiner Stammbaum-Ersten, solche Kommunen gibt es. 

Der Finder von "Rocky Ravioli" handelte jedenfalls gesetzeskonform. Er bestand auf die Aufnahme des Findlings in einem Tierheim. Er setzte sich durch und bekam die Quittung. Das Tierheim der Nachbarregion schickte die Rechnung an die Gemeinde, in der der Hund gefunden wurde. Und diese wieder reichte sie an den Finder weiter. Da stinkt der Hund gewaltig!


Zitat
'Es ist dringend notwendig, die Regelungen für Fundtiere gesetzlich eindeutig zu verordnen. Tierschutzverbände und Tierheime dürfen nicht allein gelassen werden.'
Matthias Zauche, Tierheimleiter Weimar


Schlafende Hunde und Politiker sollte man doch wecken. Orte, in denen der Schwanz mit dem Hund wedelt, sollten ihre Pflichten nicht einfach ignorieren können. Da ist die Oberobrigkeit, der Rudelführer gefordert. Entscheider, die gern mit den großen Hunden pinkeln wollen, aber das Bein nicht heben können: "Das muss ein Ende haben", bellt es aus mir heraus. Das wäre ja noch schöner, wenn es eine Hunde-Ausbüx- App geben müsste, damit ein Finder später keinen Ärger bekommt. Da ertönt "lauf", wenn der Hund ein tierfeindliches Areal ohne Hilfsangebote betritt - und "sitz" in einem gelobten Hundeland. Das wäre Betrug und ginge zu Lasten der gesetzestreuen Kommunen.

Mal so von Hund zu Hund: Wie wäre es, wenn Finder in aus der Reihe tanzenden Gemeinden einfach die Fundtiere an den Zaun des Bürgermeisters binden oder die Tierboxen in seinen Vorgarten stellen? Tierisch gut.

Mein Fall ging glimpflich aus. Herrchen hatte schnell wieder normalen Blutdruck. Der knuddelte mich vielleicht zwei Tage später vor Freude. Klar, habe ich ihn schwanzwedelnd abgeschleckt. Er hatte ja alles richtig gemacht: Verlust angezeigt, auf Tierheim-Anrufbeantworter gesprochen, Polizei und Jagdpächter informiert, Zettel mit Foto von mir verteilt: "Explanatio vermisst!" Und das Wichtigste: Er hatte mich chippen lassen, ist ja Pflicht in Thüringen. Und bei der Tierschutzorganisation Tasso bin ich auch freiwillig registriert. So konnte ich in der Rettungskette - dank Lesegerät - schnell identifiziert werden. Die Euronen für meine Unterbringung zahlte Herrchen auch gern, nur gemeinsam sind wir stark und glücklich. Wuff!

Gesetz
• Gilt für private Haltung, Kommunen & Tierheime: § 2 Tierschutzgesetz Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltens­gerecht unterbringen... muss über die erforderlichen Kenntnisse und Fähig­keiten verfügen.


Hintergrund


• Das Fundrecht ist im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) geregelt. Nach § 90 a, BGB sind die Bestimmungen des Fundrechts auf Fundtiere anzuwenden.

• Fundtiere sind Tiere, die ihrem Halter ent­laufen / -flogen sind und bei denen anzunehmen ist, dass der Eigentümer sie wieder abholen wird. Juristisch werden sie als "besitzlos" - sie sind nicht im Zugriffsbereich des Halters - bezeichnet. Sie sind nicht "herrenlos".

• Die Fundtierverwahrung ist eine Pflichtaufgabe der Kommunen.

• Der Eigentümer hat sechs Monate nach der Fundanzeige das Recht, sein Tier zu ver­langen.

• Wird ein Tier im gemeindefreien Gebiet aufgefunden, ist das Landratsamt in der Pflicht. Wurde es an der Auto­bahn oder an einer deren Raststätten gefunden, ist die Autobahnmeisterei zuständig.

• Der Finder ist zur Anzeige des Fundes bei der Kommune verpflichtet, außerhalb der Dienstzeiten erfüllt die Polizei auch diese Aufgabe in Ersatz­vor­nahme.

• Der Finder kann sich bereit erklären, bis zur Übergabe des Tieres an den Eigentümer die Pflege und Betreuung zu übernehmen.

• Sollte aufgrund der Tageszeit oder anderer Umstände momentan niemand "zuständig" sein, darf der Finder sich des Tieres aber nicht "entledigen", sondern muss seinen Pflichten nachkommen, gegebenenfalls bis zum Dienstbeginn der Behörde. Andernfalls handelt er gesetzwidrig.

• Da Fundbüros meist keine Möglichkeiten zur tiergerechten Unterbringung haben, werden diese das zuständige Tierheim beauftragen.

• Manche Kommunen haben Bereitschaftsdienste oder  Verträge mit Tierheimen oder die Berufsfeuerwehren / ­Rettungsleitstellen erledigen die Aufgabe mit.

• Der Verlierer eines Tieres ist verpflichtet, beim Fundbüro seinen Verlust an­­zu­zeigen.

• Für Wildtiere ist der jeweilige Jagdpächter zuständig.

TIPPS


• "In der Regel kehrt ein Hund, wenn er eine klassische Bindung zum Halter hat, an den Ausbüxpunkt zurück. Der Hundebesitze sollte beim Verlassen dieses Ortes - um die Rettungskette auszulösen - z.B. eine Jacke ablegen", rät Thomas Kümmel von der Hundeschule Passion. "Bei der Rückkehr könnte der vierbeinige Liebling dort schon warten." Hunde-Sorgen-Telefon: 18 bis 20 Uhr, 03643 - 410447.

• "Bei einem verletzten Tier unbedingt vor dem Tierarztbesuch - oder parallel - der Anzeigepflicht nachkommen. Sonst kann der Finder auf den Kosten sitzen bleiben", Marika Wächtler, privates Tierheim Wolfsranch, Kranichfeld-Stedten.

Nachgefragt


• "Im Kreis Gotha bestehen mit vielen Gemeinden Verträge über Fundtiere. So ist geregelt, dass die Feuerwehr Fundtiere ins Tierheim nach Ülleben bringt. Die Berufsfeuerwehr Gotha besitzt sogar einen Tierheim-Schlüssel. Bei den Gemeinden die mit uns diesen Vertrag nicht besitzen, kümmert sich meistens die freiwillige Feuerwehr um die Fundtiere", sagt Kathrin Matthieß, Tierheimleiter.

• Fundtiere die nach den Öffnungszeiten des Ordnungsamtes der Verwaltungsgemeinschaft Kranichfeld im Zuständigkeitsbereich gefunden werden, sind bei der Polizei zu melden. Sie regelt die Vermittlung, nach eventueller Rücksprache mit dem Ordnungsamt, an das Tierheim in Pflanzwirbach.

• Für Fundtieren in Stadtilm ist die Tierauffangstation Großliebringen gebunden. "Sie hält für unsere Stadt und weitere Gemeinden eine 24-Stunden-Bereitschaft, auch am Wochenende, vor und wird von der Rettungsleitstelle, Stadt und Bürgern bei Fundtieren informiert. Chiplesegeräte besitzen alle Beteiligten an diesem Verfahren", sagt Jörg Werner, Leiter Bau- und Ordnungsamt.

• "Die Stadt Arnstadt erfüllt ihre Pflichtaufgabe durch ein kommunales Tierheim. Es ist für Fundtiere aus dem Stadtgebiet und des Gemeindegebiets des Wipfratals zuständig. Außerhalb der Sprechzeiten können Fundtiere sowie in Not geratene Tiere über die Rettungsleitstelle des Ilmkreises gemeldet werden", sagt Sebastian Schiffer, Leiter Tierheim Arnstadt. Das Arnstädter Tierheim hat Samstag und Sonntag von 8 bis 12 Uhr geöffnet. In seltenen Fällen erfolgt die Alarmierung des Tierheims über die Polizei. Das Ordnungsamt verfügt über ein Chip-Lesegerät.

• "Weimar hat ein städtisches Tierheim - ein "tierisches" Fundbüro der Stadt. Hier entfällt die Meldung ans Fundbüro", sagt Matthias Zauche, Tierheimleiter. Außerhalb der Dienstzeit gibt es eine Rufbereitschaft, 365 Tage im Jahr rund um die Uhr. Die Notfallnummer 01 72 - 7 81 58 97 wird auf AB angesagt und ist nur für Notfälle in der Stadt Weimar gültig. Auf der Tierheim-Homepage www.tierheim-weimar.de gibt es ein Fund-Such-Buch, dort können Verlierer und Finder kostenfreie Anzeigen schalten - auch über Weimar hinaus - und nach Heimkehr des Tieres selbst wieder löschen.

• "Manchmal werden Tiere  zu schnell weggefangen. Eine Notfallsituation muss abgewogen werden. Nicht jedes Tier, so streunende Katzen sind in Gefahr oder herrenlos. Wir holen Fund­tiere nur noch in Ausnahmen ab. Sie werden uns durch Polizei oder Finder gebracht. Am Wochenende werden wir über die Leitstelle kontaktiert", sagt Beate Zisofsky, Tierheimleiterin in Pflanzwirbach.

• "Für die Stadt Ilmenau einschließlich der Ortsteile gibt es einen 24-Stunden-Bereitschaftsdienst von Ordnungsamt /Feuerwehr. Für die Gemeinden im Ilm-Kreis, die Mitglied im Trägerverein (Tierheimverein) sind: Telefon tagsüber Tierheim, Ziolkowskistr. 4, 03677 - 671157, danach 0170 - 2010116 und Unterbringung beim Tierschutzverein Ilmenau, Weimarer Str. 76 oder 0170 - 2138048. Der Tierschutzverein Ilmenau wird bei Bedarf von der Polizei verständigt. Ein Chip-Lesegerät ist vorhanden", sagt Regina Urbatschek, Vorsitzende des Tierschutzvereins.

Anfrage des Thüringer Landtagsabgeordneten Bodo Ramelow zu Fundtieren 2014 an ein Ministerium

Inform@tionen


www.bv-tierschutz.de
www.tasso.net
www.web4dog.de
www.vetmed.de
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5 Kommentare
1.391
Marcus Daßler aus Zeulenroda-Triebes | 02.03.2015 | 10:51  
meinanzeiger .de aus Erfurt | 23.03.2015 | 15:13  
Thomas Gräser aus Erfurt | 23.03.2015 | 15:19  
meinanzeiger .de aus Erfurt | 23.03.2015 | 17:14  
meinanzeiger .de aus Erfurt | 23.03.2015 | 17:18  
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