Der seltsame Wunsch nach einem Angst-Tag

Am 31. Oktober ist Halloween. Angst jagen Kürbisse & Co. keinem auf Dauer ein. "Halloween ist nur etwas für den ersten Schrecken", sagt der Angst-Experte. (Foto: Rainer Sturm/Pixelio.de)
 
Professor Dr. Wolfgang H. R. Miltner vom Lehrstuhl für Biologische und Klinische Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. (Foto: P. Scheere/FSU)
 
Weit verbreitet ist die Angst vor Spinnen. Eine mögliche Erklärung ist, dass Menschen früher mehr mit den Achtbeinern als Feinde zu kämpfen hatten. (Foto: Ich-und-Du/Pixelio.de)
 
Die Gefahr schnell im Blick: Bedrohliche Reize werden schneller verarbeitet. (Foto: Uschi Dreiucker/Pixelio.de)
 
Angst im Dunkeln? Im Gehirn existiert ein komplexes System, das negative Erfahrungen abspeichert. (Foto: Lutz Stallknecht/Pixelio.de)
 
Sich zu fürchten, ist etwas Gutes. Schmerz zu haben, ist auch gut. Obgleich es widersinnig klingt, weil es uns darauf hinweist, dass in unserem Körper irgendetwas nicht in Ordnung ist. (Foto: CFalk/Pixelio.de)
 
Der Erfolg von Halloween, Horrorfilmen und Geisterbahnen: Erregungszustände sind zunächst einmal interessant. (Foto: C Falk/Pixelio.de)
Am 31. Oktober ist Halloween. Immer mehr Menschen gruseln und erschrecken sich an diesem Tag. Doch warum fürchten wir uns eigentlich – und wovor? Sollte man sich wirklich seinen Ängsten stellen? Und warum ist man vor Angst wie gelähmt? Antworten auf diese Fragen hat Professor Dr. Wolfgang Miltner von der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


Warum fürchten wir uns?
Da gibt es viele Antworten, aber eine Antwort ist, dass es eben in der Welt eine Reihe von Reizen gibt, die für unser Überleben, für unsere Gesundheit, für unsere persönliche Integrität bedrohlich sind.

Ist Furcht angeboren, erlernt oder beides?
Beides.

Gibt es ein Angstzentrum im Gehirn?
Es gibt überhaupt im Gehirn nie ein Zentrum. Wenn irgendein Verhalten, ein Erleben organisiert wird durch das Gehirn, ist meistens eine Vielzahl von Hirnstrukturen beteiligt. Und das gilt auch für das Thema Furcht und Angst.

Warum fürchtet sich meine Frau vor Spinnen, ich mich eher vor tiefem Wasser?
Das liegt daran, dass es sich entweder um Reizsituationen handelt, die evolutionär für uns im Zuge der Menschheitsentwicklung von besonderem Bedrohungswert waren, und wir deshalb beim Auftauchen dieser Reize in unserer Umwelt mit Vorsicht reagieren. Oder aber, weil wir im Umgang mit den entsprechenden Situationen, Reizen, Objekten negative Erfahrungen gemacht haben und zum Beispiel bedroht worden sind, verletzt worden sind oder in irgendeiner Weise daran sogar Schaden genommen haben.
Angst hat zwei Aspekte: Es gibt eine Vielzahl von Reizen in unserer Umwelt, vor denen sinnvoller Weise alle Menschen zunächst einmal mit Vorsicht, sprich ängstlich, reagieren, und versuchen, den Kontakt mit diesen Reizen entweder optimal zu kontrollieren oder wenn Kontrolle über diese Reize nicht möglich ist, sie sich vom Leib zu halten, sprich Abstand zu nehmen, zu fliehen, sich aus der Situation oder von dem Objekt zu entfernen.
Zum Beispiel haben die allermeisten Menschen enorme Angst vor Höhen, wenn sie an einer Klippe stehen und dort hinunterschauen müssen. Selbstverständlich haben alle Menschen Angst vor Raubtieren. Es gibt ganz viele solche Situationen mit Reizen, die - man sagt - eine ganz starke Anstiegsflanke haben, nämlich einen Knall. Davor erschrecken wir alle und sehen uns vor und versuchen uns zu schützen vor diesen Reizen, weil wir wissen, dass das Schaden für unser Gehör verursachen kann und meistens auch mit anderen, bedrohlichen nachfolgenden Dingen zu tun hat.

Hatten wir also vor Urzeiten mehr giftige Spinnen und deswegen heute Angst davor?
Das weiß man nicht. Alle diese evolutionären Hypothesen kann man nicht überprüfen. Die Erklärungen liegen nahe. Aber was nahe liegt, muss nicht wahr sein. Das kann uns gefallen, muss aber nicht zutreffen. Es wird angenommen, dass wir früher sehr in der Umwelt gelebt haben, in Höhlen, wo solches Getier relevant war, sodass das eine bedrohliche Reizkonstellation war für viele und wir deshalb im Gehirn einen Mechanismus entwickelt haben, diese Objekte in der Umwelt schnell zu entdecken, um uns mit Vorsicht ihnen zu nähern oder mit ihnen umzugehen und wenn das nicht möglich ist, zu fliehen.
Dann könnte man sagen: Alle Menschen, die das nicht geschafft haben, sich ganz schnell in Sicherheit zu bringen oder mit diesen Objekten kontrolliert oder als Sieger hervorzugehen, dass die ausgerottet wurden. Und auf der Basis, so erklärt es die Evolutionstheorie der natürlichen Selektion, sind eben dann lauter Menschen mit einem Hirnsystem übrig geblieben, das sehr stark auf solche Reize reagiert.
Ob das jedoch so war, weiß man nicht. Da man das experimentell nicht überprüfen kann. Es klingt alles sinnvoll, aber es muss nicht sinnvoll sein.
Viele andere sagen: Das ist vielleicht erlernt, weil die meisten Menschen negative Erfahrungen gemacht haben. Ich selber glaube das nicht. Aber solche Erklärungen sind Glauben und nicht wissenschaftlich prüfbar.

Wächst man aus bestimmten Ängsten heraus? Fürchten sich Kinder vor anderen Dingen?
Man kann ja Gott sei Dank Ängste überwinden. Sonst gäbe es keine Angsttherapie-Möglichkeit. Natürlich kann eine Reihe von Vorstellungen, die mit irgendwelchen schrecklichen Geschichten und Ereignissen verbunden waren, Ängste schüren und auch entstehen lassen.
Es könnte auch möglich sein, dass Leute irgendwelche Filme gesehen haben, in denen übergroße Spinnen die Menschheit terrorisiert haben, und dann in ihrer Filmfantasie darüber immer wieder Albträume bekommen und auf diese Art und Weise vielleicht unsicher werden, ob solches Getier in unserer Umwelt noch existieren könnte und möglicherweise ihnen selbst gefährlich werden kann.
Denn wenn man keine Erfahrung mit der Potenzialität einer Bedrohung machen kann, dann kann man sie auch nicht überwinden. Dann kann man immer daran glauben, dass es gefährlich ist und sich vor diesen Mutmaßungen in Sicherheit bringen oder schützen, ohne dass man testen kann, ob das wirklich auftritt.
Und bei Kindern, die eine Reihe Märchen mit nicht allzu positiven Inhalten konfrontiert werden, entsteht natürlich Fantasie, sodass durchaus auch die Vorstellung existieren kann, dass das Ungeheuer, von dem ich im Märchen gehört habe, in meiner kindlichen Fantasie wirklich existiert. Gleichwohl ich es noch nie gesehen habe, kann ich es nicht prüfen, ob es wirklich so ist und dann auch fantasieren, es befindet sich unter meinem Bettchen und ich bekomme dann einen Albtraum.
Das kann mit vielen Dingen zusammenhängen und ist mit Sicherheit nicht naturgewachsen oder vererbt oder auf evolutionäre Weise in uns gepflanzt, sondern mit Sicherheit durch solche Erzählungen vermittelt.

Horrorfilme, Geisterbahnen, Halloween: Warum haben so viele Menschen Spaß daran, sich freiwillig zu fürchten?
Das ist etwas ganz anderes. Im Gehirn existiert ein komplexes System, das einmal unser Gedächtnis verkörpert, wo all solche Erfahrungen, von denen ich vorher sprach, in irgendeiner Weise abgespeichert werden. Bin ich mal von einem Hund gebissen worden, dann wird das für mich als ein Ereignis von größerer Bedeutung abgespeichert und natürlich auch mit der Gestalt eines Hundes verknüpft. Wenn er in meiner Umwelt wieder aufkommt, werden die alten Gedächtnisinhalte wieder aktiviert und ich erinnere mich, dass es ein gefährliches Objekt ist. Was man zwischenzeitlich weiß, ist: Wir erinnern uns dabei nicht nur. Gleichzeitig kommen alle damaligen Emotionen - vielleicht nicht so stark - wieder ins Spiel. Auch das kann man als Gedächtnis bezeichnen.
Dieses Angstverarbeitungssystem gilt für alle Arten von Ängsten. Teilstrukturen von diesem System reagieren aber auch auf alles, was wir gesehen haben, sprich auf grundlegend neue Weisen. Stellen Sie sich vor, jemand verkleidet sich in einer Weise, wie wir das in unserer Umwelt noch nie gesehen haben: als Monster oder merkwürdige Gestalt. Jedem, der das sieht, wird das auffallen. Und ein Teil dieses Systems wird aktiviert, dass uns zunächst einmal dazu motiviert oder bringt, vorsichtig zu sein. Denn es ist unbekannt. Wir haben dieses Objekt noch nicht gesehen, wir haben noch keine Erfahrung damit. Wir wissen noch nicht, was dieses Objekt mit uns macht. Also ist Vorsicht geboten.
Und das wird als Erregungszunahme erlebt. Hinzu kommt bei solch einer Halloweengestalt, dass sie vollkommen uninteressant wäre, wenn sie sich nicht mit uns in Interaktion bringen würde. Wenn die Figur nur in 100 Meter Entfernung von Ihnen wegläuft, wäre das nicht so relevant. Aber diese Figuren haben eine Eigenart: Die kommen auf Sie zu. Denken Sie an die wilden Gestalten der schwäbischen Fastnacht. Die rennen auf die Zuschauer zu, um sie mit dieser Bekanntheit zu konfrontieren. Das bringt eine erhöhte Erregung zustande. Und Erregungszustände sind zunächst einmal interessant, weil sie uns aus unserer geraden Situation hervorbringen. Wenn dann auftritt, dass sie uns wirklich nichts tun und nur Erschrecken erregen, vielleicht auch witzig. Würden Sie uns aber bedrohen oder beschädigen, dann würden wir massive Angst davontragen und uns das nächste Mal nicht mehr mit diesen Figuren beschäftigen.
Ich fasse zusammen: Die Halloweenfiguren haben zwei Eigenschaften. Sie sind von der Gestalt her, von ihrem Aussehen, zunächst einmal völlig ungewöhnlich für unseren Alltag. Deswegen erreichen sie Aufmerksamkeit. Sie führen zu einer erhöhten Erregung. Das empfinden wir gelegentlich als positiv. Kommen sie auf uns zu, interagieren sie mit uns, wird diese Erregung noch etwas höher, weil wir nicht wissen, mit welchem Ausgang das passiert. Realisieren wir aber, dass uns kein Schaden passiert, ist auch der Reiz vorbei. Wenn ein Kind fünf Mal so eine Halloweenfigur gesehen hat und erfährt “Da passiert mir nichts”, dann wird dieses unbekannte Objekt in eine Kategorie "Ist zwar merkwürdig, aber tut mir nichts" als nicht ängstliche Situation einkodiert.
Halloween ist nur interessant für den ersten Schrecken.

Ist Furcht etwas Gutes oder Schlechtes?
Etwas Gutes. Schmerz zu haben, ist auch gut. Obgleich es widersinnig klingt, weil es uns darauf hinweist, dass in unserem Körper irgendetwas nicht in Ordnung ist. Stellen Sie sich vor, Sie haben sich den Knöchel verletzt und rennen weiter auf diesem verletzten Knöchel herum, warnt es uns, weitere Gefahren abzuwenden. So ist Angst auch.
Angst ist eine Verhaltensdisposition, also ein Verhaltensprogramm, das wir zur Verfügung haben, das uns bewahrt einer Gefahrensituation länger als erforderlich oder überhaupt ausgesetzt zu sein. Es ermöglicht uns, diese Situation schneller zu erkennen, uns kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. Wenn wir uns schon Verhaltensmuster erworben haben, wissen wir, was wir zu tun haben, zum Beispiel zu fliehen. Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einer großen Tour durch die Berge und sind leicht bekleidet und es kommt ein Unwetter. Wenn Sie das schon zig Mal erlebt haben und ein erfahrender Bergsteiger sind, sind Sie darauf vorbereitet und wissen, was Sie zu tun haben. Das wird im Moment erhöhte Erregung erzeugen. Es wird bei Ihnen dieses Furchtprogramm auslösen. Aber aufgrund der Tatsache, dass sie Bewältigungsfertigkeiten zur Verfügung haben, wird die Bedrohung kontrollierbar, hoffentlich auch meisterbar. Sie können sich schützen, sich wärmen. Sind Sie jedoch unerfahren, haben Sie nur eine Möglichkeit: so schnell wie möglich der Situation zu entfliehen, wenn es möglich ist.

Arbeitet das Gehirn in diesem Fall schneller?
Bedrohliche Reize werden schneller verarbeitet. Wenn Sie vor einer bestimmten Reizkategorie Angst haben, dann kommt ein zweites Moment dazu, dass Sie in bestimmten Situationen erhöht Ihre Umwelt abscannen, also prüfen, ob dieses bedrohliche Objekt zugegen ist. Stellen Sie sich vor: Sie haben Angst vor Spinnen und haben gelernt Spinnen sind immer dort, wo es dunkel wird, wo es feucht wird. Und Sie gehen dann in den Keller und haben Spinnenphobie, werden Sie mit Sicherheit allein durch dieses Verhalten mehr dazu gebracht, ihre Umwelt zu scannen. Und dann weiß man: Wenn Leute vor vielen Situationen Angst haben, dass sie in der Tat durch die Welt gehen mit einer erhöhten Aufmerksamkeit, immer Bedrohnisse zu entdecken. Sind Sie nicht so ein Mensch, sondern einer, der gelernt hat, dass in unserer Umwelt wenig Gefahr droht, dann werden Sie nicht „hypervigilant“ durch die Umwelt gehen.

Im Ausland wird sogar von der “German Angst” gesprochen. Sind wir ein besonders ängstliches Volk?
Das kann man mit Sicherheit so nicht sagen. Wir sind in dieser Hinsicht besonders gut charakterisiert worden. Aber ob das systematisch geprüft wurde, ob ein Eingeborenenstamm auf Neuguinea im Alltag nicht auch sehr viele Ängstlichkeiten und Sorgen hat, sei mal dahingestellt. Was man hier oft verwechselt sind Ängste und Sorgen. Zukunftssorgen würde man nicht als Angst bezeichnen. Im Volksmund sagt man da möglicherweise Angst dazu. Sorge ist eine Vorstufe der Konfrontation mit Ungewissem oder nicht Planbarem betrachten. Gesellschaften, die gut organisiert sind, wie eben die meisten Industriegesellschaften, sind eher gewohnt, in einem sicheren Netzwerk eingebettet zu sein, also weniger Sorgen vor Ungebührlichem zu haben, vor Überfällen, vor Unklarheit, vor Arbeitslosigkeit. Denn das Sozialnetz, das wir haben, gibt es nicht in vielen anderen Ländern.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Furcht und beispielsweise der Bildung, dem Glauben (Religion, aber auch Übernatürliches) oder der Stellung in der Gesellschaft?
Das hängt alles mit der Frage zusammen, welche Objekte jetzt zur Frage stehen. Jeder fürchtet sich vor unterschiedlichen Dingen in Abhängigkeit der Chance mit bestimmten Bedrohungskategorien konfrontiert zu werden, Erfahrung gemacht zu haben, sie beherrschen gelernt zu haben etc. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass jemand, der jeden Tag zig Hundert Kilometer mit dem Auto unterwegs ist, ganz andere Situationen als Angstsituationen benennen würde als jemand, der diese Erfahrung gar nicht hat.

Ist Lampenfieber auch eine Angst?
Dies ist eine Unterform der sozialen Ängstlichkeit. Wenn man in die Psychopathologie schaut, dort gibt es Klassifikationssysteme, mit denen man verschiedene psychische Störungen zusammenfasst. Da gibt es eine große Gruppe der Angststörungen. Und diese Angststörungen unterteilen sich in einfache Phobien. Das sind alle Ängste vor ganz konkreten einzelnen Objekten: vor Spinnen, Hunden, Katzen, Mäusen, Ratten, Höhen, Tiefen, Blut und Tausende solcher Objekte. Es gibt erstaunliche Weise wenig Menschen, die vor Elektrizität Angst haben oder Steckdosen. Es gibt unter diesen Gruppen von einzelnen Reizen solche, die evolutionär schon immer bedrohlich waren. Und es gibt neuzeitliche Gefahrenquellen, mit denen man Erfahrungen erst sammeln muss. Die sind deshalb unter den spezifischen angststörenden Phobien seltener. Also wir haben spezifische Phobien. Dann kommt die soziale Phobie dazu: Das sind Ängste, die darin bestehen, dass Menschen in Umgang mit anderen Personen Angst haben. Und da nicht im Umgang mit diesen Personen, sondern im Umgang, negativ bedacht zu werden, kritisiert zu werden, diskriminiert zu werden. Dazu gehört auch Lampenfieber. Wer Lampenfieber hat, geht auf die Bühne und macht irgendetwas vor anderen und hat Sorge, dass das, was er tut, auf Kritik stößt, nicht ankommt, dass er versagt. Da gehört auch Rede- und Vortrags- und Kritikangst dazu.
Dann gibt es eine große Gruppe, die nennt sich Agoraphobie. Das sind Menschen, die Angst haben, in einer Situation plötzlich in Gefahr zu kommen, ohne dass Hilfe möglich ist. Eingesperrt zu sein oder alleine irgendwo zu sein, Angst vor großen Plätzen oder Menschenmassen. Da gibt es noch eine Untergruppe, dass Leute auch Panikattacken haben. Die kann sich verselbstständigen.
Dann kommen auch alle Zwänge dazu, Zwangshandlungen und –vorstellungen.
Dann gibt es eine große Gruppe der generalisierten Angststörungen. Das sind Menschen, die haben Angst vor der Angst vor der Angst vor der Angst. Das sind so viele Objekte, die ihnen Angst einflößen, dass sie manchmal losgelöst von den Objekten Angst haben, davor Angst zu bekommen.
Und die letzte Gruppe sind die posttraumatischen Belastungsstörungen nach Kriegsereignissen, Naturkatastropen.
Alle diese einzelnen Dingen gehören zu den Angststörungen. Sie sind alle ein bisschen anders gelagert, aber im Prinzip im Gehirn ein eigenständiges, kompliziertes – also kein Zentrum – sondern weit verteiltes System, das dem Menschen erlaubt, dass die Objekte, Situationen oder Bedingungen schnell erkannt werden. Dass der Organismus versucht, aus dieser Situation durch Flucht oder durch Kampf zu entkommen.

Haben Sie Tipps, mit der Furcht umzugehen? Sollte man sich wirklich seinen Ängsten stellen?
In der Psychotherapie, insbesondere der, die aus dem modernen psychologischen Erkenntnissen stammt, gibt es eine generale Empfehlung für alle Ängste. Die beste Form im Umgang mit Angst ist, zu lernen, sich den Ängsten zu stellen. Man nennt das Konfrontationstherapie, weil man nur in der Konfrontation mit Angst umlernen kann, seine Verhaltensweisen verbessern kann, zu erkennen, die Dinge, die man fürchtet, sind gar nicht zu fürchten. Vermeiden von diesen Situationen führt in der Regel nicht zu Veränderungen, sondern sogar zu einer Potenzierung der Angst. Besser ist, zu lernen, neu mit den Situationen umzugehen. Natürlich lassen sich nicht alle Objekte vermeiden. Einer Hausfrau, die Angst vor Raubtieren hat, beizubringen, mit Haustieren wie ein Dompteur umzugehen, lässt sich in den seltensten Fällen realisieren. Da würde man sagen: Vermeide eben diese Dinge. Diese Art von Angst ist oftmals gar nicht kontrollierbar. Es gibt ja auch vernünftige Angstreaktionen.

Es gibt viele physische Auswirkungen: Warum bekommt man, wenn man sich fürchtet eine Gänsehaut, oder spürt ein Kribbeln im Nacken? Oder warum stehen einem die Haare zu Berge? Warum ist man vor Angst wie gelähmt?
Wenn man einem ängstlichen Reiz begegnet, dann läuft eine Kaskade, also eine wahre Vielzahl einzelner Prozesse ab, teilweise parallel oder auch hintereinander. Erst einmal wird mein ganzer Körper hochgradig aktiviert. Wir beobachten eine Zunahme des Herzschlags. Die Atemfrequenz wird erhöht, die Muskulatur wird verstärkt durchblutet, vielleicht nach einer kurzen Starrereaktion. Vor Angst gelähmt heißt, man orientiert sich von allem um, fokussiert sich auf diese Angst, in diesem Moment ist man verhaltensstarr, praktisch eine Art Reset für das System, die Konfrontation oder Flucht zu optimieren. Das sind auch hormonelle Prozesse. Natürlich sind damit einhergehend körperliche Reaktionen, man bekommt eine Gänsehaut, wird rot im Gesicht. Gedanklich fokussiert man sich nur noch, der Tunnelblick. Man erinnert sich an vergleichbare Situationen. Viele Menschen bekommen Flashbacks. Bei Menschen, die einen Unfall oder eine Foltersituation erlebt haben, laufen die Bilder der alten Situation ab.

Wovor fürchtet sich ein Angst-Experte?
Meistens nützt das Wissen nicht in allen Fällen, die Dinge auch zu beherrschen. Wer Noten lesen kann, kann nicht Klavier spielen. Man muss auch Handlungs- und Bewältigungsfähigkeiten haben. Zu wissen, wovor ich Angst haben kann, schützt nicht, tatsächlich Angst zu haben.
 
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