Die Multitasking-Falle

Konzentrieren wir uns beim Autofahren auf ein Telefongespräch, reduziert unser Gehirn die Sehfähigkeit auf den sogenannten Tunnelblick.
Erfurt: Freund HRC | Oft liegen das Selbstbild und die Realität weit auseinander – zum Beispiel, wenn man gebeten wird, seine Talente und seine Persönlichkeit zu beschreiben. Fragen Sie zum Beispiel jemanden nach seiner Fähigkeit, viele Dinge parallel auszuführen, nach seiner Multitasking-Fähigkeit, dann beschreiben viele diese als gut ausgeprägt. Doch ist dem wirklich so und was ist Multitasking?

Laut Wörterbuch kommt der Begriff Multitasking beziehungsweise Mehrprozessbetrieb ursprünglich aus der Technik. Er bezeichnet die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben (Tasks) quasi nebenläufig auszuführen. Unter menschlichem Multitasking versteht man also die Fähigkeit eines Menschen, mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit oder abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten durchzuführen, zum Beispiel eine E-Mail zu verfassen und gleichzeitig einem Bericht zuzuhören.

Wie gut sind wir Menschen wirklich und können wir uns mit Computern vergleichen? Neueste wissenschaftliche Untersuchungen zeigen eher das Gegenteil. So hat man festgestellt, dass die überwiegende Mehrheit der Probanden ihre Multitasking-Fähigkeit viel höher einschätzt, als sie tatsächlich ist. Unser Gehirn ist kein Computer. Angesichts der immer größeren Reizüberflutung in unserer Umwelt hat es für die gesamte Informationsverarbeitung ein Schutzsystem entwickelt. Es filtert Informationen automatisch auf eine vom Menschen noch wahrnehmbare Menge.

Meistens erleben wir dies bei einem Telefongespräch im Auto. Konzentrieren wir uns auf das Gespräch, reduziert unser Gehirn die Sehfähigkeit auf den sogenannten Tunnel­blick. Wir können uns an ­viele Ereignisse rechts und links der Straße danach nicht mehr erinnern. Wer lange ­telefoniert, behält diesen ­Effekt sogar noch Minuten nach dem Ende des Gespräches bei. Die gesamte Reaktions­fähigkeit ist bei gleichzeitigen Tätigkeiten verringert und bewirkt, dass der Stress-Faktor ansteigt.

Und noch etwas brachten die Untersuchungen zutage. Ausgerechnet diejenigen, die gerne und häufig mehrere Dinge gleichzeitig tun, sind darin nicht besonders gut. Sie lassen sich stark ablenken, neigen dazu, immer neue Aufgaben anzufangen und geben schneller bei Schwierigkeiten auf. In ihrer Persönlichkeitsstruktur sind die gewohnheitsmäßigen „Multitasker“ häufig impulsiv veranlagt, immer auf der Suche nach Abwechslung und Neuem, langweilen sich schneller und sind überdies eher bereit, Risiken ­einzugehen.

Auch der Philosoph Byung-Chul Han sieht in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ das Multitasking kritisch. Han kommt zu einem negativen Urteil: „Die Zeit- und Aufmerksamkeitstechnik Multitasking stellt keinen zivilisatorischen Fortschritt dar.“ Er kritisiert die Verbreitung von Multitasking, weil die kulturellen Leistungen der Menschheit, eine „tiefe kontemplative Aufmerksamkeit“ erfordern, die mit Multitasking nicht möglich sei.

Wer sich also einiges darauf einbildet, multitaskingfähig zu sein, sollte seine Einstellung lieber noch einmal überdenken, empfehlen die Wissenschaftler. Und was sagen intelligente Mütter? „Junge, mach beim Lernen den Fernseher aus!“ Stimmt.
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