Ein Plan B ist unverzichtbar

Wann? 10.06.2017 00:00 Uhr

Wo? Arnstädter Straße, Erfurt DE
Bankkauffrau, Steuerfachangestellte oder Arzthelferin? Viele Schulabgänger wissen noch nicht, welcher Beruf wirklich zu ihnen passt. Das Wichtigste ist, sich rechtzeitig zu informieren. (Foto: BillionPhotos.com/Fotolia/txn/randstad)
Erfurt: Arnstädter Straße |

Fragen an Thomas Fahlbusch, Abteilungsleiter Aus- und Weiterbildung bei der IHK Erfurt

Wie ist die augenblickliche Ausbildungsplatzsituation?
Die Voraussetzungen haben sich grundlegend geändert.
2006 hatten wir noch 33 000 Auszubildende in Thüringen, im vergangenen Jahr waren es noch 16 500 – die Hälfte. Auf drei freie Ausbildungsplätze kamen zwei Auszubildende. Und wir haben noch 1 000 freie Lehrstellen aus dem vergangenen Jahr. Wir rechnen mit 8 600 Jugendlichen, die sich dieses Jahr bewerben – und mit über 10 000 Ausbildungsstellen.Für die Jugendlichen, die jetzt die Schule abschließen, ist das natürlich eine sehr komfortable Ausgangssituation. Trotzdem wird nicht jeder eine Ausbildungsstelle in seinem Wunschberuf finden.

Was sind denn die beliebtesten Ausbildungsberufe?
Zu den beliebtesten Ausbildungsberufen zählen nach wie vor Kaufmann im Einzelhandel, Mechatroniker, Industriemechaniker, Zerspanungsmechaniker, Industriekaufmann und die Elektroberufe.

In welchen Branchen werden besonders Auszubildende gesucht?
Die größte Nachfrage besteht im Hotel- und Gaststättengewerbe, in vielen Handelsberufen, in industriell-technischen Berufen und in den Metallberufen. Das hat zum Teil mit einem schlechten Ruf zu tun, der einigen Berufen anhaftet – in vielen Fällen aber völlig zu unrecht.
So gibt es im Hotel- und Gaststättenbereich inzwischen vielerorts sehr interessante Arbeitszeitmodelle, die die Berufe interessanter machen.
Und Metallberufe haben heute in den meisten Fällen nichts mehr mit schmutzigen, dunklen Arbeitshallen zu tun, sondern sehr viel mehr mit computergesteuerten Wirtschaft-4.0-trächtigen Maschinen in hellen, sauberen Arbeitsräumen.

Was sind die Hauptgründe dafür, dass Jugendliche einen Ausbildungsplatz nicht bekommen?
Es ist in vielen Fällen leider immer noch so, dass sich Jugendliche ausschließlich auf einen Wunsch-Ausbildungsplatz fokussieren – ihre Schulleistungen für diesen speziellen Beruf aber nicht ausreichen. Wir haben so immer wieder enorme Matching-Probleme.

Wenn ich nach der Schule keine Vorstellung habe, was ich beruflich machen möchte, ist es dann sinnvoll erst einmal ein Praktikum zu absolvieren?
Praktika sind das Beste, was es für Jugendliche geben kann. Ich kann mich nirgendwo besser verkaufen als in einem Praktikum, und ich lerne den Beruf gleich richtig kennen – mit Licht- und Schattenseiten. Und der Arbeitgeber kann sich seinerseits ein viel besseres Bild von dem Jugendlichen machen.

Was kann ich tun, wenn ich meine Traum-Ausbildungsstelle nicht bekomme?
Man sollte immer einen Plan B haben – und notfalls auch bereit sein, eine Stufe niedriger einzusteigen.
Heute gibt es so viele Möglichkeiten, sich später weiter zu entwickeln.Nehmen wir zum Beispiel an, jemand möchte Kaufmann im Einzelhandel werden, bekommt aber – aus welchen Gründen auch immer – die Ausbildungsstelle nicht. Ich würde diesem Jugendlichen dann dringend empfehlen, über die zweijährige Ausbildung zum Verkäufer als Einstieg nachzudenken.
Er kann dann immer noch eine weitere Ausbildung aufnehmen. Das Schlagwort ist Stufenausbildung!
Darüber sollte man sich in der Berufswahlvorbereitung, bei der Arbeitsagentur oder auch beim Bildungsberater der zuständigen IHK informieren.

Viele Jugendliche scheuen sich wahrscheinlich, eine Ausbildung in einem Beruf „zweiter“ Wahl anzugehen, weil sie fürchten, sich dann für immer festzulegen. Haben diese also unrecht?
Im Grunde ja. Eine Lehre verpflichtet zu nichts.
Man kann auch eine zweite Lehre anschließen. Aber ich würde immer eher zu einer dreistufigen dualen Ausbildung raten, bei der man durch Fortbildung eine höhere Berufsbildung erlangt, die dann für mehrere Berufe gilt. Zunächst mache ich dabei, nach dem Abschluss der Ausbildung, eine Fortbildung zum Meister oder Fachwirt, um dann in einem weiteren Schritt die Fortbildung zum Technischen Betriebswirt anzustreben, der dann für alle technischen Berufe gilt.
Ich verbaue mir mit einer Lehre, die ich beginne, gar nichts.

Wenn Jugendliche Panik vor der Berufswahl haben und sich überfordert fühlen, gibt es eine Art „Sorgentelefon“?
Ja, zum einen können sich die Jugendlichen an die Arbeitsagentur wenden, aber auch die Industrie- und Handelskammern haben Hotlines für solche Fälle.

Bei der IHK Erfurt lautet diese Tel.: 0361 – 3 48 42 78
Bei der IHK Ostthüringen zu Gera erreicht man Wieland Huß
unter Tel.: 0365 – 85 55 271
und bei der IHK Südthüringen geht es über die Zentrale Tel.: 03681 – 36 20

Was würden Sie persönlich Jugendlichen als Rat mit auf den Weg geben, die jetzt eine Ausbildungsstelle suchen?
Informieren, informieren, informieren – und zwar rechtzeitig, so rechtzeitig wie möglich.Und man sollte sich nicht immer von dem ersten negativen Aspekt abschrecken lassen.
Es stimmt zum Beispiel, dass ich in der Gastronomie oft arbeiten muss, wenn andere in die Disko gehen können. Dafür bietet mir die Gastronomie aber auch Chancen, die Welt kennen zu lernen und im Ausland zu arbeiten, die ich in anderen Berufen nicht habe.
Es gilt also immer sowohl alle Nachteile als auch die Vorteile und Chancen genau abzuwägen.Das ist nicht immer leicht, kann aber durchaus spannend sein und Spaß machen.

Interview: Daniel Dreckmann
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