Eine Welt ohne Bargeld? Europa ist gespalten in Befürworter und Abschaffer des Bargelds

Geld ist für die Lebens­sicherung und für die Teilhabe am gesellschaft­lichen Leben von existenzieller ­Bedeutung. Der Normalbürger sieht vor allem Banknoten und Münzen. (Foto: Colourbox)
Erfurt: Freund HRC |

Fragt man Arbeitnehmer, warum sie jeden Tag acht Stunden arbeiten gehen, dann erhält man zur Antwort: Die Freude am Beruf, die sinnerfüllte Beschäftigung und vor allem: Geld!

Geld ist für die Lebens­sicherung und für die Teilhabe am gesellschaft­lichen Leben von existenzieller ­Bedeutung. Der Normalbürger sieht vor allem Banknoten und Münzen. Wer 2000 Euro netto im Monat verdient, bekommt am Geldauto­maten unter Umständen dafür vier 500-Euroscheine.

Unsere Banknoten bestehen zu 90 Prozent aus Baumwolle und werden in einem komplizierten Sicherheitsverfahren hergestellt. Die Herstellung einer 500-Euro-Note kostet nach Angaben der Europäischen Zentralbank (EZB) 16  Cent. Das heißt, ich habe am Ende des Monats ­bedruckte Baumwolle im Wert von 64 Cent.

Dies ist natürlich eine falsche Betrachtung, denn mit dem Geldschein ist ein gesellschaftlicher Konsens und großes gesellschaftliches Vertrauen verbunden, dafür Dienstleistungen und Güter zu erhalten. Um dieses Vertrauen zu rechtfertigen, muss unser Geld drei Funktionen genügen.

1. Die Tauschfunktion:
Kein Bäckermeister bezahlt seinen Strom mit Brötchen und der Lehrer unterrichtet nicht die Kinder seines Vermieters 14 Tage für seine Mietverpflichtung. Die Tauschfunktion unseres Geldes funktioniert!

2. Wertmaßstabs- oder Rechenfunktion:
Wir können den Wert eines Produktes über seinen Preis in Euro mit anderen Produkten und Dienstleistungen schnell vergleichen. Auch hier wird unser Geld in einer definierten Zeitspanne seiner ­Funktion gerecht.

3. Wertaufbewahrungs- oder Wertsicherungsfunktion
Hier wird es komplizierter. Wer im Monat 100 Euro spart, erwartet auch, nach zehn Jahren, Güter und Dienstleistungen in vergleichbarem Umfang und Wert zu bekommen. Das Vertrauen an die EZB als Herausgeber des Geldes ist damit sehr stark an die reale und möglichst dauer­hafte Kaufkraft verknüpft. Dies wäre der ideale Zustand für das Funktionieren unseres Geldes. Doch die Wirklichkeit und die Erfahrung lehren uns anderes. Inflationen, Währungsreformen, Finanzkrisen, Staats-und Bankenrettungen haben immer wieder dazu geführt, dass die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes ausgehebelt wurde.

Bargeld-Obergrenzen in einigen Ländern


In diesen Tagen erleben wir Anstrengungen und Versuche, das Bargeld schrittweise abzuschaffen. EZB-Chef Mario Draghi möchte den 500-Euro-Schein dem Geldkreislauf entziehen und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will Bargeldzahlungen auf 5000 Euro begrenzen. Einige europäische Länder haben bereits Obergrenzen durchgesetzt.

Europa ist gespalten in Befürworter und Abschaffer des Bargeldes. Beide Seiten bringen sich mit mehr oder weniger plausiblen und zu akzeptierenden Argumenten in Stellung. Terrorbekämpfung, Drogenkriminalität und Schwarzarbeit auf der einen Seite – Schutz der Freiheit vor allmächtiger Überwachung des Staates, das Verhindern des gläsernen Bürgers sowie das Recht, sein Vermögen selbst zu verwalten auf der anderen Seite.

Ich habe gewaltige Bauchschmerzen!


Fest steht: Wenn das Bargeld fällt, wird es den privaten Banken als Giralgeld zugeordnet. Es existiert dann nur noch als elektronischer Buchungssatz. Es ist auch kein Geheimnis, dass private Banken in der zurückliegenden Zeit nicht das Geld ihrer Kunden im Safe physisch aufbewahrt haben. Banken arbeiten mit dem ihnen anvertrauten Geld. Einige ­machen dies sorgfältig, andere mit hohem Risiko und wieder andere in grob fahrlässiger oder sogar krimineller Weise.

Die ­Ereignisse der ­Bankenkrise aus 2008 sind uns noch in trauriger Erinnerung. Der Staat darf sich nicht aus seiner Verantwortung für die Grundfunktionen des Geldes stehlen. Wir brauchen eine breit angelegte gesellschaftliche Diskussion darüber. Ich gebe zu, dass ich ­gewaltige Bauchschmerzen bei den Gedanken habe, meine Altersvorsorge „alternativlos“ privaten Gesellschaften anzuvertrauen, sprich Banken, die nicht gemeinnützig orientiert und ausgerichtet sind.
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