Erbrecht: Pflichtteil ist Konfliktherd Nummer eins

 
Prof. Klaus Michael Groll, Gründungspräsident des Deutschen Forum für Erbrecht (Foto: Forum für Dt. Erbrecht)
Kommt es im Erbfall zum Streit, steht der Kampf um den Pflichtteil an der Spitze. „Viele sind sich gar nicht bewusst, dass gesetzliche Ansprüche existieren“, sagt Prof. Klaus Michael Groll, Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht. Wir fragen nach.

Professor Groll, wem steht ein Pflichtteil zu?
Dem Ehepartner und den Abkömmlingen des Verstorbenen. Gibt es keine Kinder beziehungsweise Enkel oder Urenkel, erhalten die Eltern einen Pflichtteil. Was ­viele nicht wissen: Stief- und Schwieger­kinder sowie Geschwister haben keinen Anspruch.

Wie wird der gesetzliche Pflichtteil berechnet?
Er beträgt immer die Hälfte des Wertes des gesetzlichen Erbteiles. Verkörpert der gesamte Nachlass samt Immobilien 200 000 Euro, kann ich als Sohn, wenn ich zu einem Viertel gesetzlicher Erbe bin, ein Achtel davon vom Erben verlangen also 25 000 Euro.

Materiell oder finanziell?
Der Pflichtteil ist immer nur ein Geldanspruch. Das ist für den Erben oft schwierig genug. Erbt zum Beispiel eine Witwe von ihrem Mann das Haus als einzig nennenswerten Vermögensgegenstand, dann rechnet sich der Pflichtteil der enterbten Kinder eben auch aus diesem Haus. Aber sie hat keine Mittel, das zu zahlen. Die Folge: Das Haus muss verkauft werden.

Kann ich das Problem ­irgendwie entschärfen?
Ja, indem ich zu Lebzeiten mit dem Kind einen Vertrag schließe, in dem es ganz oder teilweise auf den Pflichtteil verzichtet. Das muss notariell geschehen. Viele Kinder folgen dem Wunsch der Eltern. Andere fragen: Was kriege ich dafür. Meist einigt man sich dann auf eine Abfindung. Selbst wenn das deutlich weniger ist als der Pflichtteil im Erbfall, so bekommt man das Geld doch gleich. Keiner weiß, was überhaupt noch da ist, wenn die Eltern sterben.

Ist es möglich, jemandem im Testament den Pflichtteil ganz zu entziehen?
Das ist wahnsinnig schwierig. Es genügt nicht, dass sich der missratene Sohn nicht kümmert, unflätig ist und dauernd Geld verlangt. Der Gesetz­geber setzt sehr hohe Hürden. Ein Entziehungsgrund liegt zum Beispiel vor, wenn der Pflichtteilsberechtigte wegen einer vorsätzlichen Straftat zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr ohne Bewährung verurteilt wurde.

Was ich zu Lebzeiten verschenke, mindert den Pflichtteil?
Ja. Juristen nennen das Pflichtteilsabschmelzung. Ein oft praktiziertes Modell. Mache ich dem lieben Kind eine Schenkung, reduziert das den Pflichtteilsanspruch des ungeliebten Kindes prozentual. Liegt zwischen Schenkung und Tod mehr als ein Jahr, wird das Geschenk noch mit 90 Prozent seines Wertes angesetzt, bei mehr als zwei Jahren sind es 80 Prozent und so weiter. Nach zehn Jahren ist es ganz aus der Bemessungsgrundlage verschwunden.

Wie finde ich heraus, was sich im Nachlass befindet?
Genau da steckt das Problem. Zwar gibt es einen Auskunftsanspruch, aber in der Praxis wird unendlich viel gemauert und verschwiegen. Mitunter hilft eine Daumenschraube: Man kann durchsetzen, dass der Erbe seine Angaben eides­-
stattlich versichert. Die Furcht vor Strafe fördert Ehrlichkeit.

Informationen und Fachanwälte in der Region: http://www.erbrechtsforum.de/
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