"Es gibt gar keine Luftlöcher!" Aviophobie-Experte mit den besten Tipps gegen Flugangst

Das Flugzeug gilt als sicherstes Verkehrsmittel der Welt. Dennoch würden einige Menschen niemals eine Maschine betreten. (Foto: S/b / pixelio.de)
 
Aviophobie-Experte und Privat-Pilot Frank Eisenberg-Meyer. (Foto: Privat)
 
Ein Tipp gegen Flugangst: Informieren sie sich über die Technik. Wer weiß, was genau da passiert, fürchtet sich auch weniger. (Foto: manwalk / Manfred Walker)
 
Ein weiterer Tipp gegen Flugangst: Bitten Sie nach dem Betreten der Maschine darum, mit dem Kapitän sprechen zu können. (Foto: Jerzy/Pixelio.de)
Erfurt: Flughafen Erfurt-Weimar |

Seit 14 Jahren leitet Frank Eisenberg-Meyer deutschlandweit Seminare, in denen die Teilnehmer ihre Flugangst bekämpfen. Im Interview erklärt der Aviophobie-Experte und Privat-Pilot, woher die Angst kommt und was man gegen sie unternehmen kann.

Sie nehmen den Menschen die Flugangst. Fliegen Sie selbst gerne?
Sogar sehr gerne. Meine Mutter kommt gebürtig aus Südkorea. Ich bin daher schon seit meiner Kindheit mit dem „Fliegervirus“ infiziert.

Aber Hand aufs Herz: Wenn die Maschine rumpelt oder ins Luftloch fällt - haben Sie dann kein mulmiges Gefühl?
Nein, weil man dies im Grunde genommen mit einer Autofahrt über Kopfsteinpflaster vergleichen kann. Luft ist ein dynamisches Element, ständig in Bewegung. Natürlich gibt es ruhige Luftmassen, sie können aber auch sehr wellenförmig sein. Dadurch ergeben sich Turbulenzen, die verständlicherweise für viele Passagiere unangenehm sind. Man bewegt sich in einem Element, das persönlich nicht greifbar ist wie der Verlauf einer Straße, sondern nur spürbar in Form von Ruckeln und Wackeln. Laien sprechen in diesem Kontext von einem Luftloch, das es aber gar nicht gibt.

Die Frage, die sich Ihre Seminarteilnehmer aber sicherlich stellen: Warum sollte ich einem völlig Fremden mein Leben anvertrauen?
Das ist eine Frage, die natürlich verständlich ist. Ich übertreibe jetzt mal ein bisschen bewusst: Ich weiß nicht, wer mich da steuert. Vielleicht hat der gute „Kutscher“ am Abend vorher etwas getrunken, ist nicht ganz fit. Gerade beim Thema Angst spielt Vertrauen eine Rolle. Und Vertrauen kann man nur gewinnen, indem man sich der Situation stellt.

Die Ratio ist nur ein Baustein von vielen.



Wie?
Ich empfehle immer, wenn man in ein Flugzeug einsteigt, durchaus die Stewardess zu bitten: „Ich möchte mal mit dem Kapitän sprechen.“ Denn die Angst zu bewältigen oder vielmehr zu überwältigen, heißt ja, sich der Angst zu stellen und auch Vertrauen zu gewinnen. Piloten sind wirklich sehr spezialisiert, sehr geschult - zumindest bei namhaften Airlines. Ich bin persönlich Privatpilot und darf die kleinen Flugzeuge fliegen. Das ist einer der vielen Gründe, warum ich dieses Vertrauen in die Berufskollegen habe.

Der Pilot wundert sich nicht, wenn ich ihn mal sprechen möchte? Er ist doch schon aus Sicherheitsgründen eher abgeschottet. Und beim Fliegen muss auch immer alles ganz schnell gehen.

Selbstverständlich sind Piloten darauf eingestellt. Vor dem Start, wenn das sogenannte Boarding stattfindet, haben sie ihre Vorbereitungen größtenteils abgeschlossen und dadurch fünf Minuten Leerlauf. Im Regelfall kann man diese Gelegenheit nutzen, die Stewardess um ein Gespräch mit dem Kapitän zu bitten. Dies kann man ja auch begründet darlegen, indem man sagt: „Ich bin von Flugangst betroffen und möchte eine Expertenmeinung hören.“

Kein Verkehrsmittel ist sicherer als das Flugzeug. Auf einer Reise von Berlin nach Rom ist die Autofahrt zum Flughafen gefährlicher als der Flug. Aber kommen Sie in Ihren Seminaren mit solcher Logik weiter?
Es gibt ja das Sprichwort „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Aber in in diesem Fall ist sie richtig und unanfechtbar. Doch die Ratio ist nur ein Baustein von vielen. Wichtiger ist, dass die Teilnehmer auch ein psychologisches Gefühl der Sicherheit bekommen. Ich muss meinen Klienten das Gefühl vermitteln: „Fliegen ist nicht nur statistisch sicher, sondern ich kann dem Flugzeug und dem Piloten auch vertrauen.“ Dazu gehört mehr, als nur die Statistik zu präsentieren. Dazu gehören Maßnahmen, wie man mit der eigenen Angst umgehen kann. Das Ganze beruht auf der Säulen:
1. Die emotionale Ebene, sprich: Wie gehe ich mit dem Gefühl der Angst um?
2. Die körperliche Ebene: Es gibt diverse Atemtechniken, Entspannungsübungen, damit man ein entsprechendes Werkzeug hat, wenn eine Panikattacke auftauchen sollte.
3. Das Gedankliche: Was beschäftigt mich dabei, wie bewerte ich die Situation? Da müssen wir immer wieder die subjektiven und objektiven Bewertungen angleichen.


Flugangst wächst mit Terrorangst



Ist Flugangst angeboren? Oder hatten ihre Seminarteilnehmer traumatische Erlebnisse?
Sowohl als auch. Es gibt Menschen, die haben eine gewisse Präferenz zu Angststörungen. Ich bin kein Psychoanalytiker, aber dies kann mit der Erziehung und bestimmten Persönlichkeitsfaktoren zusammenhängen. Es können aber auch posttraumatische Belastungsstörungen sein. Zum Beispiel erlebt jemand als Beifahrer einen Verkehrsunfall. Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Person auch Angst vor dem Fliegen haben wird. Dies ist in den seltensten Fällen die reine Flugangst - dafür müsste man schon einen Absturz überlebt haben. Es besteht aber die Möglichkeit, dass andere Ängste - beispielsweise vor geschlossenen Räumen - auf das Fliegen projiziert werden.

Steigt Flugangst mit der Angst vor Terror?
Ja, wenn ich mir die Diagnosebögen meiner Teilnehmer anschaue, ist die Terrorangst signifikant höher geworden. Das bedeutet für mich auch einen anderen Umgang mit dem Begriff „Flugangst“.

Wie äußert sich die Aviophobie körperlich?
Das reicht vom leichten Unbehagen bis hin zu massiven Angst- und Panikattacken. Wir hatten im Prinzip schon alles dabei: Herzrasen, verschwitzte Hände, Zittern, Anspannung, schlimmstenfalls das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl: „Ich muss hier raus, ich halte es hier nicht mehr aus.“

Flexibilität heißt höhere Stabilität.



Wird die Angst manchmal durch Missverständnisse ausgelöst?
Ja, da gibt es viel Unwissen hinsichtlich des Flugablaufs und der Technik. Was nicht bekannt ist, führt bekanntlich zu Angst. Durchstart-Manöver sind beispielsweise für viele ungewohnt. Dabei sind sie kein Notfall, sondern ein ganz normales Verfahren. Es geht darum, immer die größtmögliche Sicherheit zu gewähren. Die Flieger sind im Anflug auf einen Flughafen relativ eng gestaffelt im Zwei- bis Drei-Meilen-Abstand. Es kann immer mal passieren, dass der Vordermann nicht schnell genug von der Bahn runterkommt, man spricht vom Abrollen. Dann sagt man sich als Pilot: Ehe das richtig eng werden sollte, starte ich noch einmal durch und drehe die Ehrenrunde, ehe der Abstand zu gering wird. Das können Passagiere nicht wissen, das Manöver wird nicht angekündigt. Das ist eine Prozedur, die sehr kurzfristig entschieden wird. Dann wundert man sich, ist auf die Landung eingestellt und freut sich, den Erdboden wieder unter den Füßen zu haben. Und dann geht es plötzlich wieder hinauf.

Gibt es einfache Techniken, die mir die Angst nehmen?
Gehen Sie offen mit der Angst um, reden Sie mit näheren Angehörigen darüber, „outen“ Sie sich am Flughafen beim Check-In. Denn dann wissen die Leute Bescheid und man kann gezielt auf Sie eingehen. Sie können sich zum Beispiel im Internet in die Technik einlesen, wie überhaupt ein Flugzeug fliegen kann und wie sich Turbulenzen auswirken. Ein Beispiel: Wackelnde Tragflächen heißen nicht, dass das Ganze instabil ist, sondern Flexibilität heißt in diesem Fall höhere Stabilität.

Um mal zwei Sachen ganz prägnant auf den Punkt zu bringen:
1. Das Flugzeug ist so gebaut, dass es den stärksten Sturm passieren könnte. Wird das Flugzeug auch noch so durchgeschüttelt - die Wahrscheinlichkeit, dass eine Tragfläche abbricht, ist sehr, sehr gering.
2. Berufspiloten bei den namhaften Airlines - also alle, die in Deutschland oder Europa landen - sind gut geschult und werden mehrfach jährlich überprüft. Berufspiloten müssen in der Praxis niemals so an ihre Grenzen kommen, wie sie in diesen Checks gefordert sind.

Es gibt aber auch Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung nach Jacobson, die in Volkshochschulkursen angeboten werden. Solche Maßnahmen können helfen, die Angst anzugehen.

Mit zwei Flügen lässt sich die Angst nicht komplett löschen.



Und wenn mein Sitznachbar in Panik gerät?
Suchen Sie das Gespräch, um ihm die Angst nehmen zu können.

Wie? Indem ich ihn ablenke?
Genau, jede positive Ablenkung ist willkommen. Das kann sein, dass jemand seine Lieblingsmusik auf dem Mp3-Player anhört. Das kann auch das Lieblingsstofftier sein. Man sollte sich seinen Platz so einrichten, wie es einem am angenehmsten ist.

Hatten Sie schon Seminarteilnehmer, die so panisch waren, dass das Flugzeug wieder landen musste?

In der Form noch nicht. Ich hatte mal einen Klienten, der wollte partout beim Starten wieder aussteigen. Das geht natürlich nicht. Aber da greifen dann auch entsprechende Interventionsmaßnahmen, dass ich ihn einbinde mit den Entspannungstechniken. Im Regelfall beobachte ich: Wenn sich jemand entschieden hat einzusteigen, ist es relativ selten, dass er wieder aussteigt. Auch wenn es nicht einfach für ihn ist. Den ersten Trainingsflug zu überstehen, bedarf viel an Energie, Mut, Durchhaltevermögen, sich diesen negativen Gefühlen zu stellen. Wer das einmal durchgemacht hat - natürlich angeleitet und nicht nach dem Motto „Augen zu und durch!“ - steigt schon auf dem Rückflug deutlich entspannter ins Flugzeug. Man kann natürlich mit zwei Flügen die Angst nicht komplett löschen. Aber zumindest sagen die Klienten: „Fliegen ist nicht mein Lieblingshobby, aber ich kann entsprechend mit der Angst umgehen.“

Helfen auch Medikamente?
Nicht wirklich. Wenn ich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer nehme wie Valium oder stärkere Mittel wie Tavor oder Lexoltanil, dann bekämpfe ich das Symptom der Angst. Ich habe also das Gefühl, ich bin entspannter. Nur das Problem ist: Ich gehe nicht die Ursache an. Dementsprechend kann es nicht nachhaltig sein. Es ist immer besser zu trainieren, die Ursachen anzugehen, offen darüber zu sprechen und sich der Angst zu stellen. Das verspricht immer noch den größten Erfolg.

Den meisten Seminarteilnehmern kann geholfen werden.



Warum wollen Menschen überhaupt ihre Flugangst verlieren?
Als private Gründe wird oft die Lebensqualität genannt, einmal im kalten Winter in ein Gebiet zu fliegen, in dem man ein bisschen Sonne tanken und den Urlaub fernab der Heimat genießen kann. Einige haben Angehörige, die in der Ferne wohnen, die sie gerne einmal besuchen möchten.

Wer beruflich eine Führungsposition innehat, für den wird es oft zwingend vorausgesetzt, dass er fliegen kann. Sonst sind sein Vorwärtskommen im Unternehmen und weitere Karrieremöglichkeiten oftmals ausgeschlossen.

Und kommen diese Manager heimlich zu Ihnen oder werden ihnen die Seminare von ihren Firmen finanziert?
Teils, teil. Das ist sehr unterschiedlich. Wird die Flugangst offen kommuniziert, ist es dann oft so, dass das Unternehmen die Seminare unterstützt. Einige Firmeninhaber möchten diskret in der Einzelbetreuung behandelt werden.

Warum sind die Seminare so teuer?
Man muss einen Flug erwischen, der es gewährleistet, an einem Tag morgens hin- und abends wieder zurückzukommen. Sehr häufig sind das klassische Linienverbindungen auf relativ kurzer Distanz. Hier tummeln sich nicht die günstigsten Anbieter. Allein das Ticket kostet schon 250, 300 Euro. Der größte Kostenanteil sind also die Fremdkosten.

Kann jedem Menschen mit Flugangst geholfen werden?
Es gibt in seltene Grenzfälle. Beispielsweise wenn sich herausstellt, dass jemand eine generalisierte Angststörung hat. Dann halte ich Rücksprache mit einem psychologischen Psychotherapeuten, der dafür entsprechend ausgebildet ist. Dieser Verhaltenstherapeut entscheidet dann, ob ein Therapiebedarf indiziert ist. So ein Seminar kann dann allerhöchstens unterstützend wirken.

Und für die anderen: Kommt die Flugangst zurück?
Das ist eher selten der Fall. Wenn man sich konsequent der Angst stellt, ist es im Regelfall so, dass sie sich immer weiter reduziert. Im Einzelfall sind manche Klienten länger nicht geflogen und nutzen das Seminar zur Auffrischung. Es gibt ganz wenige Ausnahmen, vielleicht ein, zwei Prozent, in denen jemand nach dem Seminar gesagt hat: Das war nicht das Wahre.

Termin:

Voraussichtlich 4./5. Juni, Flughafen Erfurt-Weimar
Infos: www.flugseminare.de
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