Fast eine WG wie jede andere: Für Senioren mit Demenzerkrankung

Die Betreuung der WG-Bewohner ist immer mit viel Nähe verbunden. Ruth Mohr (Mitte) genießt diese Vertrautheit sehr, für die Leiterin des Bereichs Susann Warnhoff (rechts) und Pflegefachkraft Kerstin Weißmann sind das Selbstverständlichkeiten.
 
"Mir geht es hier gut", sagt der 86-jährige Otto Phlak, der schon seit fast zwei Jahren in der Senioren-WG wohnt, übrigens als einziger Mann. Otto Phlak ist noch viel draußen unterwegs und beginnt jeden Tag mit einem ausgiebigen Zeitungsstudium.
In Wohngemeinschaften der AWO in Thüringen leben dementiell erkrankte Senioren ein relativ selbstbestimmtes Leben:


Die eine sucht wie verrückt ihren Schlüssel. Die andere kann die Handtasche nicht finden. Susann Warnhoff lächelt: „Mir würde etwas fehlen, wenn nicht irgendeiner hier etwas suchen würde.“ Das ist ganz normal in einer 'WG', wie fast jeder zu einer Wohngemeinschaft sagt. In dieser sowieso, manchmal sind die Bewohner eben vergesslich. Das dürfen sie, schließlich haben sie ihren 80. Geburtstag schon hinter sich, die Älteste ist 94 Jahre alt. Alle sind sie WG-Bewohner, die meisten befinden sich in unterschiedlichen Phasen einer dementiellen Erkrankung, alle haben mindestens die Pflegestufe 1.

Konzept seit zwei Jahren erfolgreich



Vor zwei Jahren startete die AWO (Arbeiterwohlfahrt) Thüringen am Erfurter Wiesenhügel ihr Pilotprojekt Senioren-WG. Gedacht für jene, die zu Hause nicht mehr klarkommen, bietet die Wohngruppe eine familiäre Alternative zum Pflegeheim. Heute leben hier im Gebäudekomplex „Heckenrose“ auch 18 Senioren in zwei Wohngemeinschaften, rund um die Uhr von Präsenzkräften umsorgt, die sich in Personalunion um Pflege und Betreuung kümmern. „Der Gedanke, dass unsere Bewohner ein selbstbestimmtes Leben führen, ist der wichtigste“, formuliert Susann Warnhoff, Leiterin des Bereiches, das grundlegende Anliegen. Hier geht es zu wie in einer 'normalen' WG: Jeder Bewohner hat sein Apartment, seine Privatsphäre. Wer möchte, trifft sich mit den anderen in der Stube, in der Küche, im Essbereich. Sie singen zusammen oder sehen fern, gehen spazieren, erzählen sich Geschichten von früher, streiten, wenn einer was vom anderen nimmt. Wer gern lange schläft, kann das tun. Wer mitten in der Nacht frühstücken möchte, ebenso. Jeder hat seine Gewohnheiten und die Eigenheiten, jeder kann sie pflegen.


Auf Außenstehende mag das WG-Leben befremdlich wirken. Nicht jeder hat das Gespür dafür, wie er mit einem mehr oder weniger Demenzkranken umgehen soll. Sie leben in ihrer Welt, einer, in der Suchen, Vergessen und desorientiert zu sein zum Alltag gehören. „Für sie ist das eben so“, weiß Susann Warnhoff. Findet einer der WG-Bewohner nicht die richtigen Worte, verstehen ihn die Betreuer mit dem besonderen Gespür trotzdem. „Oft funktioniert die Kommunikation auf der emotionalen Ebene“, erklärt die Diplom-Sozialpädagogin. Sie muss das nicht sagen - in diesem Moment schmiegt sich Bewohnerin Ruth an sie. Sie ist gerade aus ihrem Zimmer gekommen, der Mittagsschlaf hat gutgetan. Nun hat sie Kaffeedurst und erzählt Susann bei der Umarmung, dass sie beide schließlich in einer Klasse waren. Die Jahrzehnte Jüngere nickt. Na klar, Ruth, erzähl doch mal.


Als sie von den feinen Herren Lehrern spricht, für die sie einst so schwärmten, erntet Ruth Kopfnicken in der Damenrunde. Wird da etwa eine rot? „Wir haben hier wirklich viel zu lachen“, stimmt Susann Warnhoff kommentierend zu. Auch Pflegefachkraft Kerstin Weißmann genießt die Atmosphäre an ihrem Arbeitsplatz. „Man fühlt sich wie in einer XXL-Familie“, möchte sie die WG-Bewohner und die Atmosphäre nicht mehr missen. Es ist wohltuend, dass sie, die Mitarbeiter, sich für jeden Zeit nehmen können. Insgesamt sind sie 14 Leute, die sich kümmern. Natürlich sei nicht immer alles schön, fügt sie hinzu. Je älter die Bewohner werden, desto mehr Pflegebedarf hat der eine oder andere. Doch es geht ihnen gut, alle haben sie sogar, seit sie hier leben, sieben bis zehn Kilo an Körpergewicht zugelegt.


Eine andere Bewohnerin gesellt sich zur Kaffeerunde hinzu. Leise beginnt sie vor sich hinzusingen: „Trink' mer noch ein Tröpfchen...“. Die anderen hören es, stimmen begeistert ein. „Man kann dementiell verändert und trotzdem glücklich sein, das Leben genießen“, ist das Fazit auch dieses WG-Tages für Susann Warnhoff.

Hintergrund-Infos:



- Der Trend beim Wohnen im Alter - wenn ein Pflegeheim noch nicht notwendig ist - geht eindeutig in Richtung alternative Wohnformen


- Senioren-WGs sind ein neues Wohnkonzept der AWO Thüringen. Sie eignen sich besonders für ältere Menschen, die nicht mehr allein leben können, die Rundumversorgung eines Pflegeheimes aber noch nicht benötigen. Auch für Menschen mit einer Demenzerkrankung im Anfangsstadium und für einsame Senioren, die sich Gesellschaft wünschen, sind Senioren-WGs wie geschaffen.


- In den Wohngemeinschaften haben die Senioren jeweils ein großes privates Zimmer, das sie mit ihren eigenen Möbeln einrichten, und ein separates Badezimmer. Das Wohnzimmer, die Küche und den Essbereich nutzen die acht bis neun WG-Bewohner gemeinsam.


- Senioren-Wohngemeinschaften der AWO gibt es außer in Erfurt in Bad Blankenburg, Bad Langensalza, Königsee, Oberweißbach und Suhl.


- Kontakt: www.awothueringen.de
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