Fiktiver Durchschnitt: Wie ein Rentenberater und eine Familie über Altersvorsorge denken

Rentenberater Horst Barasch
 
Drei Generationen, ein Thema: Rente. Torsten Hedler (von links), Yvonne Laske, Heinz Kude.
Interview mit Rentenberater Horst Barasch

Herr Barasch, warum gibt es bis heute zwischen alten und jungen Bundesländern Unter­schiede bei der Rente?
Seitens der Politik geht man davon aus, dass die Lebens­verhältnisse noch unterschiedlich sind. Studien zufolge gibt es Abweichungen bis zu 25   Prozent – nach denen man beispielsweise in Thüringen günstiger lebt. Dieser Meinung bin ich nicht. Hier sind Miet­nebenkosten teilweise erheblich höher, die Lebensmittel hingegen mitunter niedriger.

Und die Renten?
Hier habe ich zwiespältige ­Gefühle. Viele Mütter im Westen haben sich um Haushalt und Kinder gekümmert, die Männer waren erwerbstätig. Das heißt, bei den Männern gibt es eine höhere Rente. In den jungen Ländern bekommen die Frauen mehr Altersgeld. Sie hatten eine fast durch­gehende Erwerbsbiografie.

Wie ist der aktuelle Rentenwert in Ost und West?
Der Rentenwert West liegt bei 28,14 Euro, der Ostwert bei 25,74 Euro. Er wird aus den Durchschnittsentgelten der Versicherten errechnet und mit den persönlichen Entgeltpunkten multipliziert. Das ist die Bruttorente.

Den Durchschnittsrentner gibt es aber gar nicht.
Ja, das ist richtig. Aber mit diesem fiktiven Durchschnittsrentner lässt sich anschaulich erklären, wie die Rente berechnet wird. Der Durchschnittsrentner hat 45 Jahre gearbeitet und immer das Durchschnittseinkommen aller Versicherten bekommen. Dafür erhält er für jedes Versicherungsjahr einen Entgeltpunkt. Und jetzt wird die Rente errechnet: 45 Jahre mal 28,14 Euro in Hessen macht eine Rente von 1266,30 Euro aus. Der Durchschnittsrentner in Thüringen hingegen bekommt nur 1158,30 Euro (45 Jahre mal 25,74 Euro).

Wie erklärt sich der Unterschied?
Das liegt hauptsächlich daran, dass der Durchschnittsverdienst in den westlichen Ländern höher war als im Osten – und teils auch heute noch ist.

Wann darf man derzeit in Rente gehen?
Nach dem Koalititionsvertrag sollen besonders langjährig Versicherte mit 63 Jahren in Rente gehen können. Derzeit gesetzlich festgelegt ist der Rentenbeginn frühestens mit dem 60. Lebensjahr, wenn man bis 1951 geboren wurde und schwerbehindert ist. Ab dem Geburtsjahr 1952 geht es pro Jahr einen Lebensmonat weiter nach oben. Wer 1964 oder später geboren wurde, kann als schwerbehinderter Mensch erst ab 62 in Rente gehen.

Wie ist die derzeitige Regelung für langjährig Versicherte?
Wer langjährig versichert ist, kann ab dem 63. Lebensjahr in Rente gehen. Abschläge bis zu neun Prozent müssen jene hinnehmen, die 1952 oder eher geboren wurden. Für die ab 1953 Geborenen erhöht sich das frühestmögliche Renteneintrittsalter bis zum Jahrgang 1964. Dann müssen sogar 14,4 Prozent Abschläge in Kauf genommen werden.

Sie sprachen von rentenrechtlichen Zeiten. Was zählt dazu?
Das sind sowohl die Pflichtbeitragszeiten als auch freiwillige Beiträge sowie Schul-, Hoch- und Fachschulausbildung. Auch die sogenannten Arbeitsausfalltage, also Krankheit und Zeiten für die Mütterunterstützung, gehören dazu.

Ab welchem Alter gibt es die Rente abschlagsfrei?
Das ist erst mit der Regelaltersrente möglich. Wer 1952 geboren wurde, kann mit 65,6 Jahren in Rente gehen. Bis zum Jahrgang 1964 erhöht sich die Regelaltersgrenze auf 67 Jahre.

Wieviel Rentenbeitrag muss gezahlt werden?
Das sind derzeit 18,9 Prozent. Bei Arbeitnehmern zahlt davon die Hälfte der Arbeitgeber. Wer viel verdient, hat eine sogenannte Beitragsbemessungsgrenze. Im Westen wird auf maximal 5800 Euro Einkommen pro Monat der Rentenbeitrag bezahlt, im Osten sind es 4900 Euro.

Wie kommt man zu ­Altersgeld und vernünftiger Rente?
Hier gilt natürlich der Grundsatz, dass man dann viel bekommt, wenn man viel einzahlt. Wieviel das für die gesetzliche Rentenversicherung ist, ist gesetzlich festgelegt. Jahrgänge ab 1960 sollten auch über eine private Vorsorge nachdenken, sofern sie es sich finanziell leisten können. Denn die Rente wird immer stärker besteuert werden.

Ab welcher Höhe ist das gegenwärtig der Fall?
Im kommenden Jahr ist der Grundfreibetrag, auf den keine Steuer gezahlt wird, auf 8354 Euro festgelegt. Renten sind grundsätzlich steuerpflichtig. Der Besteuerungsanteil beträgt in diesem Jahr 66 Prozent und wird stufenweise angehoben auf 100 Prozent bis 2040. Maßgeblich für die Besteuerung ist allerdings der Rentenbeginn. Wer also 2014 Rentner wird, zahlt lebenslang nur auf jenen Teil der Rente Steuer wie 2014.

Was kann ein Renten­berater?
Er hat die fachliche Kompetenz für das komplizierte Rentenrecht und kann gesetzliche Rentenbescheide unabhängig prüfen. Allerdings kostet er auch etwas. Festgelegt sind die Honorare im Rechtsanwaltsvergütungsgesetz.

Wann sollte man seinen Rentenantrag stellen?
Spätestens drei Monate vor dem Rentenbeginn sollte man aktiv werden.
Nun soll laut Koalitionsvertrag die sogenannte Mütterrente kommen.

Was bedeutet sie?
Bislang wurde für die Kindererziehungszeiten ein Jahr für jene Kinder angerechnet, die bis 1992 geboren wurden. Für ab 1992 geborene Kinder aber sind es drei Jahre. Hier soll also nachgebessert werden. Das heißt, für vor 1992 geborene Kinder gibt es mehr mehr Geld für die Mütter.

Haben die Frauen dann mehr rentenrechtliche Zeiten?
Nicht immer. Aber auf jeden Fall gibt es mehr persönliche Entgeltpunkte und damit mehr Geld.


ZUR PERSON
Horst Barasch, 62, ist Rentenberater. Der in Hessen geborene Diplomverwaltungswirt war Verwaltungsdirektor bis 2006 – der Zeit der Strukturreform der Rentenversicherung Mitteldeutschland. Er lebt seit 20 Jahren in Thüringen.

Eine Familie aus dem Ilm-Kreis spricht über Perspektiven, Vorsorge und Erhöhung


Torsten Hedler, Jahrgang 1966:
Hätte die Flussspatgrube in Gehren nicht zugemacht und ich wäre Bergmann unter Tage geblieben, wäre ich der Rente und einer recht guten Versorgung schon ein Stück näher. Als Maler und Lackierer bin ich zur Zeit in einem stillzulegenden AKW in Baden Württemberg tätig. Das Pendeln verursacht Ausgaben, vom Lohn bleibt für eine Rücklage zur Rentenaufbesserung kaum etwas übrig. Es kann sein, dass meine Rente einigermaßen reichen wird. Tolle Reisen und ein Leben in Luxus sind nicht zu haben. Uns sind ein normales Auskommen und Sicherheit wichtig.

Yvonne Laske, Jahrgang 1981:
Natürlich denke ich an die Rente und tue etwas für meine persönliche Vorsorge. Ich hoffe, dass sich meine finanzielle und vom Staat geförderte Anstrengung später auszahlt. Wenn ich die Zahlen sehe, wie viel Rente ich zum jetzigen Zeitpunkt bekäme, macht das nicht viel Mut. Aber bis 2048, wenn ich Rentnerin bin, ist noch etwas Zeit. Ich verliere die Hoffnung nicht, zumal ich als Altenpflegerin einem recht krisen­sicheren Beruf nachgehe.

Heinz Kude, Jahrgang 1936:
Wenn ich aufwache, liegt bei mir das Geld schon unterm Kopfkissen. Das ist ein Scherz, aber trifft den Fakt, dass bei uns Rentnern – im Gegensatz, zu denen, die im Arbeitsprozess stehen – das Geld monatlich pünktlich auf dem Konto ist. Natürlich könnte es mehr sein. Und ich wünsche mir, dass endlich in Ost und West Rentengleichheit herrscht. Wenn Löhne, Gehälter und Diäten stetig steigen, sollte uns Rentnern in gleicher Weise eine Erhöhung zustehen.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
5.081
Joachim Kerst aus Erfurt | 03.01.2014 | 17:48  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige