Frauen in Führungspositionen: Noch immer gibt es nur wenige weibliche Chefs – Liegt es an der Erziehung oder an der Frauenquote?

Cornelia Stöckmann: "Frauen müssen erst einmal ins kalte Wasser geschubst werden, ehe sie sich etwas zutrauen. Das finde ich so schade." (Foto: Axel Heyder)
 
Matthias Freund: "Deutschland ist weltweit an letzter Stelle, was Babys und Nachwuchs angeht. Dafür haben wir in diesem Jahr bei der Überalterung Japan und Italien überholt. Wir sind die Ältesten und haben die wenigsten Kinder." (Foto: Axel Heyder)
Erfurt: Allgemeiner Anzeiger |

Für das Wirtschafts­magazin „HIER leben wir Leistung, wagen wir Ideen, schreiben wir Erfolg“ hat der Allgemeine Anzeiger Thüringer Unternehmer an einen Tisch geholt. Teilgenommen an der Gesprächs­runde haben Helmut Meyer, Inhaber des Personal­dienstleisters GeAT AG, LMI-Licensee Cornelia Stöckmann, selbstständig im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, Helmut Peter, Geschäftsführer der Autohaus Peter Gruppe, sowie Matthias Grafe, Managing Director der Grafe Advances Polymers GmbH. Moderiert wird die Runde vom Personalberater Matthias Freund (Human Resources Consulting).


Freund: Hocken die Männer in den Unternehmen immer noch in „Hinterzimmern“ zusammen und entwickeln „Verhinderungsstrategien“ gegen Frauen in Führungspositionen?

Stöckmann: Nein. Das Thema nach meiner Erfahrung ist vom Tisch. Es existiert vielleicht manchmal noch unterschwellig, aber es spielt keine große Rolle. Das Thema ist: „Frau“ traut sich so wenig zu. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Frauen müssen erst einmal ins kalte Wasser geschubst werden, ehe sie sich etwas zutrauen. Das finde ich so schade. Es gibt so viel Kompetenz am Markt, gerade vor dem Hintergrund des demographischen Wandels ist das ein sehr spannendes Thema. Ich bin seit fast zwei Jahren Mentorin in dem Thüringer Projekt „Frauensache“, das von der Bundesinitiative zur Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft unterstützt wird. Wir sind 35 Mentoren und 35 Mentees und bilden jeweils ein Tandem. Die erfahrenen Führungskräfte unterstützen die Mentees, die noch in Führungspositionen möchten oder dort bereits sind. Aus diesem Projekt heraus habe ich auch bemerkt, was für tolle Frauen es gibt, die sich nur zu wenig zutrauen, die in zwei Jahren aber echt gewachsen sind. Und das ist toll zu beobachten.

Freund: Sind Sie dann auch zwangsläufig für die Frauenquote?

Stöckmann: Nein, ganz im Gegenteil. Es macht mich als Frau eher traurig. Ich habe auch keine gute Stimmung dazu. Ich sage: Leistung zählt. Und nicht, ob ich weiblich oder männlich bin. Ich war im Konzern oft und jahrelang die einzige Frau im Management der Niederlassungsleitung und galt mit Humor ausgesprochen als Quotenfrau. Doch fühlt es sich nicht gut an, so betitelt zu werden. Ich finde die Quote nicht gut. Deshalb ist das Projekt „Frauensache“ so schön. Es zeigt, dass es eben auch möglich ist, Frauen zu stärken. Denn es geht anders.

Meyer: 75 Prozent der Frauen in meinem Unternehmen sind Führungskräfte. Auch die Vorsitzende meines Aufsichtsrates ist eine Frau.

Peter: Unter meinen Beschäftigten befinden sich etwa 100 Frauen. Sie müssen auch nach 25 Jahren immer noch zwischen Ost- und Westfrau unterscheiden. Die Frauen im Osten sind wesentlich emanzipierter als beispielsweise Hausfrauen in Niedersachsen. Eine Frau im Osten war meistens schon früh um 7 Uhr bei der Arbeit und hat quasi „nebenher“ zwei Kinder groß gezogen.

Grafe: Sie hat zwei Kinder groß ziehen lassen. Aus meiner Sicht ist das Ergebnis der Familienpolitik der DDR, dass die Leute heute nicht mehr befähigt sind, Kinder zu erziehen. Wenn ich selbst schon vom Staat erzogen wurde, kann ich auch keine Kinder erziehen. Ich bin übrigens ein Freund der Frauenquote. Denn das, was die Politik will und was uns die Gesellschaft im Moment einredet, ist nur mit der Frauenquote zu erreichen. Das hängt damit zusammen, weil der Mann und die Frau biologisch unterschiedlich sind. Die Lebensplanung einer Frau ist durch eine Zeitphase im Leben unterbrochen, die der Mann nicht hat. Bei vielen Frauen ist der Wunsch nach Kindern da und das wirft sie in der Karriere zurück. Die Kerle arbeiten ein paar Jahre mehr und überholen die Frauen dann.

Freund: Haben Sie keine männlichen Mitarbeiter, die in Elternzeit gehen?

Grafe: Das kommt immer mehr. Was für die nächste oder übernächste Generation fatal wird, das ist, dass wir heute ein Frauenbild schaffen wollen, bei dem der gesellschaftliche Druck so groß ist, dass man sich als Frau schämen muss, Hausfrau zu sein. Ich sehe, dass sich die Zeit geändert hat und auch die Männer gerne ihre Kinder erziehen möchten. Ich bin ein klarer Verfechter dafür, dass die Kinder von der Familie erzogen werden sollen und entweder die Mutter oder der Vater da ist. Wir sind ein modernes Land und jeder sollte die Freiheit haben, ob er arbeitet oder nicht, ob er Kinder erzieht oder nicht. Aber einer in der Familie sollte die Verantwortung für den Nachwuchs übernehmen. Wir müssen uns den Luxus erarbeiten, dass einer in der Familie zu Hause bleiben kann, dass es einen Ernährer gibt.

Freund: Die ersten drei Lebensjahre tragen zu 80 Prozent der Gehirnausprägung bei. Das sind die drei wichtigsten Lebensjahre. In dieser Zeit brauchen die Kinder eine intensive, geschickte Förderung. Der größte Teil der Gesellschaft ist aber nicht in der Lage, diese optimalen Bedingungen zu setzen. Ich meine damit zum Beispiel bildungsferne Kreise oder die Familien mit Migrationshintergrund, in denen in den ersten drei Jahre nur die Muttersprache gesprochen wird. Die Diskussion wird immer von den Kreisen geführt, die bessere Bedingungen zu Hause ermöglichen können. Insofern ist dies eine Zerrdiskussion, die an der Wirklichkeit vorbeigeht. Deshalb haben wir das Problem, das von allen Seiten angekreidet wird: Dass sich in Deutschland die Durchlässigkeit im Schulsystem von unten nach oben für arme Kinder weiter verschlechtert.

Grafe: Ich gebe Ihnen Recht. Es gibt Leute, die können Kinder nicht erziehen. Aber wir sind als Volk so bequem, wir lassen unsere Kinder von anderen erziehen.

Stöckmann: Ich finde es interessant, dass die Frau so reduziert wird auf ihre Rolle als Mutter.

Grafe: Ist es denn schlecht, Mutter zu sein?

Stöckmann: Überhaupt nicht. Aber es geht ja um die Frauenquote und um die Frage: Wie werden wir Frauen von Müttern groß gezogen? Es heißt immer: Sei brav und nett, das macht man als Mädchen nicht, denk an deine Wirkung, du darfst nicht laut sein. - Das ist das Bild, warum sich viele Frauen, ob nun Akademikerin oder Mutter, selbst den Schritt nicht zutrauen, den Sprung in eine Führungsposition, in mehr Verantwortung. Die Frau an sich traut sich so viel nicht zu. Das finde ich so schade. Ich habe es selbst erlebt. Meine Mutter sagte: Werde Sekretärin, werde schön dienend, dann kannst du viel erreichen. Damit bin ich groß geworden. Und mich dagegen durchzukämpfen, war auch ein Kampf und hat viel Energie gekostet.

Gute Kinderbetreuung ist für Thüringen ein Standortvorteil.


Freund: Unsere gesamte Hierarchie in der Wirtschaft, alle Leitungsebenen sind rein von der historischen Entwicklung, leider immer noch mit Männerpositionen besetzt. Ab einer gewissen Ebene gibt es auch keine geregelte Arbeitszeit mehr. Da hat man sich 110-prozentig einzubringen, Überstunden zu machen und notfalls auch am Wochenende zu arbeiten. Deutschland ist weltweit an letzter Stelle, was Babys und Nachwuchs angeht. Dafür haben wir in diesem Jahr bei der Überalterung Japan und Italien überholt. Wir sind die Ältesten und haben die wenigsten Kinder.

Grafe: Es ist ja auch verpönt, Kinder zu bekommen. Wenn eine Frau Kinder bekommt, wird sie ja noch an den Pranger gestellt. Es heißt nur noch: Das Kinderkriegen ist kontraproduktiv, ist ein Verlust für unsere Gesellschaft. Die sollen doch arbeiten die Frauen.

Freund: Die Franzosen haben es in dieser Hinsicht doppelt und dreifach besser hinbekommen als wir. Ist es denn ein Argument für Thüringen, Fachkräfte hier hin zu locken, dass unsere Kinderbetreuung vergleichsweise besser ist?

Grafe: Das ist mit Sicherheit ein fantastischer Vorteil, den wir haben, der von Menschen, die von außerhalb kommen, auch realisiert wird. Das sind paradiesische Verhältnisse. Die Familien können sich bei uns sogar teilweise einen Kindergarten aussuchen. Im Westen sind sie froh, wenn sie überhaupt einen Kita-Platz finden.

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