Gemeinsam auf dem letzten Weg - Peter Kampf ist schwerstkrank und nicht allein

Tochter Simone Schilling hat sich ganz bewusst dafür entschieden, ihren schwerkranken Vater zu sich nach Hause zu holen, sie und ihr Lebensgefährte kümmern sich rührend um den alten Herrn. Hier, so weiß sie, ist er am besten aufgehoben.
   
Peter Kampf ist ein Kämpfer. "Ich bin geistig fit, muss jeden Tag Zeitung lesen und mich mit anderen Leuten unterhalten", sagt der Schwerkranke. Wenn es ihm gut geht, steht er auf, geht auch ein paar Schritte im Dorf spazieren.

Vor einem Jahr war die Welt noch in Ordnung. Dann, Anfang Dezember, ging alles schnell, immer bergab: Vom anfänglichen „Du siehst aber gar nicht gut aus“ über den rapiden Verlust von 30 Kilogramm Körpergewicht bis hin zur Feststellung des Tumors in der Bauchspeicheldrüse. „Ja, als Mann geht man eben weniger zum Arzt“, erinnert sich Peter Kampf an die Jahre vermeintlicher Gesundheit.

Kräftezehrende Operationen, Chemotherapie, Gelbsucht machen dem Schwerstkranken das Leben schwer. So schwer, dass das Leben selbst in Frage gestellt ist. Doch der 76-Jährige kämpft. Die Tochter und ihr Lebensgefährte holen im Juli den Vater zu sich, er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Er soll es gut haben bei ihnen auf dem letzten Stück seines Weges, sie kümmern sich, rund um die Uhr. Auch die Schwestern von der ambulanten Palliativversorgung sind da, ohne sie und ihre Unterstützung, ihren Zuspruch, würden sie es nicht schaffen.

Die Krankenschwestern



Ingrid Schuchardt schaut an diesem Tag nach Peter Kampf. Sie gehört zum ambulanten Palliativteam, das Patienten zu Hause betreut. „Zu unserem Netzwerk gehören Palliativärzte, ausgebildete Schwestern, Hospizmitarbeiter und andere mehr. Wir sind sozusagen das Bindeglied, koordinieren alles Notwendige, fordern bei Bedarf auch einen Pflegedienst an“, bringt sie das Ansinnen auf den Punkt. Für sie als Schwester steht bei allem natürlich der Patient im Vordergrund. Sie ist da, wenn sie gebraucht wird, in akuten Fällen auch nachts, beobachtet den Krankheitsverlauf, macht Mut, hört zu, kann im Notfall schlimme Schmerzen lindern.

Ganz wichtig ist es, mit den Angehörigen zu sprechen. Nicht nur die Pflege kostet sie viel Kraft. Viel schlimmer ist es, den geliebten Menschen so sehen zu müssen, ihm nicht wirklich helfen zu können. Jemanden zum Reden zu haben, tut gut. „Wir nehmen uns wirklich Zeit für unsere Patienten und ihre Familien“, genießt Ingrid Schuchardt den intensiven Kontakt. Bei ihrer Tätigkeit zuvor im Pflegeheim hatte ihr das immer gefehlt

Nun lebt sie ihren Beruf so, wie sie ihn erlernt hat, wie sie ihn versteht. Obwohl es nicht immer leicht ist, eine Tür hinter sich zu schließen und nach vorn zu sehen. „Du musst bei dieser Arbeit lernen, Abstand zu wahren“, weiß Schwester Marika Orthmann, die ebenfalls im Palliativteam ihre Lebensaufgabe gefunden hat. „Manchmal hadere ich schon mit mir, frage mich, wozu es einen Gott gibt“, gesteht sie nach einem besonders anstrengenden, intensiven Tag. Gleich darauf strahlt sie wieder. Peter Kampf bringt sie zum Lachen. Es geht ihm recht gut im Moment, er plaudert munter drauflos, schmunzelt selbst über seine Formulierung „Als ich vor kurzem im Sterben lag...“.

Die Tochter



“Es sah wirklich nicht gut aus mit meinem Vater, als wir ihn zu uns nach Hause geholt haben“, erinnert sich Simone Schilling an die bangen Wochen im Sommer. „Die Ärzte hatten ihn schon völlig abgeschrieben.“ Deren Empfehlung war eindeutig, Peter Kampf sollte ins Hospiz. Zum Sterben. „Vater, du musst leben“, beschwört die Tochter ihren alten Herrn nicht nur einmal. Er ist derselben Meinung. „Obwohl es wirklich nicht einfach ist“, weiß auch Roland, der Lebensgefährte der Tochter, um die Schwierigkeit, einen Todkranken zu Hause zu pflegen. Die Schwestern und Ärzte vom Palliativteam stehen ihnen behutsam zur Seite. Ein Glück, dass sie da sind. So wird alles ein wenig leichter.

Sie wissen, dass derart kranke Menschen am besten in ihrer gewohnten Umgebung, bei ihrer Familie aufgehoben sind. Peter Kampf ist das beste Beispiel dafür. Er, der Todgeweihte, hat es geschafft, in den letzten Wochen drei Kilo Gewicht zuzulegen. Ein kleines Wunder bei seiner Krankheit. Manchmal geht er sogar spazieren, genießt die frische Luft. „Ich bin so froh, dass er wieder so selbstständig geworden ist“, zeigt sich Simone Schilling glücklich, immer in Sorge, dass sich der Zustand wieder verschlechtern könne.

Peter Kampf



“Der Tumor ist noch da, aber stillgelegt“, erklärt der Patient seinen Gesundheitszustand. Er weiß nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibt, er möchte nicht darüber nachdenken. „Früher habe ich die Frauen geliebt, heute ist es die Sonne“, sagt er verschmitzt, wenn er von einem Spaziergang zurückkehrt. Er hat noch viel vor, lässt er jeden wissen.

Der in Gotha bekannte Pilzexperte möchte noch viele Exemplare seines Pilzbuches „Hallo! Was ist bloß im Wald passiert?“ unter die Leute bringen. In dem Buch verbindet er geschickt Wissenschaft mit dem Erzählerischen. Eine andere wissenschaftliche Arbeit, ein Nachschlagwerk über Pilze, hat er fertig. Er kann sich sogar vorstellen, ab und zu vor Kindern einen kleinen Vortrag zu halten. Wenn es ihm gut geht. Vielleicht, so denkt er laut nach, schreibe er noch ein paar Gedichte. Von seinen „Teuflischen Geschichten“ hat er auch schon ein paar aufgeschrieben, es sollen noch mehr werden. Wie zum Beispiel die über Psychovampire, das sind seiner Erklärung nach Frauen, die ihre Wehwehchen dramatisieren und andere damit krank machen.

Auf Weihnachten freut er sich jetzt schon, auch auf das gute Essen. Vor allem natürlich auf seine Kinder und die vier Enkel. „Hätte ich auf die Ärzte gehört und wäre ins Hospiz gegangen, dann würde ich das alles nicht mehr erleben“, ist sich Peter Kampf sicher. Er ist den Menschen um ihn herum für ihre Unterstützung unendlich dankbar.

Infos & Kontakt:



Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) dient dem Ziel, die Lebensqualität und die Selbstbestimmung schwerstkranker Menschen zu erhalten, um ihnen ein menschenwürdiges Leben bis zum Tod in ihrer vertrauten Umgebung zu ermöglichen. Die Begleitung erfolgt zu Hause oder in einer stationären Pflegeeinrichtung (Pflegeheim).

Die SAPV ergänzt mit ihrer Tätigkeit das bestehende Versorgungsangebot, sie bildet mit Partnern wie Palliativmedizinern und anderen Ärzten, Fachkräften, Seelsorgern, Apotheken, Krankenhäusern, Hospizen... ein Netzwerk.

Kontakt: www.diako-thueringen.de, E-Mail: c.stoll@diako-thueringen.de.
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2 Kommentare
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Petra Seidel aus Weimar | 21.12.2014 | 12:05  
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Peer Floeckner aus Erfurt | 24.12.2014 | 10:13  
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