Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: Wer in Zeitarbeitern nur preiswerte Arbeitskräfte sieht, bekommt schon bald ein Problem

Matthias Freund: "Bei Porsche in Leipzig erhielt gerade ausschließlich die Stammbelegschaft eine Sonderausschüttung. Dann haben wir doch zwei Belegschaften in einem Betrieb." (Foto: Axel Heyder)
 
Helmut Meyer: "Wer Zeitarbeiter einstellt, weil es billiger sein soll, hat ein echtes Problem." (Foto: Axel Heyder)
Erfurt: Allgemeiner Anzeiger |

Für das Wirtschafts­magazin „HIER leben wir Leistung, wagen wir Ideen, schreiben wir Erfolg“ hat der Allgemeine Anzeiger Thüringer Unternehmer an einen Tisch geholt. Teilgenommen an der Gesprächs­runde haben Helmut Meyer, Inhaber des Personal­dienstleisters GeAT AG, LMI-Licensee Cornelia Stöckmann, selbstständig im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, Helmut Peter, Geschäftsführer der Autohaus Peter Gruppe, sowie Matthias Grafe, Managing Director der Grafe Advances Polymers GmbH. Moderiert wird die Runde vom Personalberater Matthias Freund (Human Resources Consulting).

Meyer: Wir brauchen Zeitarbeit, damit Arbeitskräfte hier in Thüringen gehalten werden können. Damit der Standort Thüringen gefestigt wird. Dazu trage ich bei.

Grafe: Der Grund der Zeitarbeit ist, eine Flexibilisierung im Arbeitsmarkt zu haben. Deshalb wurde das Instrument in der rot-grünen Koalition eingeführt. Weil wir Unternehmer in der Wirtschaft immer eine Flexibilisierung fordern und die Politik am Kündigungsschutz festhält, wie er da steht. Die Frage der Flexibilisierung ist viel bedeutender geworden als sie es noch vor wenigen Jahren war. Wir sind eine Informationsgesellschaft. Das Internet ist toll, aber auch ein Fluch für uns. Sie werden so schnell manipuliert von Meldungen. Sie sprechen mit Kollegen im Mai, da sagen sie: „Es ist alles toll.“ Sie treffen die gleichen Menschen vier Wochen später, dann ist alles schlecht. Jetzt haben wir die Krimkrise. Wenn jemand in Donezk einen Pups lässt, dann kriegen wir das hier mit. Sofort kommt Unsicherheit auf. Wir sind in unserer Gesellschaft wesentlich volatiler. Unsere Stimmungen werden immer volatiler. Und das heißt: Wir müssen auch als Unternehmer viel flexibler reagieren. Auch mit unseren Maßnahmen. In den 90er-Jahren war ich mir ziemlich sicher, wie viel Mitarbeiter ich am Jahresende brauchen würde. Heute kann das jedes Quartal anders aussehen. Das macht die Flexibilisierung noch viel wichtiger.

Peter: Zum Thema Hoch und Tief in der Beschäftigung: Ich glaube, in diesem Punkt ist unsere Branche sehr stark betroffen. Im Januar und Februar gibt es saisonal viel weniger Arbeit. Aber in den Wochen nach Ostern könnten wir für vier Wochen das Personal verdoppeln. Für den Wechsel auf Sommerreifen müssten wir sogar sonntags Nachtschichten einlegen. Vor fünf, sechs Jahren konnte man besser planen. Wir müssen eine wesentlich flexiblere Arbeitszeit haben. Und zum Thema Leiharbeiter, wenn man sie denn findet: Bei uns ist das Problem, dass ich einen Kraftfahrzeugmonteur für eine bestimmte Marke nicht sofort einsetzen kann. Das ist ein großes Problem.

Grafe: Den Umgang mit Zeitarbeit halte ich für sehr kritisch. Gesetze wie das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz sind da, um Rahmenbedingungen zu schaffen. Da hat man aber ein paar Dinge nicht beachtet, die einen Missbrauch ermöglicht haben. Das müssen wir als Unternehmer alle lernen: Wenn wir nur Zeitarbeit akzeptieren, um billige Arbeitskräfte zu bekommen, ist das der falsche Ansatz. Für mich in meinem Unternehmen sind Zeitarbeiter hingegen teurer als Festangestellte. Ich bin aber bereit, mehr Geld auszugeben, um eine Flexibilisierung zu haben. Das muss man akzeptieren. Und daran müssen wir arbeiten.

Meyer: Wer Zeitarbeiter einstellt, weil es billiger sein soll, hat ein echtes Problem. Der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Diese Unternehmer haben heute schon den Arbeitskräfte- und Fachkräftemangel. Wir haben bisher eher ein Beschaffungsproblem. Es muss andere Wege geben, um an Arbeitnehmer heranzukommen. Doch wer heute entscheidet wie vor 20 Jahren, der hat heute schon einen Facharbeitermangel. Wir müssen die Arbeitnehmer als Menschen wertschätzen und wegkommen vom Billigmachen, vom ganzen „Geiz ist geil“. Man muss einen familiären Charakter aufleben lassen. Das zählt. Wer das macht, der hat heute den Erfolg und bei ihm setzt der Arbeitskräfte- und Facharbeitermangel viel später ein.

Freund: Wie bekommen wir es hin, dass ein Zeitarbeiter, der zwangsläufig nicht den klassischen Vertrag hat wie die Stammbelegschaft, trotzdem in die Firmenfamilie integriert wird und sich nicht als fünftes Rad am Wagen fühlt? Aktuelles Beispiel: Bei Porsche in Leipzig erhielt gerade ausschließlich die Stammbelegschaft eine Sonderausschüttung. Dann haben wir doch zwei Belegschaften in einem Betrieb.

Grafe: Ganz einfache Lösung, auch wenn jetzt viele wieder aufschreien: Equal Pay. Wer nach einer bestimmten Einarbeitungszeit die gleiche Arbeit macht - da ist die Leitplanke, die der Gesetzgeber beispielsweise einführen könnte, nach einem Jahr - der verdient dann das gleiche Geld und hat die gleichen sozialen Standards.

Meyer: Das ist ein Thema, das ich in der Tarifkommission, in der ich tätig bin, ebenfalls leidenschaftlich vertrete. Die Zeitarbeitnehmer kommen nie zur sozialen Anerkennung ohne Equal Pay. Nach einer gewissen Zeit natürlich. Die Zeitarbeitsbranche ist insofern sogar ein Vorreiter von Mindestlöhnen. Wenn ich heute sehe, was für ein Palaver gemacht wird um den gesetzlichen Mindestlohn. Gewerkschaftler haben Jahrzehnte um die Tarifautonomie gekämpft und nehmen jetzt den gesetzlichen Mindestlohn einfach so hin. Das kann ja nicht sein. Der tariflich vereinbarte Mindestlohn besteht in der Zeitarbeit schon seit 2013. Der liegt bei 8,50 Euro. Da braucht der Gesetzgeber nicht hinterherzulaufen.

Grafe: Die politische Gefahr liegt aber darin, dass wir jetzt einen Mindestlohn erstmalig eingeführt haben. Und jedes Mal, wenn wir Wahlen haben, werden dort Parteien stehen und sagen: „8,50 Euro haben wir. Jetzt machen wir 10,50 Euro.“ Und die nächste Partei will dann 12,50 Euro. Und das ist die fatale Gefahr, dass sich die Politik Stimmen erkaufen will. Dass in diese Autonomie eingegriffen wird, ist die Gefahr des Mindestlohns.

Meyer: Alles, was übertrieben ist, ist ungesund: Das ist beim Alkohol so, das ist beim Sport so, das ist auch bei der Zeitarbeit so. Setzen Firmen 80 Prozent Zeitarbeiter ein, kann das nicht gesund sein. Das kann auch nicht gewollt sein. Stellen Sie es sich vor wie beim Fußball: Die Stammmannschaft muss immer größer sein als die Ergänzungsspieler. Aber wenn ich heute im nationalen und internationalen Wettbewerb bestehen will, brauche ich sehr gute Ergänzungsspieler. Das sind die Zeitarbeitnehmer. Wir müssen dahin kommen, dass wieder ein gesundes Maß vorherrscht, auch mit Equal Pay. Equal Pay ist leistbar, auch für die Branchen leistbar. Dann gibt es auch keine Ost-West-Diskussion mehr. Da müssen wir hinkommen, um die gesellschaftliche Anerkennung der Zeitarbeitnehmer zu erreichen und um der Politik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Equal Pay und ein vernünftiges Maß von Zeitarbeitnehmern im Unternehmen - das ist für meine Begriffe die Lösung.


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