Handy-Manie stört die Ausbildung - Unternehmer lehnen materielle Köder zur Azubi-Gewinnung ab: „Wer für ein iPhone kommt, der geht für ein iPad!“

Zur Person: Cornelia Stöckmann befindet sich mitten in der Existenzgründung. Sie war 24 Jahre lang in einem internationalen Transportunternehmen beschäftigt. In den vergangenen neun Jahren war sie Niederlassungsleiterin und Senior General Manager in Erfurt. In diesem Jahr entschloss sie sich, selbstständig zu werden im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung. Dabei entschied sie sich, Führungskräfte zu entwickeln sowie Frauen in Führungspositionen zu stärken.
 
Matthias Freund: "Es wird immer schwieriger, gute Leute zu finden." (Foto: Axel Heyder)
Erfurt: Allgemeiner Anzeiger |

Für das Wirtschafts­magazin „HIER leben wir Leistung, wagen wir Ideen, schreiben wir Erfolg“ hat der Allgemeine Anzeiger Thüringer Unternehmer an einen Tisch geholt. Teilgenommen an der Gesprächs­runde haben Helmut Meyer, Inhaber des Personal­dienstleisters GeAT AG, LMI-Licensee Cornelia Stöckmann, selbstständig im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, Helmut Peter, Geschäftsführer der Autohaus Peter Gruppe, sowie Matthias Grafe, Managing Director der Grafe Advances Polymers GmbH. Moderiert wird die Runde vom Personalberater Matthias Freund (Human Resources Consulting).

Peter: Mein Vater hat vor 40 Jahren zu mir gesagt: „Du mit deinen langen Haaren wirst nie was.“ So war damals die Welt.

Grafe: Mein Opa hat mich immer als Beatle verschrien. Ich wusste gar nicht, was der meinte.

Peter: Deshalb muss man immer vorsichtig sein mit Vorurteilen. Jeder Auszubildende, der bei uns anfängt, besucht mich zunächst mit seinen Eltern. Denn wer ein gutes Elternhaus hat, besitzt einen gewissen Halt. Ich versuche jedem Elternteil zu vermitteln: „Sie haben das Kind groß gezogen und sind jetzt im letzten Abschnitt dieser Aufgabe. Jetzt kümmern Sie sich auch noch darum, dass ihr Kind in der Berufsausbildung nicht abdriftet.“ Wir erkennen im Moment eine Situation mit einer Handy-Manie, mit Facebook & Co. Sie ist für meine Begriffe derzeit so extrem, dass sich viele junge Menschen in der Schule und am Arbeitsplatz auf nichts anderes mehr konzentrieren. Es gibt keine Möglichkeit. Wenn man die Handys verbietet, geht es heimlich los. Es ist schlimmer als das Rauchen. Betrachte ich die jungen Menschen, die wir ausbilden, weiß ich oftmals nicht, wie sich die Situation entwickelt. Alles wird sofort ins Netz gestellt. Und wir werden auf diese Weise als Firma gleich mitvermarktet. Denn die Jugendlichen tauschen sich im Internet aus: „Wo arbeitest du? Was machst du dort?“

Grafe: Ich habe ja selbst Kinder. Ich habe anfangs immer gedacht, dass die Kinder heute viel weniger kommunizieren, weil sie nur noch zu Hause vor ihren Kisten hocken. Ich habe aber gelernt, dass sie viel mehr kommunizieren als ich in meiner Jugend. Die Kommunikationsform hat sich geändert. Wir haben uns früher immer hinter der Bushaltestelle versteckt und dort Zigarren geraucht, die wir Opa geklaut haben. Heute skypen die Jugendlichen und kommunizieren wirklich viel - aber auf einer anderen Ebene.

Freund: Ja, das ist wohl wahr. Die Jugendlichen haben Tausende Freunde und verlinken sich und sind ganz stolz darüber. Sie bauen ihr Selbstwertgefühl über virtuelle Freunde auf, scheitern aber tatsächlich in den zwischenmenschlichen Beziehungen immer stärker. Ich bin kein Psychologe oder Soziologe, aber das ist eine Pseudokommunikation, die eine anonyme Basis hat. Ich kann jemandem online meine Liebe mitteilen und trenne mich wieder via SMS.

Grafe: Ich habe mit 16 Jahren meinen C64 bekommen. So hieß das Ding damals. Da habe ich nur gespielt. Und ich spiele heute noch gerne Computer. Ich habe das ein Leben lang gemacht und bin nicht doof dabei geworden.

Peter: Das Problem ist, dass die Grundbegriffe in der Schule aus meiner Sicht nicht mehr vermittelt werden. Frage ich, was eine Kurbelwelle ist oder wie ein Motor arbeitet, gehen die Jugendlichen ins Internet, um die Antwort zu finden. In den Jahren der Lehre, zwischen 17 und 20 Jahren, läuft für sie so viel Informationsfluss, der nicht zum Fachwissen gehört, noch nicht einmal zur Allgemeinbildung. Das ist einfach Hobby. Und das Hobby wird schnell zur Sucht. Uns stört einfach, dass viele Azubis nicht zu dem finden, was sie eigentlich machen sollen.

Grafe: Die Jugendlichen stellen auch alles ins Netz. Das ist ja Seelenstriptease. Wenn wir Personal suchen, schaue ich erst einmal, was auf seiner Facebook-Seite steht.

Meyer: Meine Kinder sind 21 und 23 Jahre alt. Meine Tochter studiert Psychologie. Ohne Handys und ohne die neuen Medien ist gar nicht vorstellbar, was ihr verloren ginge und was sie für einen zusätzlichen Zeitaufwand hätte, das Studium zu bewältigen. Man muss das zulassen. Wenn es zur Sucht wird, muss man es eindämmen und darüber reden. Man darf es nicht verbieten. Ich bin jetzt 62 Jahre alt und einige Entwicklungen sind oft schwer zu verstehen. Was mein Sohn mit Anfang 20 schafft, werde ich wohl nie mehr in meinem Leben lernen. Aber ich muss es anerkennen. Über 50 Prozent der Arbeitnehmer bewerben sich im Internet. Mit einem sogenannten Code werden wir es demnächst den Unternehmen ermöglichen, direkt zuzugreifen auf Arbeitnehmerprofile.

Freund: Es wird immer schwieriger, gute Leute zu finden. Die Anforderungen, die wir an unsere zukünftigen Azubis stellen, werden wir wohl oder übel senken müssen. Finden Sie denn noch genügend qualifizierte Bewerber für Ihre Ausbildungsstellen?

Peter: Ja, das Niveau sinkt zwar. Aber es gibt noch genügend Lehrlinge – in meiner Branche mit Sicherheit.

Freund: In Ihrer Branche sind Sie da im Vorteil: Der Autoschlosser, heute heißt es Kfz-Mechatroniker, ist immer noch der Traumberuf der männlichen Bewerber.

Schule und Unternehmen sollten eng zusammenarbeiten.



Peter: Ich bin immer noch in der komfortablen Situation, dass ich nur jeden fünften Bewerber einstellen muss beziehungsweise kann. Was ich immer wieder feststelle: Mit der richtigen Suche finden Sie Auszubildende in Thüringen sowie in Südniedersachsen auch noch vier Wochen nach dem offiziellen Lehrbeginn. Denn viele Jugendliche haben sich mit ihrer Lehrstelle verrannt und passten gar nicht in die Krankenpflege oder in den Friseursalon. Wir haben eher das Problem, Verkäufer zu finden und zu halten. In diesem Bereich haben wir eine hohe Fluktuation von 25 Prozent im Jahr.

Stöckmann: Was ich Unternehmen empfehle, ist eine starke Zusammenarbeit mit Schulen. Ich habe das damals auch gemacht, bin aber nicht als „alte Frau“ aufgetreten, sondern habe die Azubis hinzugezogen. Sie haben gemeinsame Projektarbeit mit Schülern vorangetrieben. Das heißt, Unternehmen mit Schule zu verbinden. Die Schwierigkeit ist: Hat die Schule, hat der Lehrer Zeit dafür? Aber es ist einfach eine gute Variante und Möglichkeit, an guten Nachwuchs heranzukommen und wirklich dort zu sein, wo sich die Jugend tummelt.

Freund: Ködern Sie einen Lehrling beispielsweise mit einem iPhone, damit er den Lehrlingsvertrag unterschreibt?

Grafe: Wenn Sie wirklich die Azubis damit locken wollen, dass sie ihnen ein Handy geben, kann ich jedem Lehrling nur empfehlen: Da sollte man nicht hingehen. Man hat es leichter, wenn man als Unternehmen größer und bekannter ist. Deshalb möchten Jugendliche gerne bei Siemens anfangen oder bei Mercedes, weil die Marktaffinität da ist.

Stöckmann: Ein ganz wichtiger Ansatz ist Wertschätzung dem Menschen gegenüber. Wenn wir gerade von Azubis sprechen: Aus meiner Erfahrung heraus, wir hatten in der Regel sieben, acht Azubis. Die Lehrlinge haben Aufgaben bekommen in der sozialen Kompetenz und Aufgaben, mit denen sie Erfolge feiern können. Azubis zu locken mit irgendwelchen Materialien, da habe ich nichts gewonnen. Ich habe nichts an Wert geschaffen. Es gibt keine Win-Win-Situation für beide Seiten.

Meyer: Wir müssen einen Markt schaffen als Unternehmer, in den die Arbeitnehmer und Auszubildenden gerne eintreten. Deswegen bewegen wir sehr viel in der Region im Bereich Kunst- und Kulturwissenschaft, auch im Sport oder Umweltschutz. Nicht nur, um bekannt zu sein, sondern auch, um ein gutes Image zu haben. Wir haben jedes Jahr etwa 90 bis 120 Bewerbungen auf Azubistellen. In unserer Branche ist das durchaus ein kleines Wunder. Doch wer für ein iPhone kommt, der geht für ein iPad. Das ist der falsche Weg, die materiellen Dinge in den Vordergrund zu stellen. Wir setzen ein Stipendium bei uns aus. Wer den Abschluss mit der Note zwei absolviert in den beiden Berufen, in denen wir ausbilden, bekommt von uns ein Stipendium - zum Beispiel an der Berufsakademie in Eisenach. Das reizt sehr viele.


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