Im falschen Körper: Selbsthilfegruppe für Transsexuelle widmet sich auch betroffenen Kindern

Killian, Siegrid und Jenny.
 
"Tante Siegrid" sagen ganz viele zu ihr.
Endlich ist sie glücklich. Seit fünf Jahren schon. Es war ein langer, schwerer Weg dahin. Viel zu lange hat Siegrid Tenbusch sich nicht gestattet zu erkennen, was sie von den anderen unterscheidet. Auf die Welt kommt sie als Karl-Heinz, damals, vor 62 Jahren. Es hat sich immer schon falsch angefühlt, männlich zu sein. „Doch ich habe funktioniert, meine Rolle perfekt gespielt.“ Nicht nur als Junge, auch als Mann, Ehemann sogar, jahrelang. Niemand hat etwas von der inneren Seelenqual bemerkt. Nie hat jemand gesehen, wie sie heimlich, wenn sie allein war, zu Hause in Röcke und Kleider geschlüpft ist. Das tat so gut. Das war so normal.

Jahrzehnte voller Ungewissheit



“Was ist nur mit mir los, habe ich mich immer wieder gefragt, was stimmt nicht mit mir“, erinnert sie sich an furchtbare Jahre voller Ungewissheit. Es sollte lange dauern, bis sie es erfuhr: Siegrid ist transsexuell. Im falschen Körper geboren. Innen Frau, außen Mann. Als sie das erkennt, beschließt sie, Nägel mit Köpfen zu machen. Innen Frau - außen Frau. Sie passt Kleidung und Benehmen ihrer wahren Natur an, macht später auch den endgültigen Schritt, unterzieht sich einer geschlechtsangleichenden Operation. „Aber meine tiefe Stimme behalte ich“, sagt sie heute, nach fünf Jahren als Frau. Fünf endlich gute Jahre. In denen sie glücklich ist mit ihrem Schatz, der sie, die Frau, liebt und verehrt, wie sich Siegrid das immer gewünscht hat.

Erfahrungen weitergeben



Den langen, beschwerlichen Weg bis heute wird sie nie vergessen. Sie wünscht sich für andere, dass deren Weg ein leichterer sein wird. Vor Jahren schon gründete Siegrid deshalb eine Selbsthilfegruppe für Transsexuelle. 35 Betroffene aus ganz Thüringen holen sich hier regelmäßig Rat und Zuspruch. Es tut der Seele gut, akzeptiert zu werden, nicht immer für die eigene Identität kämpfen zu müssen, sich auszutauschen. Außerdem ist es wichtig, Ansprechpartner zu haben und die Rechte zu kennen, vor allem dann, wenn die geschlechtsangleichende Operation ins Haus steht. „Vor allem aber sind wir da, um den anderen beizustehen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken“, sagt Siegrid Tenbusch. Sie weiß, wie oft Transsexuelle Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt sind, in der Familie, in ihrem sozialen Umfeld, bei Ämtern und Behörden.

Tante Siegrid hilft



Gruppenleiterin Siegrid ist für die anderen da. „Das ist ein Haufen Arbeit“, sagt sie, deren Rat oft auch am Telefon gefragt ist. Manchmal sind es auch besorgte Eltern, die Hilfe suchen. Transsexualität tritt häufig bereits im Kindesalter auf. Damit auch diese Betroffenen eine Anlaufstelle haben, organisiert Siegrid nun gemeinsam mit den Gruppenleitern Killian Uehling und Jenny Hühler eine zusätzliche Selbsthilfegruppe für sie. Nicht nur die Kinder, auch die Eltern haben so viele Fragen, Ängste, Vorbehalte. Tante Siegrid, wie sie von fast allen genannt wird, hört zu, hilft. „Als erstes muss ich den Eltern oft sagen, dass Transsexualität nicht durch falsche Erziehung entsteht“, erzählt sie. Wenn die Eltern zu ihr kommen, dann ist der erste Schritt zur Akzeptanz bereits getan. Ihr Rat für sie: „Bitte seid sensibel, hört den Kindern zu, nehmt sie ernst!“ In der Selbsthilfegruppe können sie dann lernen, wie sie ihr Leben meistern. Damit sie nicht alle so einen langen, schweren Weg wie Siegrid gehen müssen.




Wissenswertes zum Thema Transsexualität:


Transsexuelle sind Menschen, die sich aufgrund ihrer inneren Eigenschaften dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Oft treten diese Gefühle bereits in der Kindheit auf. In Deutschland gibt es rund 400.000 Transsexuelle, die Dunkelziffer ist wesentlich höher. In der Regel möchte ein transsexueller Mensch sein äußeres Erscheinungsbild seiner inneren Einstellung anpassen. Medizinisch gesehen ist Transsexualität eine Störung der Geschlechtsidentität und gilt international als Krankheit. Betroffene sehen sich selbst nicht als krank, sondern als 'anders' an. Wer sich im falschen Körper geboren fühlt, wird von der Medizin nicht allein gelassen. Es gibt Selbsthilfegruppen, psychotherapeutische Angebote, auf die Betroffenen abgestimmte Hormontherapien und die Möglichkeit, im Erwachsenenalter eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen zu lassen. Drei Viertel der Operationen in Deutschland machen aus Männern Frauen. Frauen, die Männer werden wollen, müssen mehr und kompliziertere Operationen in Kauf nehmen als umgekehrt.

Kontakt:


Die neue Selbsthilfegruppe, eine Ergänzung zum bereits bestehenden Angebot für Erwachsene, widmet sich den Sorgen und Nöten transsexueller Kinder und Jugendlicher in Thüringen und ist vor allem für Eltern, aber auch für Betroffene offen. In der Gruppe - auch Einzelgespräche sind möglich - gibt es Informationen und Adressen, auf Wunsch wird die Begleitung zu Ämtern und Behörden angeboten. Die Treffen sind immer am vierten Mittwoch im Monat im Haus der sozialen Dienste in Erfurt, Juri-Gagarin-Ring 150: 17 Uhr für Kinder zwischen 8 und 12 Jahren bzw. deren Eltern, 18.30 Uhr für Eltern von Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren und die Jugendlichen selbst. Kontakt: Siegrid Tenbusch 0176/99079586, E-Mail: tiskids.erfurt@gmx.de, Killian Uehling 0176/84100581. Die ehrenamtliche Gruppe freut sich auch über Förderer.
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