Immer mehr Jugendliche sind überschuldet

Sogga* ist ein Fachmann. Jedenfalls, wenn Computerspiele das Maß der Dinge wären. Sind sie aber nicht.

Mehr als 280 Spiele hat er im Schrank. Kaufpreis: 10.000 Euro. Ein Profi in Sachen Geld ist Sogga also nicht. Trotz einer zweijährigen Anstellung mit regelmäßigen Einkünften hat der 27-Jährige in dieser Zeit 5000 Euro Schulden angehäuft. Damit liegt er in einem traurigen Trend. Immer mehr junge Leute kommen mit ihren Finanzen nicht klar – und überschulden sich. Sie haben das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben nicht „auf dem Schirm“. Seine Spiele wieder zu verkaufen, wäre zwecklos. Was einst zwischen 20 und 70 Euro pro Stück gekostet hat, ist im Verkauf vielleicht zwischen 50 Cent und 10 Euro Wert. Damit würde er seine Schulden nicht los.

Angefangen hat die Schuldenmacherei einst mit Mietrückständen. Damals, er war mit zwei Monatsmieten im Rückstand, hat Sogga noch selbst dafür gesorgt, dass eine Ratenzahlung vereinbart wurde. Doch seine Gutgläubigkeit und eine kindliche Naivität haben den Berg an "Verbindlichkeiten" weiter wachsen lassen.

„Eigentlich wollte ich nur einen Vertrag über ein Internetzugang abschließen“, erklärt der großgewachsene, schmale Mann, der ungebremst von seinen Fehlern berichtet. „Im gleichen Laden habe ich mir noch einen Laptop für 49,90 Euro im Monat zugelegt. Ich dachte, rund 70 Euro im Monat, das ist locker zu schaffen“. Was er nach seiner Schilderung dabei nicht wahrgenommen habe, ist, dass er dabei zugleich einen Minikredit über 2500 Euro aufgenommen hat. Bequem konnte er mit Hilfe einer Karte einkaufen. „Ich dachte anfangs, das sei eine Art Bonus, wie bei einem Handy, das man für einen Euro zum Vertrag dazu bekommt“.

Anders lässt sich auch wohl kaum erklären, warum Sogga am gleichen Tag einen Fernseher für 600 Euro sowie zwei Handys, eines für sich und eines für seine Freundin, via Einkaufs-Karte ersteht. Gut 800 Euro waren so am ersten Tag weg. Innerhalb von zwei Monaten folgten Spiele und dazugehörige Konsolen. Alles bequem per Kartenzahlung. „Ich war überrascht, wie einfach das funktionierte“.

Dann kamen die ersten Mahnungen


Dann kam die erste Mahnung: 50 Euro mehr als seine 2500-Euro-Kreditrahmen hatte er bereits ausgegeben. Aber statt die Reißleine zu ziehen, bot der Anbieter eine Aufstockung des Minikredites von noch einmal 1000 Euro an. Dabei ist bereits der Name „Minikredit“ eine bloße Täuschung. Suggeriert er doch, dass man es mit etwas ganz Kleinem zu tun habe. Etwas, das keine Probleme macht. So wurden aus den 2500 Euro schnell 3500 Euro Schulden.

Hellhörig wurde Sogga da noch immer nicht. Erst, als neben den Kosten für Handy und Internetanschluss plötzlich eine Rechnung über monatlich 105 Euro im Briefkasten landete, wunderte er sich. Das hatte er zu dem Zeitpunkt nicht auf der Rechnung. Für ihn existierten im Kopd nur die Beträge über 49,90 und 24,95 Euro.

Zwischen 6 und 17 Prozent Zinsen sind im Schnitt für das Leihgeld fällig, dazu kommen Gebühren für eine Restschuldversicherung, falls der Kredit nicht mehr bedient werden kann. Diese erhöht den Zinssatz enorm. Allein durch die Zinsen werden aus 3500 Euro Schulden 3797 Euro. Dazu kommt die Versicherung von 15 Euro im Monat. Es dauert Jahre, bis Sogga das abbezahlt hat.

Schon einmal Probleme


Weil er vor zwei Jahren schon einmal Probleme im Umgang mit Geld hatte, wusste er, dass er sich das Jugendhaus Brücke in der Regierungsstraße wenden kann. Eine Einrichtung, die Jugendlichen bis 27 Jahre in vielen Problemlage zur Seite springt und die auch Sogga aus der Patsche helfen will.

Inzwischen ist man dort die so ausgebucht, dass man mit einer Warteliste arbeiten muss. Während Sogga sich vorgenommen hat, von seinem mit Hilfe von einem Brücken-Mitarbeiter gefundenen Job Schulden schrittweise abzubauen, sieht auch Katrin Voigt von der Liga die Entwicklung im Freistaat mit Sorge. „Der Fall von Sogga ist so eine typische Karriere, wie jungen Menschen in Schulden geraten. Sie verschulden sich häufig über Handyverträge, Smartphones oder Elektronikprodukte. Oft wird es ihnen zu leicht gemacht, an das Geld zu kommen. Auch an den Schulen wird das Thema nur selten behandelt. Wir arbeiten daran, dass sich hier etwas tut.“

Zahlen bundesweit:
Mittlerweile ist mehr als ein Viertel (26,3 Prozent) der überschuldeten Personen jünger als 30 Jahre. In der Altersgruppe der 20 bis 29-Jährigen stieg die Schuldnerquote auf 11,35 Prozent (Vorjahr: 10,75 Prozent). Viele der Betroffenen dürften ihr Leben lang unter der frühen Überschuldung leiden. Auch bei jungen Erwachsenen (18 und 19 Jahre) ist gegenüber dem Vorjahr ein besorgniserregender Anstieg zu verzeichnen (Schuldnerquote: 1,92 Prozent; Vorjahr: 1,53 Prozent) (vgl. Schuldneratlas 2011).
typische Schuldenfallen: Plastikgeld – bezahlen mit EC- und Kreditkarte; Kredithai; Dispokredit – dauerhafte Kontoüberziehung; Internet – Abonnementgebühren versteckt im Kleingedruckten; Spielhallen; Handy – Telefonieren im Ausland; Ratenkäufe bei Versandhäusern; Bürgschaften; Briefe nicht beachten; Spontaneinkäufe; Handy – Abos für Klingeltöne und teure Handytarife im Vertrag; Kreditaufnahme für Wohnungseinrichtung oder Urlaub – dann kommen unvorhergesehene Lebensereignisse hinzu, wie Krankheit, Trennung/ Scheidung, Arbeitslosigkeit und die Betroffenen können den anfallenden Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen, weil das Einkommen für diese zusätzlichen Ausgaben nicht mehr ausreicht
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3 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 23.01.2015 | 06:42  
Axel Heyder aus Erfurt | 29.01.2015 | 20:41  
Axel Heyder aus Erfurt | 03.03.2015 | 07:04  
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