Job-Profil: Frau Hoffmann, wie ist das Leben als Schaufensterdekorateurin?

Unter Puppen: Gabriele Hoffmann (Mitte) mit ihrer designierten Nachfolgerin Susanne Stiegler-Hock (links daneben) im Schaufenster des Modehauses Papenbreer. Foto. Steinfeld
Erfurt: Modehaus Papenbreer |

Nur vier Sekunden – in dieser kurzen Zeit entscheidet sich, ob Gabriele Hoffmann ihren Job gut gemacht hat. Bemerkt der Passant ihr dekoriertes Schaufenster und schenkt ihm einen zweiten Blick oder geht er einfach vorbei?

Hoffmann ist seit 45 Jahren im Beruf, der mittlerweile Gestalter für visuelles Marketing heißt.Im Erfurter Modehaus Papenbreer erschafft die 61-Jährige mit zwei Kolleginnen für 23 Schaufenster kleine Welten. Die Ware wechselt alle zwei Wochen. Hinzu kommen drei weitere Häuser des Familienunternehmens mitsamt der vielen Aufsteller, Flyer, Beschriftungen und Plakate, die sie am PC entwirft. „Deshalb sind gute Deutschkenntnisse wichtig. Wer Pullover mit drei L schreibt, nützt mir nicht.“

45 Jahre, 45 Weihnachten, 45 neue Ideen


Am liebsten aber entwirft Hoffmann die Schaufenster, setzt die Waren zu jeder Jahreszeit und zu jedem Schlussverkauf gekonnt in Szene. 45 Jahre bedeuten 45 Mal Weihnachten, aber immer wieder eine neue Idee. „Das ist das Wichtige, dass man kreativ ist und Fantasie hat.“ Und da alles langfristig über Monate hinweg geplant werden muss, grübelt sie schon im Hochsommer über Geschenke um den ¬geschmückten Kamin nach. Doch sind drei Tage Regen angesagt, muss sie flexibel sein und spontan beschichtete Jacken dekorieren. „Das Schaufenster ist halt das meist beachtete Werbemittel.“

„Man kann gut von dem Beruf leben“, sagt Hoffmann. Dennoch dient er vielen nur als Sprungbrett für den Job als Grafiker, Produktentwickler oder Architekt. Und er gilt als Frauen-domäne. Dabei ist vor allem handwerkliches Geschick gefragt, denn vieles wird selbst gebaut, zum Beispiel Ruderboote für die maritime Mode. Für das ganze Bohren, Streichen, Tapezieren, Hin- und Herwuchten ist ein stabiler Kreislauf gefragt – gerade wenn das Schaufenster bei 30 Grad zur Sauna wird. „Man sollte also sportlich sein.“

Bei der Gestaltung hat Hoffmann freie Hand. In Großunternehmen ist das anders. Zentrale Abteilungen legen dort genau fest, welche Puppe wie welche Jeans trägt. Dadurch sind die Fenster der großen Ketten oft austauschbar, während Hoffmann mit ihrer Arbeit herausstechen kann. Sie setzt alles ins rechte Licht, spielt mit den Farben, schafft Höhepunkte im Fenster und sorgt immer wieder für Überraschungen. Ob lebende Schaufensterpuppen, ein Kaligraf oder Friseur, Pantomime¬n oder eine Tanztruppe – Hoffmann hatte sie alle im Fenster. „Das ist aber nicht alltäglich. Im Vordergrund steht immer die Ware“, betont sie und hat bei ihren Kompositionen stets den Anlass, die Wirkung und die Zielgruppe im Blick.


Gabriele Hoffmann: "Wir durften in der DDR nie die Bückwaren präsentieren, immer nur die hässlichen Teile. Aber die wollten ja auch gut präsentiert werden."


Schüchtern sein darf sie nicht, jeder kann sie bei der Arbeit beobachten. Denn kein Schaufenster wird zugehängt. Sonst denkt der Kunde schnell: Hier ist geschlossen. Und so loben, nerven, spaßen oder flirten die Passanten immer wieder,

Ihr Deko-Fundus wird immer größer. Einiges kauft Gabriele Hoffmann im Handel oder auf Flohmärkten, anderes ersteigert sie im Internet. Zu ihren liebsten Schätzchen gehören eine alte Nähmaschine, eine antike Kamera und Regiestühle. „So etwas gibt man nicht weg.“ Sammler kommen mit altem Spielzeug, Feuerwehruniformen oder anderen Leihgaben auf sie zu. Oder sie lässt Beziehungen spielen: ein Stuhl aus dem Möbelhaus, der Eiswagen vom Italiener. 

Die Trends verändern sich: mal Gold, mal Bambus. Derzeit ist Minimalismus gefragt. In den Innenstädten fotografiert Hoffmann Schaufenster wie andere Sehenswürdigkeiten. „Als Gestalter heißt es immer: Stehlen mit den Augen.“ Laienhaft Dekoriertes entlarvt sie sofort: Die Wäsche ist nicht gebügelt, das Etikett zu sehen, die Warensicherung noch dran, die Puppe halb im Schatten, Genauigkeit ist absolut notwendig. Der Anzug ist bei ihr wie vor 40 Jahren mit Seidenpapier ausgestopft und somit faltenfrei. Auch der tägliche Schaufensterrundgang ist Pflicht: Funktionieren alle Lampen? Sind die Fenster geputzt, die Fliegen herausgekehrt? Und wenn sie 360 Meter rote Folie einmal rund ums Haus verkleben muss, ist ebenso pedantische Millimeterarbeit notwendig. „Selbst wenn es in Strömen regnet.“

HINTERGRUND

Wo?
Die Ausbildung zum Gestalter für visuelles Marketing findet im Ausbildungsbetrieb und im Blockunterricht an der Berufsschule statt – die nächste, mit angeschlossenem Internat, ist in Leipzig. Immer weniger kleine und mittelständische Unternehmen leisten sich eigenständige Dekorationsabteilung. Werbeagenturen werfen sich in die Bresche. Einige präsentieren im Job Wurst auf Messen, andere bekleben Autos.

Was?
In zwölf Lernfeldern geht es von handwerklichen Grundlagen über Farbharmonie und Lichtsetzung bis zu modernen Medien, Corporate Identity und Werbeerfolgskontrolle.

Wie lange?
Die Ausbildung dauert drei Jahre.

VITA GABI HOFFMANN
• 1970 Ausbildung in der Konsumgenossenschaft Weißenfels bei Naumburg, danach bis zur Wende bei der Handelsorganisation
• seit September 1990 bei Papenbreer
• seit 1992 in der Prüfungskommission
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