Job-Profil: Wie ist das Leben als Dachdecker, Herr Oeser?

Mit 63 erklimmt Dachdecker­meister ­Gunter Oeser mittlerweile ­seltener das Dach.
 
Aufs Dach zu klettern, das überlässt Oeser den Jüngeren wie André Jung.
Kurort Brotterode: Manfred Oeser & Söhne GmbH Dachdeckerfachbetrieb |

Immer obenauf, die Welt zu Füßen, der Sonne ein kleines Stück näher. Vom Garagen­dach bis zur Kirchturm­spitze hat Dachdeckermeister Gunter Oeser – obgleich durchaus bodenständig – seinen Kopf schon berufsbedingt in den Wolken. Mit dem Alter will der 63-Jährige aber immer seltener hoch hinaus.

Rente mit 67, das klappt für Dachdecker nicht, sagt er. „Die Gesundheit spielt einfach nicht mehr mit. Die Leistungskraft fehlt, das merkt man eben.“Dächer zu decken ist ein Knochenjob. Deshalb sind Frauen im Job in der absoluten Minderheit. „Zu Beginn ist man abends regelrecht knülle, wenn man das Körperliche noch nicht so gewohnt ist. Wer den ganzen Tag Ziegel hin- und herwirft, der merkt das dann schon.“

„Mit Eigenbrötlerei kommen Sie nicht weit. Auf dem Dach muss man eingespielt zusammenarbeiten, sonst klappt das nicht.“

Dachdecker- und Landesinnungsmeister Gunter Oeser aus Brotterode


Seine Wetter-App gehört zu Oesers wichtigsten Werkzeugen. Im Sommer heizt sich manches Dach auf 40 Grad und mehr auf. Im Winter mit Eis und Schnee kann sein Betrieb nicht arbeiten. Dachdecker sind Saisonarbeiter und immer wieder zu Zwangspausen verurteilt, die dann – auch am Wochenende – aufgearbeitet werden müssen. „Wir machen langfristig die Termine und müssen kurzfristig sehen, ob wir sie einhalten können.“

Dachdecker müssen schwindelfrei sein, was aber Gewöhnungssache ist, meint Oeser. Sicherheit steht dabei an erster Stelle, denn: „Dachdecker ist ein gefährlicher Beruf.“ Wer auf dem Dach umknickt und stürzt, fällt oft tief. „Dabei sind meistens gar nicht die hohen Gebäude ­gefährlich. Auf dem Hochhaus klingeln die Alarm­glocken automatisch. Da sind wir vorsichtiger.“

Schieferdecker bis 1794



Das Handwerk ist oft Familien­sache. Der Vater gründete den Betrieb in Brotte­rode. Die Tradition reicht viel weiter zurück. „Wir können sie zurückverfolgen bis 1794 – alles Schiefer­decker.“ Gunter Oeser ist da eher die Ausnahme. Er kam als Doktor der Mathematik zurück in die Heimat. Als sein Vater starb, gründete er mit seinem Bruder die GmbH. „Im zarten Alter von 45 habe ich die Meisterprüfung nachgeholt. Ich war der einzig promovierte Dachdecker in Deutschland.“

Bereut hat er den Schritt nicht. „Es ist ein sehr schöner Beruf. Man ist an der frischen Luft. Es ist sehr abwechslungsreich, denn kein Dach ist wie das andere. Auf jeder Baustelle treffen sie neue Menschen und Herausforderungen.“ Der Beruf hat sich mit den Jahren stark verändert. „Früher ging es nur darum, dass die Menschen trocken unterm Dach waren. Heute müssen wir viel mehr machen, sei es Wärmedämmung, Sturm- und Brandsicherheit oder Energiegewinnung.“

Das Lob des Kunden veredelt den Tag. Das Schönste aber: Geht Gunter Oeser erhobenen Kopfes durch seine Heimat, erblickt er überall ­seine Arbeit. „Dann weiß ich, was ich geschafft habe.“

Hintergrund


Wo?
In der Berg- und Schieferstadt Lehesten im Thüringer Wald besteht bereits seit 1910 eine eigene Dachdecker­schule für alle Thüringer Lehrlinge des Gewerks. Ein Wohnheim ist der Bildungsstätte an­geschlossen. Die Praxis in der dualen Ausbildung lehrt der Lehrbetrieb. Lehrlinge werden derzeit händeringend gesucht.

Was?

Dachdecker sind unter anderem Profis im Steil- und Flachdachausbau, für Dachfenster und Fassaden, Wärmedämmung und Isolieren, Klempnerarbeiten und Energiegewinnung.

Wie lange?
Normalerweise dauert es drei Jahre bis zur Gesellenprüfung.

VITA Gunter Oeser (63)
• Seit 1952 existiert der Familienbetrieb in ­Brotterode-Trusetal.
• Seit 1995 ist Gunter Oeser wieder im ­Betrieb. Der promovierte Mathe­matiker holte erst seine ­Gesellen- und dann ­seine Meisterprüfung im ­Eilverfahren nach.
• Seit zehn Jahren ist er Landesinnungsmeister.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
12.760
Renate Jung aus Erfurt | 16.07.2016 | 09:53  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige