Kampf um die Köpfe

"Die Entscheidung für einen bestimmten Beruf bestimmt das weitere Leben", sagt Kay Senius, Chef der Bundesagentur für Arbeit in Thüringen. (Foto: Agentur für Arbeit)
In Thüringen blieben zu Beginn des vergangenen Ausbildungsjahres viele Lehrstellen unbesetzt. Kay Senius, Chef der Bundesagentur für Arbeit in Thüringen und Sachsen-Anhalt, nennt die Gründe.

Ist es derzeit leichter, eine Ausbildungsstelle zu finden als vor zehn Jahren?
Es ist sicherlich heute für die Bewerber leichter. Das liegt einfach daran, dass die Zahl der Bewerber in den vergangenen Jahren dramatisch zurückgegangen ist. Die Folge: Der Ausbildungsmarkt hat sich in Thüringen zugunsten der Jugendlichen gedreht. Rein rechnerisch kamen im vergangenen Jahr auf 100 Bewerber 119 Ausbildungsstellen. Im Hinblick auf den Fach­kräftebedarf vieler Unternehmen wird der Wettbewerb vieler Firmen untereinander um die besten Köpfe härter werden.

Wie halten die Thüringer Unternehmen die jungen Menschen in der Heimat?
Viele von ihnen werben um ihren Nachwuchs, indem sie ihm jetzt schon Perspektiven für die Zeit nach der Ausbildung aufzeigen. Konkret: So sieht deine Karriere nach deiner Ausbildung in unserem Unternehmen aus. Das ist der richtige Weg. Denn jungen Menschen ist neben dem Gehalt vor allem eines wichtig: Sicherheit und eine klare Vorstellung über ihre Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen im Betrieb. Wer da klar kommuniziert, setzt sich von der Konkurrenz ab. Aber auch mit der Region lässt sich werben. So ist Thüringen etwa bei der familienfreund­liche Infrastruktur wesentlich weiter als die wirtschafts­starken West-Bundesländer.

Zieht es viele Bewerber in andere Bundesländer, weil Thüringer Betriebe weniger Lohn zahlen?
Ich glaube, dass wir den jungen Menschen Unrecht tun, wenn wir ihnen unterstellen, dass sie nur in finanziellen ­Kategorien denken. Der Grund abzuwandern, waren früher für viele die große Konkurrenz und die vergleichsweise geringe Zahl an Ausbildungsplätzen. Es waren also vor allem die Rahmenbedingungen und das Angebot, die junge Thüringer veranlasst haben, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Zum anderen waren es sicherlich die Aussicht auf eine sichere Perspektive in den wirtschaftsstarken West-Bundesländern.

Das ist völlig nachvollziehbar. Die Lage in Thüringen hat sich aber sehr stark verändert – demografisch und auch wirtschaftlich. Die Ausbildungsvergütung hat sich etwas verbessert. Was den Arbeitsmarkt und die Beschäftigung angeht, hat sich Thüringen zu einem Musterland entwickelt. Die jungen Menschen werden hier gebraucht. Wichtig ist, dass man ihnen jetzt ganz klare Perspektiven für die Zeit nach der Ausbildung aufzeigt.

Viele Unternehmen beklagen, dass die Qualität der Bewerber gesunken ist.
Bekanntlich hat schon Sokrates die Jugend kritisiert. Diese Schelte kommt immer wieder. Sicherlich gibt es Defizite in der Bildung. Von einer Pauschalschelte halte ich aber nichts. Denn der Bewerbermangel führt jetzt auch dazu, dass die Ausbildungsbetriebe jetzt auch leistungsschwächeren Bewerbern eine Chance geben müssen.

Wie gut bereitet die Schule auf das Ausbildungsleben vor? Zum Beispiel mit Betriebsführungen, schulisch organisierten Praktika oder Experten im Unterricht?
Wir sind da auf einem guten Weg. Insbesondere, wenn die vielen Partner und Arbeitsmarktakteure Hand in Hand zusammenarbeiten. Ich denke aber, dass es in diesen Bereichen noch Entwicklungspotenzial gibt. Wenn wir Ausbildungsabbrüche verhindern wollen, dann müssen wir den Jugendlichen die Chance geben, sich so früh wie möglich mit ihren Talenten auseinanderzusetzen, sie zu fördern und ihnen Wege in das Berufsleben aufzeigen, die von den gängigen Klischees abweichen.

Viele Jugendliche bekommen durch die Medien oft ein falsches Bild. Auf allen Kanälen wird gekocht, frisiert und gestylt, was das Zeug hält. Andere Berufsbilder mit Potenzial finden nur am Rand statt. Insofern liegt es auch an den Eltern, den Lehrern und unseren Berufsberatern, den Kindern so früh wie möglich ein realistisches Bild der gesamten Vielfalt und Bandbreite der unterschiedlichsten Berufsbilder zu vermitteln.

Wir machen das zum Beispiel mit dem „Tag der Berufe“ am 14 März 2012. Hier können sich Schüler ab Klasse 7 ab Anfang Februar bei ihrer Arbeitsagentur anmelden und dann einen Tag in Betriebe ihrer Wahl gehen, um sich direkt vor Ort bei Chefs, Ausbildern und Auszubildenden über ihren Traumjob zu informieren. Für die Unternehmen ist das eine Chance, ihre Auszubildenden von Morgen kennenzulernen und gleich vor Ort ein Praktikum oder einen Ferienjob zu organisieren.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Probleme bei der Umstellung vom Schul- aufs Arbeitsleben?
Die Ausbildung ist für einen jungen Menschen ein weiterer Schritt in die Selbstständigkeit und die Wahl des Ausbildungsplatzes ist eine ganz wesentliche, die über den weiteren Lebensweg entscheidet. Probleme ergeben sich vor allem aus den vielen neuen Informationen und Eindrücken, die auf junge Menschen einprasseln. Daraus entsteht natürlich auch jede Menge Druck und die Fragen: Schaffe ich das, ist das was für mich?

Je besser man sich vorher über den angestrebten Beruf informiert, je sicherer der Jugendliche bei seiner Wahl ist, desto kleiner werden die Überraschungen und Zweifel. Es ist auf jeden Fall eine große Umstellung für jeden Jugendlichen und der erste ganz große Schritt ins Erwachsenenleben.

Die perfekte Bewerbung –haben Sie ein paar Tipps und Tricks für Bewerber? Und: Wie wichtig ist der Blick in Ratgeber wie unser Sonderheft „Azubi gesucht“?
Informieren, informieren, informieren! Das ist das A und O. Deshalb sind Ratgeber für die Jugendlichen aber auch ihre Eltern, die sie bei der Berufswahl unterstützen ein wichtiges Medium. Aber auch die Berufsberater in den Arbeitsagenturen erklären den angehenden Auszubildenden, worauf sie bei einer Bewerbung achten müssen. Mein Tipp an Jugendliche: Sei dir bei deiner Wahl sicher, sei authentisch, zeige deinem Wunsch-Arbeitgeber, was du zu leisten im Stande bist und dass du es mit deiner Bewerbung ernst meinst.

Klar, es gibt bei der Bewerbung gewisse Standards, aber es gibt auch ganz viele kreative Möglichkeiten, sich von den Mitbewerbern abzusetzen. Es heißt ja schließlich Be – Werbung. Das heißt: Ich muss meinem Wunsch-Arbeitgeber klare Argumente liefern, warum er sich gerade für mich entscheiden sollte. Dazu gehört auch immer noch: eine gute Rechtschreibung und ein ordentliches Auftreten. Das signalisiert: Ich nehme die Herausforderung ernst, der Arbeitgeber kann sich auf mich verlassen.

Welche Tugenden werden gefordert bzw. werden benötigt, um eine Ausbildung gut abzuschließen?
Das sind die Tugenden, die alle Bereiche des Zusammenlebens betreffen. Zum einen natürlich Ehrgeiz, Wissensdurst und eine gehörige Portion Neugier – das ist das A und O für jede Motivation. Dazu kommt natürlich auch die Bereitschaft, sich in einem Ausbildungsverhältnis unterzuordnen und den Ausbilder mit seiner Erfahrung zu respektieren.

Das heißt nicht, dass der Jugendliche ein Duckmäuser sein muss. Denn es ist in der Ausbildung immens wichtig, viele Fragen zu stellen. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sollten eigentlich selbstverständlich sein. Wichtig ist auch eine gewisse Disziplin, die einen Jugendlichen auch durch schwierige Phasen der Ausbildung geleitet. Und natürlich muss auch eine Bereitschaft da sein, kritisch mit sich selber umzugehen, Fehler zu analysieren, um daraus dann erfolgreich lernen zu können. Wie heißt es so schön: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!

Was sind die größten Fehler, die Azubis in der Ausbildung begehen?
Ich glaube, dass die meisten Fehler schon vorher gemacht werden, indem sich die Jugendlichen nicht ausreichend über die Vielfalt der Berufe informieren. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man eine ganz klare Vorstellung haben sollte, was für Berufe es gibt und welche meinen Fähigkeiten entsprechen. Da braucht es auch objektive Beratung. Das können zum einen die Eltern leisten und auch die Berufsberater in den Arbeitsagenturen. Es ist ganz wichtig, dass sich die Jugendlichen im Klaren sind, dass die Entscheidung für einen bestimmten Beruf ihr weiteres Leben bestimmen wird.

Gibt es Jungen- und Mädchenberufe?
Ja, leider noch! Obwohl es in den letzten Jahren schon gewisse Veränderungen gab. Aber die gefragtesten Berufe unter den Bewerberinnen waren im vergangenen Jahr noch immer Verkäuferin, Bürokauffrau, Kauffrau im Einzelhandel, Medizinische Fachangestellte, Friseurin, etc. Die männlichen Bewerbern wollten vor allem Kraftfahrzeugmechatroniker, Mechatroniker, Koch, Einzelhandelskaufmann, oder Industriemechaniker werden. Wir brauchen hier ganz dringend ein Umdenken. Ich kann jungen Frauen nur raten, sich ganz bewusst für Berufsfelder zu entscheiden, die leider immer noch als Männerdomäne gelten. Um den Fachkräftebedarf zukünftig in Thüringen decken zu können, brauchen wir eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und zwar auch in den einstmals „typischen Männerberufen“.

Wir beteiligen uns deswegen auch am Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen (MINT – das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) etwa durch Maßnahmen der vertieften Berufsorientierung und andere Aktionen.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre – Inwiefern stimmt diese Aussage heute immer noch?
Das klingt natürlich etwas antiquiert. Der Begriff „Herrenjahre“ strahlt so eine Gutsherrenattitüde aus, die in den allermeisten Betrieben gar nicht mehr der Realität entspricht. Es geht vor allem um das Lernen und Vermitteln von Fähigkeiten. Das setzt natürlich bei den Auszubildenden ein gewisses Maß an Disziplin voraus, bedeutet aber für den Ausbilder jede Menge Verantwortung für den weiteren Werdegang seiner ihm anvertrauten Schützlinge. Insofern sind für mich die Lehrjahre vor allem „Chancenjahre“.


AZUBI GESUCHT:
Ab Montag werden 15 000 kostenlose Sonderhefte „Azubi gesucht“ an allen Thüringer Schulen verteilt. Auf 76 Seiten stehen viele freie Lehrstellen sowie Dutzende Tipps und Tricks der Ausbilder.
» online lesen: www.allgemeiner-anzeiger.de, Infos: 03447/525736
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