Kommentar: Mit politischen Parolen dem Auto an den Kragen

Illegale Absprachen? Die deutsche Autoindustrie steht unter Beschuss. (Foto: © BMW / TRD Blog Handel und Wirtschaft)
(TRD/MID) Das politische Sommerloch scheint aufgefüllt. Dafür haben alte Geschichten, neue Vorwürfe und etliche, schnelle Politiker-Parolen gesorgt. Noch darf jeder Vermutungen in die Welt setzen, der deutschen Autoindustrie kriminelle Energie unterstellen, mit dem "Kartellskandal" das Ende des Verbrennungsmotors ausrufen und nebenbei den Diesel als Antriebsquelle einfach zu verbieten. Ein Kommentar von Wolfgang Peters.

Gleichzeitig beschwören auch seriöse Kommentatoren die Abkehr von bisheriger Antriebstechnik herauf: Diese wird durch immer schärfere Grenzwerte, die in die Nähe absurder, minimaler Höchstmengen geraten, immer stärker unter Druck gesetzt. Diese Grenzwerte sind häufig messtechnisch nur mit höchstem Aufwand erreichbar und werden im realen Straßenverkehr dennoch durch das Fahrerverhalten womöglich ausradiert: Durch jeden Kavaliersstart und jede Vollgasfahrt, durch jede schnelle Fahrt im unnötig kleinen Gang werden die Abgasbestandteile verändert und das nicht zum Vorteil der Emissionsbilanz. Aber klar ist auch, dass Dieselmotoren ohne absichtliche Verfälschungen der Technik und ohne Betrügereien die vorgegebenen Grenzwerte einzuhalten haben. Das haben auch die Verantwortlichen im VW-Konzern begriffen und nach allem, was man weiß, wird dort um die Technik-Lösung für den noch immer unverzichtbaren Verbrennungsmotor, egal ob mit Diesel oder Benzin gefüttert, gerungen.


Denn die elektrische Alternative steckt insgesamt noch in den Kinderschuhen. Da mögen die Rufe nach alternativen Antrieben noch so laut sein, es fehlt eine gewichtige Stimme: König Kunde ist bislang einfach nicht von der elektrischen Alternative überzeugt, daran ändert auch die größere Zahl der E-Auto-Modelle oder eine staatliche Kaufprämie kaum etwas. Und wer das Ende der Verbrennungsmotoren ("Diesel is dead") beschwört, der denkt nicht über den deutschen oder europäischen Tellerrand hinaus: E-Antrieb ist eine Technik der reichen Gesellschaften (oder von Staatswesen, die sie wie in China verordnen können). Konzepte, wie der angeblich notwendige Übergang zur Elektromobilität in Ländern wie Indien, Brasilien oder auf dem gesamten afrikanischen Kontinent veranstaltet werden könnte, sind von motorischen Kritikern bisher nicht bekannt. Das Mach- und Bezahlbare interessiert die Politiker und Meinungsmacher aus den alternativen Denkzirkeln wenig oder überhaupt nicht.


Sie kritisieren lieber das Schweigen der Autobranche, die sich (Ausnahme ist BMW mit einer Zurückweisung der Vorwürfe) angesichts der Kompliziertheit des Sachverhalts zunächst noch in Schweigen hüllt. Denn der Vorwurf, mit den separaten, kleineren als vorgeschriebenen Tanks für das Anti-Stickoxidmittel AdBlue, die Abgasreinigung der Diesel zu verschlechtern, verkennt die technischen Zusammenhänge: Wenn AdBlue zur Neige geht, kommt für den Fahrer die Aufforderung nachzufüllen. Wie weit hier die Manipulation tatsächlich gehen kann, ist noch unklar.


Dass jetzt eine markenübergreifende Abstimmung von Technikern zu einem Aufschrei der Entrüstung und zur Vermutung von kartellrechtlichen Vergehen führte, das ist nur mit der Notwendigkeit zu politischer Häme zu verstehen. Denn auf alljährlich hunderten von Symposien, Tagungen, offen vereinbarten Treffen und Zusammenkünften haben Ingenieure und Fachleute quer über alle Marken hinweg schon immer ihr Wissen ausgetauscht, und gegenseitig davon profitiert. Mit Ausnahme jener Entwicklungen, die markenspezifisch und geheim vorangetrieben wurden. Wobei hier eine gewisse Grauzone in der Definition des technischen Fortschritts existiert, der durch Absprachen innerhalb der Autobranche nicht gefährdet werden darf. Allerdings wäre wohl etwa die Konzernräson eines Markenkonglomerats wie der VW-Gruppe noch zu berücksichtigen.


Dabei ist das Verbrennen von Benzin oder Diesel trotz aller Besonderheiten keine Wissenschaft für einzelgängerische Genies. Normen und Verfahren sind für alle da. Da gibt es keinen Spielraum für Kumpanei und für Vorwürfe, die Autobranche scheue sich einen feuchten Kehricht um Gesetze und Regeln, wie es aus den Reihen der Grünen verlautbart wird. Vor dem Dieselgipfel am 2. August glüht die gesamte Branche schon mal vor. Ach ja, es ist doch nicht schon Wahlkampf?


Wolfgang Peters / mid

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Joachim Kerst aus Erfurt | 30.07.2017 | 10:01  
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