Lothar Stöckchen kümmert sich auch über den Boxring hinaus um junge Menschen

 

"Nachtaktiv" heißt ein ganz besonderes Projekt, in dem sich der bekannte Erfurter Boxtrainer Lothar Stöckchen seit Jahren fern vom Boxring für junge Leute engagiert.

“Herr Stöckchen, hast du das Tor gesehen?“ „Das heißt 'Sie', zischt der Spieler neben ihm dem aufgeregten Schützen zu. Er lacht dabei, schüttelt nachsichtig den Kopf, fast wie ein großer Bruder. Die Kleineren müssen eben noch viel lernen. Dass ihnen ab und zu im Eifer des Gefechts die vertrauliche Anrede herausplatzt, ist nicht weiter schlimm. Herr Stöckchen ist ja einer von ihnen.


An diesem Freitag wollen die Jungs Fußball spielen. „Das machen sie am liebsten, damit sind sie am besten zu begeistern“, weiß Lothar Stöckchen und rückt Ball, Torwarthandschuhe und die Leibchen zum Drüberziehen heraus. An diesem Tag ist der Mann, den alle seit so vielen Jahren als d e n Erfurter Boxtrainer kennen, weit weg vom Ring. Heute ist er nachtaktiv. Diesen Namen haben er und Dr. Doris Schwiefert vom Jugendamt ihrem ungewöhnlichen Projekt gegeben. Die Abteilungsleiterin der Kinder- und Jugendförderung und der Mann vom Boxen sind auf einer Wellenlänge, wenn es darum geht, dass junge Menschen mit ihrer freien Zeit Besseres anfangen können als nur herumzuhängen, nichts oder gar Schlimmes zu tun. Freitags von 14 bis 16.30 Uhr ist in der zur Willy-Brandt-Schule gehörenden Turnhalle an der Kranichfelder Straße „Nachtaktiv“-Zeit, am Freitagabend (22 bis 24 Uhr) und am Samstag auch in der Sporthalle an der Gera-Aue.


Seit fünf Jahren gibt es das vom Jugendamt geförderte, für die Teilnehmer kostenfreie Projekt, meist sind zu jeder der angebotenen Zeit etwa 30 Jungen mit von der Partie, manchmal gesellen sich ein paar Mädchen hinzu. „Wir sind eine bunte Mischung, Deutsche, Russen, Türken, Iraker, Syrier, Kurden...“, versucht Lothar Stöckchen eine Aufzählung, die längst nicht vollzählig ist. Wenn sie hier sind, dann sind sie eins. Nicht unbedingt dicke Freunde, aber Jungs, die dasselbe wollen. Sport treiben, sich austoben, Erfolg haben. Die Erwärmung muss immer sein, weiß der erfahrene Trainer. Dann spielen sie vielleicht Tischtennis, probieren beim Sprinten ihre Kraft aus. Doch Fußball ist die Nummer eins. Lothar Stöckchen veranstaltet sogar Turniere, für jede Altersklasse extra. Das Größte ist es aber, wenn sie sich außerhalb messen, bei Soccer-Wettbewerben mitkicken dürfen. Die Nachtaktiv-Jungs schlagen sich dabei recht erfolgreich, haben es sogar schon bis ins Finale nach Prora geschafft.


An solchen Tagen ist Lothaer Stöckchen besonders stolz auf seine Jungs. Es lohnt sich eben, Zeit für sie zu haben. „Wenn sie hier sind, haben sie keinen Unfug im Kopf“, sagt der Trainer. „Sie machen keine Dummheiten, werfen nicht mit Steinen, beschmieren keine Wände“, fügt er hinzu und ist sich sicher, dass sie das auch außerhalb der Nachtaktiv-Zeiten nicht tun. Bei ihrem 'Herrn Stöckchen' lernen sie, was es heißt, fair zu sein, vernünftig und freundlich mit anderen umzugehen. „Manchmal erziehen sie sich sogar untereinander“, freut er sich über Einsatz, der fruchtet. Natürlich, ab und zu muss er auch einen Streit schlichten, ein Machtwort sprechen. Bei Jungs und im Fußball kochen schnell mal die Gefühle hoch. Das hat nichts damit zu tun, dass sie aus so vielen Ländern kommen, es sich manche Eltern nicht leisten können, Beitrag für einen Sportverein zu zahlen. Lothaer Stöckchen besteht darauf, dass sie sich alle an die Regeln halten. Das muss sein. Obwohl er sie nicht mit erhobenem Zeigefinger durchsetzt, das ist nicht Stöckchens Art. Er macht das eher leise. Und er macht es vor. „Wenn du sowas tust, dann musst du einfach Vorbild sein“, ist die Maxime, nach der der Trainer seit Jahrzehnten lebt.


Dass manch anderer 74-Jährige seine Abende lieber auf dem heimischen Sofa verbringt, kann er verstehen. Für ihn ist das nichts. Lothar Stöckchen freut sich, wenn ein paar Väter, von den Nachtaktiv-Jungs und von seinen Box-Kindern, ihn hier unterstützen. Aber er selbst ist immer da. Neben dem Boxtraining, neben den Wettkämpfen. Es kommt sogar vor, wenn es wieder einmal spät geworden ist, dass er ein paar seiner Schützlinge nach Hause bringt. Danach hat er noch etliche Kilometer Heimweg vor sich. Ob er wohl, wenn er im Herbst seinen 75. Geburtstag feiert, ein wenig kürzertreten wird? „Auf gar keinen Fall! Wer erzieht denn da unsere Jugend?“
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