Mit dem Herzen sehen: Kinder aus dem Erfurter Ursulinen-Kindergarten versetzen sich in die Welt von Blinden

Ist das die Nase von der Steinfigur? Jakob macht den Fühl-Test.
 

Erfurt. Ein Projekt im Erfurter Ursulinen-Kindergarten macht den Nachwuchs für die Belange blinder Menschen sensibel:

Plötzlich ist es dunkel.Philine kann nichts sehen, seit sie die dicke Stoffbrille aufgesetzt hat, die kein Fünkchen Licht durchlässt. Die Kleine lässt sich darauf ein. Behutsam mit Händen und Stock tastend, genau auf die Geräusche rings um sie achtend, geht sie Schritt für Schritt vorwärts. Außerdem hat sie Max an ihrer Seite. Er fasst sie behutsam am Arm, sagt ihr, worauf sie beim Weitergehen achten muss. Beide sind sie konzentriert. Philine vertraut Max und ihren Eindrücken, ihre Schritte wirken nicht unsicher.

Blindsein ist ein Jahr lang Thema


Seit einem Jahr schon beschäftigen sich Philine und all die anderen Kinder aus dem Erfurter Ursulinen-Kindergarten mit dem Thema Blindsein. "Mit dem Herzen sehen", haben die Erzieherinnen das Projekt genannt, mit dem die Kleinen sensibler werden für Menschen, die sich nicht auf ihr Augenlicht verlassen können.

"Wir beschäftigen uns hier seit über 20 Jahren mit verschiedenen Projekten", berichtet Erzieherin Uta Riese von der WiWa-Wuschel-Gruppe, zu der auch Max und Philine gehören. Das Nicht-sehen-Projekt ist wohl ein besonders intensives, das die Kinder noch lange beschäftigen wird. Sie sind ohne zu sehen durch ihre Stadt gelaufen, haben sich im Duftgarten ganz auf ihre anderen Sinne konzentriert, Reliefbilder ertastet, Blindenschrift entdeckt ihre Spiele im Kindergarten darauf getestet, wie sehr man die Augen dazu brauIcht. Gemeinsam haben sie ihre Lieblingsgeschichte von der Raupe Nimmersatt in einem Tast-Bilderbuch neu erzählt.

Besonders feinfühlig


"Die Kinder haben sowieso für solche Dinge ein besonderes Feingefühl", ist Uta Riese stolz auf ihre Kleinen. Inzwischen ist es für sie ganz normal geworden, beim Spazierengehen mehr auf andere zu achten. Und darauf, dass niemand die Blindenleitlinien versperrt. Die Mamas und Papas, Omas und Opas sind sowieso immer dabei, die Kinder bei ihren aufregenden neuen Entdeckungen und Erfahrungen zu unterstützen. Vielleicht sehen auch sie jetzt etwas genauer hin.



Wissenswertes zum Projekt


Angeregt wurde das Projekt durch den engagierten Erfurter Roland Büttner, der bei einer seiner Stadtführungen auf die Blindenleitlinien im Hauptbahnhof aufmerksam wurde. Viele Erwachsene wissen mit solchen Linien, die sich auch anderswo in der Stadt befinden, nichts anzufangen. Manche verstellen sie sogar gedankenlos mit Müll oder Fahrrädern. "Schon im Kindesalter sollte man anfangen, die Kleinen müssen für solche Dinge sensibilisiert werden", ist Roland Büttner überzeugt und plädiert dafür, Kinder spielerisch mit solchen Leitlinien und anderen Hilfsmitteln vertraut zu machen. Er hofft, dass sich auch andere Kindergärten diesem Thema widmen und hofft auch bei den Erwachsenen auf mehr Verständnis. So setzt er sich beispielsweise für Blindenleitlinien ein, die bis zum Tastmodell auf dem Fischmarkt führen. Auch im Verkehrserziehungsgarten auf dem Petersberg fehlen diese Orientierungsmöglichkeiten.
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