Ruf als Billiglohnland: Wer sein Geschäftsmodell darauf aufbaut, die billigsten Arbeitskräfte in Thüringen zu finden, der ist hier falsch

Zur Person: Helmut Meyer ist Inhaber der GeAT AG, der Gesellschaft für Arbeitnehmer­überlassung Thüringen AG. Er kam vor 24 Jahren nach Thüringen und plante damals eigentlich, nur zwei Jahre zu bleiben. Doch er blieb und gründete vor 14 Jahren sein Unternehmen. Sein Motto: „Wo GeAT drauf steht, ist Thüringen drin.“ Die GeAT AG beschäftigt etwa anderthalb Tausend Mitarbeiter und gehört damit zu den großen Thüringer Unternehmen. (Foto: Axel Heyder)
 
Matthias Freund: "80 Prozent der Unternehmen in Thüringen sind gar nicht tariflich gebunden." (Foto: Axel Heyder)
Erfurt: Allgemeiner Anzeiger |

Für das Wirtschafts­magazin „HIER leben wir Leistung, wagen wir Ideen, schreiben wir Erfolg“ hat der Allgemeine Anzeiger Thüringer Unternehmer an einen Tisch geholt. Teilgenommen an der Gesprächs­runde haben Helmut Meyer, Inhaber des Personal­dienstleisters GeAT AG, LMI-Licensee Cornelia Stöckmann, selbstständig im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, Helmut Peter, Geschäftsführer der Autohaus Peter Gruppe, sowie Matthias Grafe, Managing Director der Grafe Advances Polymers GmbH. Moderiert wird die Runde vom Personalberater Matthias Freund (Human Resources Consulting).

Freund: Das Thema „doppelte demographische Falle“ ist Ihnen ja bekannt. Das hängt mit der Homogenität der Belegschaft zusammen. 1990 bis 1994 wurden im Zuge der großen Umgestaltung die ganz jungen Leute in einem Betrieb abgebaut. Nach dem Motto: „Ihr seid jung, ihr könnt euch überall einen Arbeitsplatz suchen.“ Die „Alten“ wurden in den Vorruhestand geschickt. Das heißt: Die typische Belegschaft ist zu 70 Prozent in einer Altersspanne von 10 bis maximal 15 Jahren. Manche Unternehmen stehen aufgrund dieser gleichförmigen Altersstruktur jetzt vor dem Problem, dass fast die Hälfte der Belegschaft geschlossen in Rente geht. Das gibt es so in den alten Bundesländern nicht. Das ist die Besonderheit der ostdeutschen Länder. Deshalb spricht man von der doppelten demographischen Falle. Thüringen mit seinen klein- und mittelständischen Unternehmen trifft es doppelt schwer. Es wird immer schwieriger, neue Arbeitskräfte zu finden. Wenn wir jetzt betrachten, wie sich die Qualität der künftigen Mitarbeiter zusammensetzt, ist es immer dasselbe. Wir haben einen kleinen Teil Elite, also begabt, schlau, tüchtig, leistungswillig. Dann haben wir den großen Bauch und hinten den Schwanz. Das hat sich über Jahrtausende nicht geändert und wird sich auch nicht ändern, diese Gaußsche Normalverteilung haben wir. Wie gelingt es uns, innerbetrieblich die Leute mit den Innovationszyklen, mit der modernen Technik mitzunehmen, damit sie nicht abgehängt werden, weil wir sie ja noch brauchen. Haben Sie Beispiele in Ihren Betrieben?

Peter: Wir haben das große Problem, dass die Fahrzeuge immer elektronischer, immer moderner werden. Die Technik ist so ausgereift, dass einige Kunden Schwierigkeiten haben, alles zu bedienen. Vielen fehlt auch die Zeit, sich damit intensiv zu beschäftigen. Die Technik zu beherrschen und zu reparieren, ist auch für uns eine Herausforderung. Die Entwicklungen werden immer elektronischer, immer schneller und wir nehmen das Volk nicht mehr mit. Setzen Sie heute mal einen älteren Fahrer in die A-Klasse. Du hast so viel technischen Krimskrams, den du nicht brauchst. Nur schneller, weiter, höher. Da die Technik immer aufwändiger wird, steigen auch die Reparaturkosten: Einen Spiegel zu wechseln, kostet dadurch plötzlich 180 Euro. Da fragt man sich: Ist das noch normal?
Die Kommunikation zu unseren Mitarbeitern als künftigen Führungskräften ist ganz entscheidend. Ich meine damit das Betriebsklima. Die guten Leute muss ich weiter fördern. 70 bis 80 Prozent der Nachwuchskräfte in Thüringen haben beispielsweise nicht die Möglichkeit, neben der Arbeit ihren Meisterbrief zu machen oder eine Fachschule zu besuchen. Wir als Unternehmen unterstützen diese talentierten Mitarbeiter, indem wir die Kosten für ihre Weiterbildung tragen. Viele Mitarbeiter danken es uns, indem sie dem Betrieb treu bleiben.

Meyer: Ich denke, bei dem Thema muss man europäischer denken. Wir haben in Breslau eine Firma aufgemacht, die handverlesene Arbeitnehmer für Arbeitsplätze rekrutiert. Das ist auch ein Weg, den wir gehen müssen. Warum soll nicht der polnische Mitarbeiter, der deutsch spricht, ein guter Mitarbeiter sein? Viele Unternehmen gerade hier in Thüringen machen damit derzeit sehr gute Erfahrungen. Wir haben eine Firma aufgebaut in Breslau, wo wir wirklich von der Hochschule, von der Fachhochschule, von den abgehenden Schulen, auch aus dem normalen Leben heraus Arbeitnehmer handverlesen rekrutieren und auch mit Sprachausbildung nach Deutschland bringen. Das ist sehr erfolgreich. Gute Erfahrungen sprechen sich schnell herum. Da schadet es uns etwas, dass Thüringen ein Billiglohnland ist. Ich würde mir wirklich wünschen, wir hätten diesen Ruf nicht.

Grafe: Sind wir denn ein Billiglohnland? Oder haben wir nur den Ruf?

Freund: Wir liegen bei der Entlohnung auf Platz 15 von 16 Bundesländern.

Peter: Zwischen Göttingen und Erfurt herrscht ein Lohnniveau. Aber Sie haben Recht, wenn wir von bestimmten Branchen sprechen. Nehmen wir mal den TÜV. Die Hauptuntersuchung des TÜV hier in Thüringen, der klein und selbstständig ist, ist genau zehn Euro billiger als in Niedersachsen. Erklären Sie das mal einem Kunden. Wir haben innerhalb von zehn Kilometern zwei Häuser, aber zwischen Duderstadt in Niedersachsen und in Bad Heiligenstadt in Nordthüringen liegt der Preisunterschied der Hauptuntersuchung bei zehn Euro.

Freund: Für uns Headhunter ist das Gehalt immer ein Thema, daher habe ich immer die aktuellen Zahlen. Das Problem bei diesen statistischen Vergleichen der Entlohnung: Glaube nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Es werden in den offiziellen Zahlen die tariflichen Stundenlöhne miteinander verglichen, weil dies die einzigen Zahlen sind, die abrufbar sind. Doch erstens: 80 Prozent der Unternehmen in Thüringen sind gar nicht tariflich gebunden. Zweitens: Es geht gar nicht mehr um den Stundenlohn, sondern um die Nebenleistungen. Es gibt bis zu 14 Monatsgehälter, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, betriebliche Altersvorsorge, Versicherungspakete, Bonifikationen, Sonderzahlungen. Wenn Sie das alles mit einrechnen, kommen Sie vor allem bei den akademischen Berufen auf Lohnunterschiede in manchen Branchen bis zu 60 Prozent. Weil diese ganzen Sonderleistungen nicht gezahlt werden in Thüringen. Da ist etwas, das fällt uns auch immer auf die Füße. Stundenlöhne im gewerblichen Bereich sind 1:1 zu übernehmen.

Peter: Wir gelten als Billiglohnland, weil wir keine Produktion in einer gewissen Größenordnung haben. Da fehlen ein paar große Unternehmen, die solche Sonderprämien zusätzlich zahlen können. Die vielen Zweigbetriebe sind ein Hemmschuh für Thüringen und die neuen Länder.

Das Lohnniveau in Thüringen wird steigen.



Grafe: Ich sage mal ein wenig ketzerisch: Früher mussten die Leute für mich arbeiten, heute können sie es. Es hat sich leider für mich das Bild völlig gedreht. Die Situation ist ganz anders. Und das müssen wir als Unternehmer lernen. Die Fachleute stehen im Wettbewerb, das ist heute so. Deswegen wird das Lohnniveau in Thüringen einfach steigen. Denn wenn ein Gut knapp ist, wird es teurer. Ich selber bemerke das in meinem Industrieunternehmen auch seit zwei, drei Jahren. Ich zahle sogar teilweise über Tarif.

Peter: Wir haben die Löhne in den letzten zehn Jahren um mehr als 25 Prozent angehoben – überdurchschnittlich mitunter.

Grafe: Ich habe keinen Mitarbeiter, dem es heute schlechter geht als vor zehn Jahren. Denen geht es allen viel besser. Wer sein Geschäftsmodell darauf aufbaut, die billigsten Arbeitskräfte in Thüringen zu finden, der ist hier falsch. Das ist seit fünf Jahren vorbei und ist auch kein Zukunftsmodell. Aber ich sehe im Rahmen der Europroblematik eine fatale Entwicklung. Wir haben in den letzten zehn Jahren sehr erfolgreich gearbeitet in Deutschland. Vor zehn Jahren waren wir das krankende Land in Europa, das Sorgenkind. Wir haben aber durch Lohnzurückhaltung konsequent unsere Volkswirtschaft auf Wirtschaftlichkeit getrimmt. Wir sind erfolgreicher als die anderen Länder. Und wir haben am meisten vom Euro profitiert.

Freund: Der gesamte Exportüberschuss von knapp 700 Milliarden Euro war nur möglich aufgrund der Lohnzurückhaltung unserer Beschäftigten. Die deutschen Arbeitnehmer haben einer Studie zufolge als einzige in der Europäischen Union in den vergangenen acht Jahren einen Reallohn-Verlust hinnehmen müssen. Deutschland hat mit einem Minus von 0,8 Prozent EU-weit die schwächste Reallohn-Entwicklung.

Grafe: Allerdings versucht die Politik, Deutschlands Wettbewerbsvorteil anzugleichen. Wir Unternehmer haben aber einen Vorteil: Wenn die Politik Mist baut, dann können wir weglaufen. So eine EEG-Umlage zahle ich beispielsweise in Polen nicht.

Freund: Ist das eine Option für Sie, Thüringen und Deutschland mit Ihrem Unternehmen den Rücken zu kehren?

Grafe: Ich mache es nicht. Ich investiere aber auch in ausländische Märkte, in Polen oder in einr Chaosgesellschaft wie Italien. Wer hier über Bürokratie schimpft, soll übrigens mal ein Unternehmen in Italien gründen, dann weiß er, was Bürokratie bedeutet. Doch: Die Menschen können nicht weglaufen, aber die Arbeitsplätze können weglaufen. Da liegt immer die Gefahr.

Peter: In unserer Branche wandern derzeit viele Aufträge der Versicherungen ins Ausland. Die Versicherungen haben sich zusammengeschlossen und vergeben Verträge, in denen die Werkstätten teilweise 30 Prozent weniger verdienen im Stundenberechnungssatz. Wenn ein Unternehmen diesen Vertrag nicht besitzt, dann holen uns die Versicherungen das Auto buchstäblich vom Hof. Sie transportieren die Fahrzeuge stattdessen nach Polen und lassen das Auto dort reparieren. Die Versicherten haben dies unterschrieben. Das steht dann im Kleingedruckten, dass die Versicherungen die Werkstatt bestimmen. Kostet eine Reparatur am Mercedes beispielsweise 12 000 Euro, geben die Versicherungen dem Versicherten lieber für vier Wochen einen kleineren Ersatzwagen und lassen sein Auto im Ausland für nur 3000 Euro reparieren. Wir haben auf diese Situation reagiert und uns in einer Zentrale auf die Versicherungsschäden spezialisiert. Hier reparieren wir den Wagen jetzt eben auch 30 Prozent billiger für die Versicherungen.


Lesen Sie weiter:

- Frauen in Führungspositionen: Noch immer gibt es nur wenige weibliche Chefs – Liegt es an der Erziehung oder an der Frauenquote?

- Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: Wer in Zeitarbeitern nur preiswerte Arbeitskräfte sieht, bekommt schon bald ein Problem

- Handy-Manie stört die Ausbildung - Unternehmer lehnen materielle Köder zur Azubi-Gewinnung ab: „Wer für ein iPhone kommt, der geht für ein iPad!“

- Thüringen ist ein wunderbarer Wirtschaftsstandort - Aber: Das Außenmarketing ist nicht immer optimal

- Verantwortung für die Region: Der Ruf des Unternehmers könnte in Thüringen besser sein

- Das Unternehmer-Gen: Matthias Grafe erkennt in der Wohlstandsgesellschaft den Grund für immer weniger Existenzgründungen

- Auf den Instinkt verlassen: Die meisten Unternehmer vertrauen bei ihren Entscheidungen auf das Bauchgefühl

- Europafreundlich, aber bürokratiefeindlich: Immer mehr Brüssel?
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige