Sand im Getriebe

Günthis Augen.
AA-Redakteur Thomas Gräser fragt sich, was wirklich hinter „den Schlaf aus den Augen reiben“ steckt


Jeden Morgen das Gleiche: Zuerst wehren sich meine Augen gegen das lästige Glitzern des Tages. Die ersten Lichtstrahlen schmerzen. Danach ruhe ich apathisch noch etwas auf der Bettkante und reibe mir den "Schlaf" aus den Augen. Ein krümeliges Etwas löst sich in meinen Fingerkuppen ins Nichts auf. Doch wer streut mir nachts Sand ins Augen-Getriebe?

Kinder bekommen die Geschichte vom Sandmann erzählt. Der sandstreuende Wicht mit der Zipfelmütze sorgt für gutes Einschlafen und süße Träume. Das reichte mir vor Jahrzehnten wahrscheinlich auch als Erklärung. Doch jetzt brauche ich die wissenschaftliche Erkenntnis.

Die bröselnde Substanz besteht aus Staubpartikeln, Zellresten, Proteinen und getrockneten Sekreten. Eine Art von Reinigungsprogramm spielt sich nachts hinterm Lid ab. Die Produktion der Tränenflüssigkeit sinkt bei geschlossenen Augen, sie kann in der feuchtwarmen Kammer nicht verdunsten. Flüssigkeit sammelt sich an den Augenrändern, trocknet und hinterlässt kristallisierte Stoffe.

Die Tränenflüssigkeit besteht neben Wasser aus Eiweißen, Salzen und Kohlenhydraten. Sie reinigt, ernährt und schützt das Auge. Fremdstoffe und abgestorbene Hornhaut werden in Richtung Augeninnenwinkel gespült.

Im nächtlichen Tränensee finden aber auch Bakterien ihr Paradies. Das wiederum alarmiert die Körperpolizei - die weißen Blutkörperchen. Sie bekämpfen die Eindringlinge und gehen dabei selbst zugrunde. All diese gelösten Stoffe bilden nach dem Verdunsten des Wassers den Grieß, den nicht nur ich mir morgens aus den Augen reibe. Ich gebe ja zu: das Ammenmärchen vom Sandmann ist poetischer.
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