Schwafeln oder schweigen: Ost und West kommunizieren völlig verschieden - Die Ursachen liegen in der Erziehung

Wenn 15 Kinder am Tisch sitzen und über ihre Erlebnisse berichten, dann muss zwangsläufig die Gesprächszeit begrenzt werden. (Foto: Jens Büttner)
 
Die meisten West-Kinder verbrachten früher die ersten Lebens­jahre bei ihrer Mutter. Mittlerweile hat sich vielerorts die Zahl der betreuten Einjährigen verdoppelt. (Foto: Patrick Pleul)
Erfurt: Freund HRC |

Kürzlich bei meinem Lieblings­italiener: Am Nachbartisch unterhielt sich ein Ehepaar aus Erfurt, Mitte 50, mit einem Bekannten aus der Kölner Region. Unfreiwillig bekam ich den sehr einseitigen Gesprächsverlauf mit.

Der Bekannte aus Köln erzählte über seine Erlebnisse im Sommer. Dabei nannte er ohne Pause zahlreiche, meist ­bedeutungslose Details und kannte sogar noch den Namen des jungen Mannes, der im spanischen Hotel den Pool reinigte.

Das ­Erfurter Ehepaar hörte mehr oder weniger interessiert und überwiegend schweigend den Ausführungen zu. Ich konnte es den Gesichts­ausdrücken entnehmen: Aus Höflichkeit haben die beiden ihren Gesprächspartner nicht unterbrochen.

Frühkindliche Sozialisierung


Derartige Situationen erlebe ich öfter. Daher die Frage: Wie groß sind eigentlich die ­Unterschiede in der Kommunikation zwischen vorwiegend in Ostdeutschland (O) und vorwiegend in Westdeutschland (W) sozia­lisierten Menschen?

In meiner täglichen Arbeit verzeichne ich in den ­Bewerbungsgesprächen auch nach 25 Jahren immer noch deutliche Unterschiede. Zum Beispiel wenn es darum geht, sich selbst zu präsentieren. Der W spricht meistens mehr und länger. Seine rhetorischen Fähigkeiten sind hinsichtlich Satzkonstruktion in der Regel detailreicher und bezogen auf die verwendeten Vokabeln umfangreicher. Oftmals merken Sie dies, wenn im Fernsehen Menschen auf der Straße angesprochenen werden. Auf eine konkrete Frage antwortet der O kurz und knapp.

Offensichtlich spielt die frühkindliche Sozialisierung für die Sprachausbildung und für das persönliche Kommunikationsverhalten eine entscheidende Rolle. Wir O besuchten Kinderkrippen und Kindergärten und wurden dadurch sehr frühzeitig in Gruppen sozialisiert. Sehr jung mussten wir lernen, nur dann zu sprechen, wenn wir gefragt waren. Wenn 15 Kinder am Tisch sitzen und über ihre Erlebnisse berichten, dann musste zwangsläufig die Gesprächszeit begrenzt werden. Später in der Schule gab es auf die konkrete Frage des Lehrers eine konkrete Antwort – oder manchmal auch keine.

Lernen, um zu schreiben


Man muss auch wissen, dass die DDR-Pädagogik in der Unterstufe sehr viel mehr Wert auf die Entwicklung des richtigen Schreibens gelegt hat. Der erlangte Wortschatz in den ersten vier Jahren betrug nur ein Drittel vom Wortschatz, der an westdeutschen Schulen vermittelt wurde. Dort lag der Schwerpunkt in der Ausprägung kommunikativer Sprachfertigkeiten. Das heißt: Wir lernten, richtig zu schreiben und der Westen richtig zu sprechen.

Die meisten West-Kinder verbrachten die ersten Lebens­jahre bei ihrer Mutter. Es gab nur eine oder zwei ständige Bezugspersonen. Und welche Eltern sagen schon ehrlich ihren Kindern, dass sie beispielsweise ihren Gesang grässlich finden? Da war das für uns so schon unangenehmer, wenn beim Vorsingen die halbe Klasse vor Lachen unter den Tischen lag. Da ist man kein zweites Mal freiwillig angetreten. O meldet sich noch heute nur dann zu Wort, wenn er sich seiner Sache 100-prozentig sicher ist.

Hörbare Unterschiede


Auch wenn Sie jetzt schmunzeln, in der Erziehung liegen wahrscheinlich die Ursachen für die hör­baren Unterschiede in der Kommunikation zwischen Ost und West. Aber dies ist keine Frage, was besser oder ­schlechter ist. Lassen Sie uns lieber gemeinsam Vorurteile abbauen und über unsere eigene Kommunikation gesamtdeutsch selbstkritisch nachdenken.
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4 Kommentare
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Joachim Kerst aus Erfurt | 11.10.2014 | 10:21  
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Renate Jung aus Erfurt | 11.10.2014 | 12:29  
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Silke Dokter aus Erfurt | 16.11.2014 | 13:44  
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Renate Jung aus Erfurt | 17.11.2014 | 00:29  
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