So arbeiten wir in der Zukunft

Dr. Christoph Köhler, Professor für Soziologie an der Universität Jena. (Foto: Jan-Peter Kasper/FSU)
 
"Wir brauchen mehr Kitas und Ganztagsschulen", fordert Dr. Christoph Köhler. (Foto: Helene Souza/Pixelio.de)
 
"Home Office": Gerade Frauen werden in Zukunft mehr von zu Hause arbeiten können. (Foto: magicpen/Pixelio.de)
 
Das Ende der Stechuhr - Arbeitnehmer werden in Zukunft eher selten klassische Acht-Stunde-Tage erleben. (Foto: Peter von Bechen/Pixelio.de)
Am Mittwoch ist der Tag der Arbeit. Wie die Arbeit in 15 oder 20 Jahren aussehen wird, fragte der Allgemeine Anzeiger Dr. Christoph Köhler. Der Soziologie-Professor an der Universität Jena nennt im Interview die wichtigsten Trends auf dem Arbeitsmarkt.


Welche Trends gibt es auf dem Arbeitsmarkt?

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird sich die Situation von gut qualifizierten Personen verbessern. Dies gilt für Ost- und Westdeutschland unter der Voraussetzung, dass wir unsere stabile wirtschaftliche Situation halten können. Jedes Jahr werden altersbedingt im Schnitt circa eine Million Arbeitsplätze frei und es gibt viel weniger Neueintritte der Nachwuchsjahrgänge. Ostdeutschland ist Vorreiter im demografischen Wandel aufgrund des Geburtenknicks zur Wendezeit und der starken Verrentungswellen.

Problematisch dagegen ist es und wird es für die Gering- oder Fehlqualifizierten. Hier nehmen die Zahlen zu und gleichzeitig die Zahl der Arbeitsplätze ab. Wir haben es also heute und in Zukunft mit einer Spaltung am Arbeitsmarkt zu tun. Eine Unterschicht auf Dauer ist aber Gift für die Betroffenen und für die Gesellschaft insgesamt.


Welche Berufe existieren in 10, 20 Jahren nicht mehr? Welche Berufsbilder wird es stattdessen geben?

Man kann das schlecht an einzelnen Berufen festmachen, weil die mittlerweile so breit geschnitten sind, dass kaum etwas wegfällt. Die Ausnahme bildet vielleicht der Bergbau, der ja stark heruntergefahren wird. Ansonsten kann man von Trends sprechen: Laut Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nehmen Hilfstätigkeiten und herstellende Tätigkeiten ab – während Wissensarbeit und Dienstleistungstätigkeiten weiter zunehmen.

Darauf auf sollte man aber keine Berufsentscheidungen aufbauen, denn in allen Bereichen gibt es einen starken Ersatzbedarf aufgrund der großen Verrentungswellen. Gerade im produzierenden Gewerbe gibt es zu wenig Nachwuchs. Man sollte also bei der Berufswahl eigenen Wünschen folgen und – wenn dies passt – auch gegen den Modetrend gehen.


Bisher wurde der Mitarbeiter ausgezeichnet, der seinem Unternehmen lange Jahre treu war. Gilt dies auch in Zukunft noch?

Ja – mit Einschränkungen. Unternehmer brauchen einschlägig qualifizierte und leistungsbereite Beschäftigte. Die kann man nicht schnell auf dem Arbeitsmarkt einkaufen. Arbeitnehmer wollen Arbeitsplatzsicherheit und versuchen dies durchzusetzen. Aus beiden Gründen gibt es weite Bereiche mit hoher Stabilität.

Die Betriebszugehörigkeitsdauern haben im Durchschnitt in den letzten zehn Jahren wieder zugenommen. Es gibt aber auch Bereiche mit Instabilität. Der Personalumschlag in bestimmten Branchen (zum Beispiel Medien, Reinigung, Gesundheit) und Berufen (zum Beispiel Hilfstätigkeiten, Journalisten) und bei Berufseinsteigern hat zugenommen. Dort, wo ein großes Arbeitskräfteangebot verfügbar ist, nutzen die Arbeitgeber die Ausnahmeregeln im Arbeitsrecht für Leiharbeit, geringfügige Arbeit, Befristung etc.

Wir haben es also auch hier mit einer Spaltung am Arbeitsmarkt zu tun und es gibt keinen Zweifel daran, dass sich hier eine „Prekariat“ mit Niedriglöhnen und unsicheren Arbeitsverhältnissen herausgebildet hat.


Wie sieht das Büro der Zukunft aus? Haben wir noch einen festen Arbeitsplatz oder rotieren wir (Mobile Working)?

Allen Voraussagen zum Trotz hat sich der feste Arbeitsplatz erhalten, denn es ist für den Arbeitgeber von Vorteil, wenn es stabile Kooperationszusammenhänge gibt. Kooperation wird in modernen Organisationen groß geschrieben und die funktioniert am besten, wenn man sich regelmäßig sieht und Probleme von Angesicht zu Angesicht und auch beim Kaffee besprechen kann. Allerdings gilt, dass Dienstreisen und wechselnde Arbeitsorte zunehmen. Ich sehe hier allerdings Grenzen.


Arbeiten wir überhaupt noch im Büro oder von daheim oder aus dem Café?

Bisher sind mobile und Heimarbeitsplätze die Ausnahme und ich sehe keinen Grund, warum sich dies auf breiter Front ändern sollte. Auch hier eine Einschränkung: Die Beschäftigung von Frauen wird aufgrund der Fachkräfteknappheit zunehmen. Da Frauen immer noch den Hauptteil der Hausarbeit und Sorgearbeit leisten, wird man ihnen mit flexiblen Regelungen entgegenkommen müssen. Das könnte die Heimarbeit verstärken.
Thema Arbeitszeiten: Ist der klassische Acht-Stunden-Tag ein Auslaufmodell?
Ich denke ja. Hier können wir in den letzten zwanzig Jahren einen durchgehenden Trend zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten erkennen. Unternehmer wollen die Arbeitsvolumina den Auftragslagen anpassen. Arbeitnehmer wollen im Laufe ihres Lebens unterschiedlich viel Arbeiten. So hat die Teilzeit insgesamt aber auch die gewünschte Teilzeit stark zugenommen. Auch gibt es Tendenzen der „Entgrenzung der Arbeit“, wo sich Freizeit und Arbeitszeit mischen. Ich sehe aber auch hier Grenzen. Wenn sich die Arbeitsmarktposition der Beschäftigten verbessert – was für die Qualifizierten meiner Meinung nach gilt – wird es auch Gegenbewegungen geben, über die Einzelnen aber auch kollektiv über die Gewerkschaften.


Die Deutschen sammeln im Jahr 2,5 Milliarden Überstunden an. Gibt es Modelle wie Arbeitszeitkonten, die diese Zahl verringern?

Das hängt von der Situation ab. In der Finanzmarktkrise von 2008/9 hatten wir den stärksten Absatzrückgang seit fünfzig Jahren verbunden mit dem geringsten Beschäftigungsrückgang. Dies wurde über den Abbau der angesammelten Überstunden auf Arbeitszeitkonten, aber auch über die von der Arbeitsagentur geförderte Kurzarbeit erreicht. Im Normalbetrieb gibt es allerdings eine Tendenz zum Aufbau von Überstunden, weil häufig Arbeitgeber und Beschäftigte ein Interesse daran haben. Hier gibt es einen Konflikt zwischen Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen. Viele Betriebsräte versuchen hier Grenzen zu setzen.


Im Büro verbringen wir viel Zeit damit, E-Mails zu checken – eine Studie des MCKinsey Global Institute spricht von 28 Prozent der Zeit. Wir wird sich die Kommunikation verändern?

Ganz eindeutig geht die direkte und indirekte Kommunikation immer stärker über das Internet. Dies kann aber die persönliche Kommunikation nicht ersetzen. So spielen Jobbörsen im Internet eine zunehmende Rolle für Ausschreibungen und Bewerbungen.

Trotzdem verzichten beide Seiten nicht auf persönliche Kontakte bei Einstellungen. So wird man schwierige und vertrauliche Angelegenheiten weiter von Person zu Person besprechen.


Welche Fähigkeiten werden in Zukunft besonders gefragt sein?

Viele Autoren sprechen hier von den sogenannten Schlüsselqualifikationen (Kommunikation, Organisation etc.) für stark vernetzte Arbeitszusammenhänge. Aber das fachliche bleibt meiner Meinung nach die Basis für produktive Arbeit. Pflegekräfte müssen zum Beispiel mit den Patienten umgehen können und medizinisches Wissen haben. Schlüsselqualifikationen werden wichtiger, aber die fachspezifischen Qualifikationen bleiben zentral - auch in Zukunft.


Stichwort Selbstvermarktung: Wer wird in Zukunft am ehesten Karriere machen?

Aufstiege innerhalb von oder zwischen Betrieben hängen heute stärker von Leistung und ihrer Vermarktung ab als früher. Wer dieses Spiel beherrscht, wird mehr Erfolg haben als andere. Allerdings ist überall Teamarbeit gefragt, sodass der Einzelkämpfer nicht das Modell der Zukunft ist. Es geht also darum, an seinen Fähigkeiten zu arbeiten (zum Beispiel über Weiterbildung) und diese dann gut zu „verkaufen“ - auch im Internet. Das hat aber mit Schauspielunterricht wenig zu tun.


Wie werden sich Hierarchien in den Unternehmen ändern?

Es gibt seit zwanzig Jahren einen Trend zu flacheren Hierarchien. Für qualifizierte Arbeit ist mehr Selbstorganisation und Selbstverantwortung gefragt. Dies ist aber nicht mit Humanismus in der Arbeitswelt zu verwechseln, denn dies geht mit hohen Leistungsanforderungen einher. Also: wir haben mehr Freiheit in der Arbeitsgestaltung, müssen aber im Endeffekt mehr leisten. Der Hierarchieabbau ist allerdings für einfache Arbeiten nicht zu erkennen. Hier wird wieder traditionell organisiert und kontrolliert, wie am Beispiel der Bandarbeit oder auch in Call-Centern zu sehen ist.


Welchen Einfluss hat die Demografie auf unser Arbeitsleben?

Für qualifizierte Personen (auch für Frauen und Ältere) verbessern sich die Chancen auf dem Arbeitsmarkt (siehe oben).


Ab wann werden wir in Rente gehen?

Das durchschnittliche Verrentungsalter ist mit den Rentenreformen der letzten zehn Jahre deutlich gestiegen. Mit der schrittweisen Durchsetzung der Rente mit 67 werden wir eine noch stärkere Differenzierung bekommen in Abhängigkeit von Gesundheit und Leistungsvermögen. Vorzeitverrentungen bringen dann stärkere Rentenkürzungen mit sich als heute. Ich hoffe, dass sich hier starke politische Gegenkräfte entwickeln, denn dies bedeutet Altersarmut gerade für die lebenslang prekär Beschäftigten.


Gibt es Hoffnung auf Vollbeschäftigung?

Bei vier Prozent Arbeitslosigkeit muss man schon von Vollbeschäftigung sprechen und dies haben einige Regionen in Deutschland heute schon erreicht. Insgesamt gesehen bin ich mir unsicher und verstehe auch nicht genug von Ökonomie. Die demografische Entwicklung bringt eine Entlastung für den Arbeitsmarkt. Die wirtschaftliche Stellung Deutschlands ist heute aufgrund unserer Produktivität und der Vorteile des Euro stark. Die weitere Entwicklung wird aber auch von unseren Absatzmärkten in Südeuropa abhängen und deren Entwicklung hängt auch von unseren Hilfen ab.


Müssen wir mehr Fachkräfte aus dem Ausland integrieren?

Aufgrund der demografischen Entwicklung ist dies notwendig, um unseren Wohlstand zu halten.


Kind und Beruf – wie bekommen wir diesen Spagat in Zukunft besser hin?

Hier sind die Ostdeutschen Experten, wo zu DDR-Zeiten über 90 Prozent der Frauen erwerbstätig waren. Wir brauchen heute einerseits ausreichend Kitas und Ganztagsschulen zur Betreuung der Kinder. Andererseits benötigen wir gute Einkommen und Arbeitszeitflexibilität von den Unternehmen. Beides sind keine Selbstläufer und nicht durch den Einzelnen durchzusetzen. Gerade am ersten Mai muss man sagen, dass starke Gewerkschaften hier hilfreich sind!


Werden wir in unserer Heimat arbeiten können oder sind wir in ganz Europa/in der ganzen Welt tätig?

Auch hier sind die Ostdeutschen Vorreiter, im Schnitt gingen in der Vergangenheit jedes Jahr 150.000 in den Westen. Viele kommen allerdings auch wieder zurück. Die Situation in Ostdeutschland wird in Zukunft eher besser werden aufgrund des demografischen Wandels. Also hier verbessern sich die Chancen, in der Heimat zu bleiben. Aber auch hier werden der Einsatz an wechselnden Arbeitsorten und Dienstreisen zunehmen. Aber das konzentriert sich auf Deutschland.


Thema Burnout – wird die Arbeitsbelastung immer höher?

Ja definitiv. Dies zeigen etwa der DGB-Index „gute Arbeit“ und die dokumentierten Gesundheitsrisiken. Dahinter stehen zwei Komponenten: Einmal die zunehmende Konkurrenz auf den weltweiten Absatz- und Finanzmärkten – zum anderen aber auch durch der Machtverlust der Gewerkschaften in den letzten zwei Jahrzehnten, der ja von den Arbeitnehmern beeinflusst werden kann.
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3 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 29.04.2013 | 12:53  
7.496
Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 29.04.2013 | 18:31  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 30.04.2013 | 10:49  
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