Spielsucht, 8000 Thüringer betroffen: Wenn nichts mehr geht

Die SiT hilft: Spielsucht hat nichts mit einem kleinen Laster zu tun, es ist eine echte Krankheit

Noch immer macht Karin einen großen Bogen um jede Spielhalle. Was für Nichtspieler wenig einladend wirkt, die mit Werbung vernagelten Fenster von Spielotheken, war für Karin lange Zeit ihr Zuhause. „Die Mitarbeiter haben mir Aufmerksamkeit geschenkt. Ich wurde mit Vornamen begrüßt und bekam gleich meinen kostenfreien Kaffee“, erinnert sie sich. Nie habe aber nur einer danach gefragt, ob sie es sich denn leisten könne, Hunderte von Euro – manchmal täglich – in die einarmigen Banditen zu werfen. In den 20 Jahren der Sucht habe sie eine sechsstellige Summer verzockt.

Dabei fing alles, wie bei vielen pathologisch Spielsüchtigen, so schön an: „Ich bekam fünf Mark vom Inhaber meiner späteren Lieblingsspielothek geschenkt“, weiß Karin wie heute. „Ich warf sie in einen Automaten, knackte gleich den Jackpot. Es hupte, alle schauten mich an. 180 Mark habe ich gewonnen, dabei wusste ich nicht mal, wie das alles funktionierte.“ Das Gefühl wollte sie wieder haben, immer und immer wieder. Mit solchen kleinen Gewinnen, das erfährt Elke Karpinski aus dem Beratungszentrum für Glücksspielsucht der Thüringer Suchthilfe (SiT) von ihren Klienten oft, beginnt der Einstieg in eine Spielsucht. „Die Klienten erzählen, wie sie Anerkennung für ihre Gewinne bekommen, im Mittelpunkt stehen. Es ist selten das Geld alleine, denn Gewinne stecken Spielsüchtige unmittelbar wieder in die Maschinen.“

Bei Karin kommt der Alkohol dazu, beides in Kombination hat ihre Familie fast zerstört. „Inzwischen sind wir wieder auf dem Weg der Annäherung“, sagt sie vorsichtig. Ihre Söhne haben ihr ihre Sucht noch nicht vergeben.
„Außerhalb der Spielothek musste es immer das Billigste vom Billigen sein, Urlaub haben wir nie gemacht. Während ich in der Spielhalle – die für mich zur Spielhölle wurde – an Spitzentagen 300 bis 400 Euro in die Automaten gepulvert habe. Meine Kinder habe ich versorgt, aber mich nicht um sie gesorgt“, resümiert sie ebenso trocken wie traurig.

Erst 2001 wird Karin klar, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Dass das Spielen krankhaft ist. Da ist Karin viele Jahre schon in der „Szene“. Sie kann die Miete und die Verbindlichkeiten nicht mehr zahlen. Immer und immer wieder borgt die Erfurterin deshalb, trotz eines guten Verdienstes, bei Freunden und Verwandten Geld – und zerstört Vertrauen. Was ihr bis heute leid tut. Inzwischen ist Karin schuldenfrei, dank professioneller Hilfe. Begreifen kann sie aber nicht, wie leicht es ihr die Banken machten, Kredite bis 5000 Euro aufzunehmen. Das Geld hat sie prompt wieder verzockt.

2005 kommt sie in Therapie, die zunächst erfolgreich ist. Der Umzug in eine Großstadt macht die Erfolge zunichte. Inzwischen hilft ihr die Selbsthilfegruppe bei der SiT. „Es ist hart, davon zu erzählen. Aber es hilft!“

Ihr sehnlichster Wunsch ist es, zu ihren Söhnen endlich ein normales Verhältnis zu haben. Sie weiß, dass das viel Zeit benötigen wird. Ob ihre Jungs jemals verstehen, dass es sich um eine Krankheit handelt, weiß sie nicht. Aber sie warnt vor ihrem eigenen Schicksal: „Oft lädt dich ein Bekannter nur auf einen Kaffee in eine Spielhalle ein. Einer zeigt dir, wie die Automaten funktionieren. Für manche ist das der Einstieg ins Unglück, wie für mich.“
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