Studium für die Tonne? Über- und Hochqualifizierte bekommen trotz Top-Ausbildung immer wieder Absagen

Ist das Studium erfolgreich absolviert, ist die Freude noch groß. Doch oftmals folgt danach in der Bewerbungsphase die Ernüchterung. "Überqualifiziert" lautet leider immer wieder die Begründung. (Foto: Thomas Kölsch/pixelio.de)
Erfurt: Freund HRC |

Vielleicht haben Sie selbst schon im Rahmen einer ­Bewerbung die unverständ­liche Erfahrung machen müssen, wegen „Überqualifizierung“ abgelehnt zu werden. Auch wenn dies den Bewerbern in dieser Form häufig so nicht mitgeteilt wird, existiert dieser Ablehnungsgrund tatsächlich.

Einerseits lesen wir täglich, wie wichtig Bildung ist. Eine Bildungsoffensive nach der anderen wird gestartet und dann dies? Ist der Begriff „überqualifiziert“ nicht ein Widerspruch in sich? Ver­suchen wir also der Sache auf den Grund zu gehen und schließen eins vorweg aus: Dieser Artikel bezieht sich nicht auf Fälle, bei denen hochqualifizierte Menschen sich auf eine Stelle bewerben, für die sie keinen fachlichen oder erfahrungsseitigen Hintergrund haben. Ein promovierter Gesellschaftswissenschaftler eignet sich wirklich nicht für die Leitung einer technischen Fachabteilung, in der Kenntnisse eines Ingenieurs erforderlich sind – er kann keine Brücken planen und konstruieren.

Mir ist in meiner langjährigen Praxis noch nie eine Stellenbeschreibung untergekommen, in der eine Maximalbegrenzung der Qualifikation formuliert war.


Bei einer Bewerbungskampagne treffen zwei Partner aufeinander. Da ist zuerst das Unternehmen, das in seiner Stellenbeschreibung die wichtigsten Anforderungen an den zukünftigen Mit­arbeiter formuliert hat. Häufig lesen Sie auch Wünsche hinsichtlich der erforderlichen Minimalqualifikation. Mir ist in meiner langjährigen Praxis noch nie eine Stellenbeschreibung untergekommen, in der eine Maximalbegrenzung der Qualifikation formuliert war. Trotzdem existieren in den Unternehmen – vor allem im deutschsprachigen Raum – unterschwellig Vorbehalte gegen den Einsatz eines hochqualifizierten Mitarbeiters auf einer normal anspruchsvollen bis mittleren Position.

Was sind die Ursachen? Es wird den Hochqualifizierten seit vielen Jahren unterstellt, dass sie sich eventuell nach einer gewissen Zeit auf dieser Position langweilen, unzufrieden sind und gegebenenfalls auch nicht ins Team der Kollegen passen: zu schlau, macht Probleme. Überdies unterstellt man ihnen vorab mangelnde Loyalität durch Wechsel in eine andere Firma, sobald eine anspruchsvollere Stelle dort greifbar wird. Auch spielen Ängste vor zu hohen Gehaltserwartungen eine Rolle.

Neueste Forschungen ­haben jedoch ergeben, dass diese Annahmen oft falsch sind. Im Gegenteil zeigte sich, dass „überqualifizierte“ Mitarbeiter sehr wohl zufrieden und engagiert arbeiten und zudem eine Bereicherung für die anderen Teammitglieder darstellen. Fachliche Unter­forderung rangiert unter den Kündigungsgründen weit hinten. Die konkreten Arbeitsbedingungen, das betriebliche Umfeld, die ­sozialen Strukturen und die Führungskultur der Chefs haben einen viel größeren Einfluss auf die innere Kündigung eines Mitarbeiters.

In diesem Zusammenhang muss man auch sehen, dass der „Akademisierungswahn“ in Deutschland seit nahezu 30 Jahren zu einem tatsäch­lichen Überschuss an Studien­absolventen unterschiedlicher Disziplinen führte, für die es nicht genügend passende Stellen gibt. Am „Down­sizing“ und „Down­shifting“ in Facharbeiter­berufen und mittleren Angestelltentätigkeiten kommen wir unter diesem Aspekt nicht vorbei. Hier ist die Wirtschaft gefordert, sich breiter zu öffnen, Vorbehalte abzubauen und den Hochqualifizierten berufliche Betätigungsfelder zu bieten.

Auf der anderen Seite muss sich ein Bewerber mit ­hoher Qualifikation bei seiner Bewerbung auf eine Stelle, für die er annehmen muss, er könnte eventuell „überqualifiziert“ sein, eine ganz andere Bewerbungsstrategie ausdenken. Zuallererst muss er für sich die Frage beantworten, ob die Inhalte und Tätigkeitsmerkmale der Stelle sich mittelfristig auch mit den eigenen Erwartungen und Lebenszielen vereinbaren lassen.

Im zweiten Schritt ­sollte er dann im Rahmen seiner Bewerbung dem zukünftigen Unternehmen erklären, ­warum er diesen Schritt bewusst geht, worin seine Motivation besteht. Das Heraus­streichen der hohen Qualifikation steht jetzt nicht im Mittelpunkt. Zeigen Sie stärker den Menschen, der sich in das Unternehmen einbringen möchte.
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