Teuro? Wie sich unser Wohlstand tatsächlich verändert hat

Die D-Mark: Stabiler, wertiger und einfach wesentlich besser als der Euro – über die Hälfte der Deutschen denkt so. Vor allem in Thüringen und den anderen nicht-mehr-so neuen Bundesländern, deren Einwohner mit der Mark auch eigenen Erfolg verbinden.
 
Nüchtern in Zahlen betrachtet ist der Euro die stabilere Währung – obwohl meist das Gegenteil behauptet wird. Grund sind auch die Stabilitätskriterien der EU, die zu hohe Inflationsraten hart bestrafen.
 
Quelle: Statistisches Bundesamt
 
Der Campus der Jenaer Universität: Nicht nur hier stiegen die Löhne der Bediensteten langsamer als die Preise. Das ist jedoch kein Problem des Euro an sich, sondern eines der Arbeitgeber.

Viele behaupten, dass der Euro praktisch jeden ärmer gemacht hätte. Doch so einfach ist es leider nicht


2002 wurde ein Kofferwort zum Wort des Jahres gewählt: „Teuro“. Und heute, 14 Jahre danach, hält sich das Wörtchen immer noch hartnäckig im allgemeinen Sprachgebrauch. Angesprochen, ob ihnen die Einheitswährung eher Vor- oder Nachteile brachte, sind heute mehr als die Hälfte aller Deutschen der Meinung, dass ihnen aus dem Euro nur Nachteile entstanden. Was vielleicht noch interessanter ist: Es wird im Kopf immer noch umgerechnet – „ein Euro gleich zwei D-Mark!“ Das entspricht zwar nicht dem genauen Wechselkurs von 1,95583, aber „mal zwei“ ist einfacher im Kopf zu rechnen. Da wird aus der Meldung „Land gibt eine Million Euro für Forschung aus“ ganz schnell die doppelte D-Mark-Summe. Selbst junge Menschen, die nie mit der D-Mark umgingen, rechnen oft um. Übrig bleibt der Vorwurf, dass der Euro für überdurchschnittliche Teuerungsraten verantwortlich wäre, größer als jemals zu D-Mark-Zeiten; besonders für die Thüringer ist die D-Mark immer noch mit dem Aufstieg nach der Wende verbunden. Doch ist der Euro wirklich ein Teuro? Der folgende Artikel wirft einen Blick auf offizielle Inflationsraten und vergleicht, was wirklich teurer wurde. Und, so viel sei schon verraten, oftmals ist die „mal zwei“-Ungenauigkeit schon die Wurzel des (gefühlten) Übels.

Ist der Euro instabiler als die D-Mark?


Eine der am meisten vorgebrachten Anti-Euro-Argumentationen ist die, dass seine Wertbeständigkeit gegenüber der D-Mark geringer sei. Diese Behauptung lässt sich leicht widerlegen: Grundsätzlich beträgt der Index der Verbraucherpreise im August 2016 zwar mit 107,6 Punkten zwar 25,8 Punkte mehr als 1996 – Aber: Das entspricht einer vollkommen normalen Inflationsrate: Seit seiner Einführung konnte der Euro in Deutschland die Zwei-Prozent-Marke halten. Die D-Mark hingegen verteuerte sich wesentlich stärker: Etwa fünf Prozent 1992. Vergleicht man die Inflation der D-Mark seit ihrer Einführung in Thüringen mit der des Euro, gewinnt die Gemeinschaftswährung.

Allerdings: Das sind nur die trockenen Zahlen, unberücksichtigt bleibt die „Gefühlte Inflation“. Und auch wenn die momentan stark fällt, so war die Wahrnehmung steigender Preise seit der Euro-Einführung teilweise durchaus berechtigt: Kurz nachdem wir das neue Geld in den Taschen hatten, stiegen die Preise für Güter des täglichen Bedarfs teilweise um mehrere Prozent – Mieten blieben damals zwar relativ gesehen gleich, aber praktisch alles, was wir täglich bezahlen müssen, wurde teurer. Und hier liegt schon eine der Quellen für den Teuro-Gedanken. Und auch die Löhne sind ein weiterer Grund.

1. Wenn die Löhne nicht den Kosten folgen

Während des ersten Euro-Jahrzehnts stiegen die Löhne jährlich um knapp 0,8 Prozent – gleichsam lag die Teuerungsrate für Güter des täglichen Bedarfs bei rund 1,6 Prozent – die Preise stiegen also doppelt so schnell wie die Löhne.

2. Teure Nahrungsmittel


Wie schon angedeutet, manifestiert sich das vor allem bei dem, was wir täglich im Laden sehen. Zum Vergleich:

Zwischen Dezember 1991 und November 2001 betrug die Teuerungsrate für Nahrungsmittel 9,6 Prozent

• Zwischen Dezember 2001 und November 2011 betrug sie jedoch 16,3 Prozent
Im Klartext also: Ja, Nahrungsmittel wurden tatsächlich schneller teurer, als noch zu D-Mark-Zeiten.

3. Billige Bekleidung


Nahrung wird teurer, also muss es bei allem anderen auch so sein, oder? Falsch, denn schon der nächste Punkt in unserem Warenkorb zeigt, es wurde eben nicht alles durch den Euro teurer:

Im Vergleichszeitraum 1991 bis 2001 stiegen die Preise für Kleidung und Schuhe um ganze 10,3 Prozent, innerhalb der nächsten zehn Jahre jedoch nur um 5,7 Prozent. Anders ausgedrückt: hier hinkt die Preissteigerung sowohl dem Trend als auch dem Lohnanstieg hinterher – man konnte also mehr Kleidung kaufen und hatte zusätzlich noch mehr Lohn auf dem Konto.

4. Kommt her, Ihr Häuslebauer


Ebenfalls gegen den Teuerungs-Trend – und sogar ziemlich krass – ist die Situation bei Bauzinsen. Zum Vergleich: Wer in Thüringen ein Jahr nach der Wende einen auf zehn Jahre angelegten Kredit von der Bank wollte, musste dafür satte 9,51 Prozent Zinsen berappen.

Doch im Gesamtvergleich – und hier besonders seit 2011, kennt der Trend bei Bauzinsen nur einen Weg: Steil nach unten: Mitte 2011 waren für den gleichen zehn-Jahres-Kredit noch rund vier Prozent fällig (und damit weniger als die Hälfte von 1991). Dieses Jahr knackten wir aber die ein-Prozent-Marke und somit ein historisches Allzeit-Tief der Bauzinsen. Allerdings: Der Euro hat damit wenig zu tun, eher die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Dennoch: Bei Baukrediten mussten wir zu D-Mark-Zeiten wesentlich tiefer in die Tasche greifen, als heute.

5. Teure Neuwagen


Ein anderes Feld, auf dem immer wieder von Verbraucherseite das Teuro-Lied gepfiffen wird, sind Autos. Grundsätzlich muss man jedoch hier zu allererst die Fahrzeugklasse ins Visier nehmen, denn „die“ Preissteigerung gibt es nicht, obwohl insgesamt der Auto-Preisindex zwischen 1986 und 2016 um 86 Prozent anstieg:

• Bei den Kleinwagen fiel die Teuerung noch am geringsten aus: Ein Fiat Tipo beispielsweise kostete bei seiner Einführung 1988 21600 D-Mark oder 11043,90 Euro. Heute kosten seine Nachfolgemodelle je nach Ausstattung zwischen 14990 (29317,89 DM) und 16690 Euro (32643,80 DM) – eine Steigerung zwischen 35,7 und 51,1%

• In der Kompaktklasse mussten 1986 für einen Opel Kadett 21743 DM (11117,01€) bezahlt werden. Der Nachfolger Astra kostet heute in der Basisausstattung 16990€ (33329,55 DM) und in der Luxusausstattung 21450€ (41952,55 DM) – während ersterer sich um 53,3 Prozent verteuerte, überspringt die Top-Ausstattung mit 92,8% erstmals den Durschnitts-Preisindex.

• Besonders krass waren die Steigerungen bei Luxusmodellen: Eine Mercedes-S-Klasse kostete 1981 52681 DM oder 26935,37 Euro – heute stehen satte 111027 Euro (217159) D-Mark auf der Rechnung – eine Vervierfachung!

Allerdings muss auch ein Blick darauf geworfen werden, was die Autos heute mitliefern: Bei den genannten Fiats und Opels standen selbst Drehzahlmesser, ABS und rechter Außenspiegel auf der Aufpreisliste bzw. waren gar nicht erhältlich – heute verkauft sich kaum ein Auto ohne Klimaanlage, mp3-Radio und dutzende Sicherheits-Gadgets. Dass die Abmessungen aller Klassen im gleichen Zeitraum gehörig anstiegen, kommt hinzu. Ein Kadett von damals gälte heute als Mini-Kleinwagen.
Damit gilt: Zwar wurden Autos tatsächlich teurer, dafür bekommt der Kunde aber heute auch ein Vielfaches an Komfort und Sicherheit, weshalb die Teuerungsrate immer geringer wird, je besser ein Wagen im Vergleich zu damaligen D-Mark-Modellen ausgestattet ist.

6. Die Sache mit den Händlern

Bei allen Euro-Preissteigerungen, gefühlt oder real, müssen jedoch auch die Tricks des Einzelhandels berücksichtig werden. Denn dieser wollten natürlich von der Euro-Einführung profitieren. Bloß wäre es auffällig gewesen, wenn das Preisschild von Produkt X im Dezember 2001 200 DM aufgerufen hätte und im Januar 2002 150 Euro. Deshalb ging der Einzelhandel frecher vor – und verteuerte unter den Augen der Öffentlichkeit einfach in den Monaten vor der Euro-Einführung – zum Stichtag wurde dann einfach umgerechnet und vielleicht sogar etwas abgezogen. Damit blieben die Preise gleich oder sanken sogar, obwohl sie über einen längeren Zeitraum gesehen gestiegen waren.

7. Für immer 2001


Der vielleicht wichtigste Punkt ist die Umrechnung in unseren Köpfen: Stellen Sie sich vor, Sie würden jetzt ein Joghurt für 42 Cent kaufen – im Kopf „mal zwei“ werden daraus 84 Pfennig. Und an diesem Punkt neigt der Mensch auch noch zum Aufrunden, also „eine D-Mark für einen läppischen Joghurt“.

Das Problem ist an dieser Stelle jedoch besonders vielschichtig:

• Wenn wir umrechnen, rechnen wir mit den Preisen von 2001 um. Das führt dazu, dass Produkte ohne Vergleich der tatsächlichen Teuerungsrate uns immens verteuert vorkommen. Dabei vergessen wir: Auch bei Beibehaltung der D-Mark wäre heute vieles teurer als 2001.

• Je größer die Summe wird, desto größer wird der Fehlerfaktor durch die ungenaue Umrechnung: Ein Auto für 32000 Euro kostet eben nicht 64000 DM, sondern 62586,56 DM.

• Gleichsam hat auch die gefühlte Halbierung der Gehälter einen verstärkenden Effekt auf diese beiden gefühlten Teuerungsraten: Früher hatte ein Arbeiter vielleicht 4000 DM Nettogehalt, später dann (gerundet) 2000 und heute 2400 – was aber immer noch nach wesentlich weniger klingt, als zu D-Mark-Zeiten.

In der Summe führen all diese Faktoren zu einer starken gefühlten Preissteigerung. Hinzu kommen noch Bestätigungsfehler, die eine Studie 2004 publik machte: Die Testpersonen mussten auf Speisekarten die Veränderungen von D-Mark zu Euro schätzen. Das Ergebnis war immer gleich: Die Teilnehmer glaubten, dass sich die Preise erhöht hätten. Und selbst wenn sie tatsächlich sogar stark gefallen waren, gingen die Probanden nur von gleichbleibenden Preisen aus.

Das Phänomen dahinter ist eine Art selbsterfüllende Prophezeiung: Man schätzt, dass eine Steigerung stattgefunden hat und jedwede Steigerung, selbst wenn sie nur minimal war, bestätigt die eigene Ansicht.

Fazit

Ja, der Euro hat in der Tat vieles verteuert – aber längst nicht alles und nicht in so starkem Maß wie ihm von seinen Skeptikern immer wieder vorgeworfen wird. So vielschichtig wie die Finanzwelt sind auch die Preissteigerungen – und um hier festzumachen, wo das Klischee vom Teuro stimmt, muss jedes Produkt einzeln betrachtet werden inklusive aller wirtschaftlichen Umstände.



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