Thema Dyskalkulie: Interview mit einer Psychotherapeutin

1. Wie kann ich unterscheiden, ob mein Kind nur "faul" ist, oder an einer echten Dyskalkulie leidet?
Ich würde abraten, zu versuchen, dies selbst zu unterscheiden. Ein früher Hinweis auf Dyskalkulie kann sein, wenn ein Kleinkind allgemeine Entwicklungsverzögerungen zeigt. Schulkinder fallen z. B. durch Schwierigkeiten auf, Mengen zu erfassen und zu vergleichen sowie Zahlenreihen zu lernen. Grundsätzlich würde ich empfehlen, Experten aufzusuchen. Dazu zählen Kinder- und Jugendlichenpsychiater sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, wobei bei letzeren zu erfragen ist, ob sie diese Diagnostik anbieten können.

2. Kann dies nur der Fachmann/Psychologe feststellen und wenn ja, wie macht er das?
Diagnosen von Teilleistungsstörungen (Rechenschwäche, Leseschwäche, Rechtschreibschwäche und Kombinationen) werden anerkannt, wenn sie von Kinder- und Jugendlichenpsychiatern, von Fachleuten in Ambulanzen der klinischen Kinder- und Jugendlichen Psychatrien- und psychotherapien oder von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gestellt werden.

Da Angst und Unsicherheit Blockaden auslösen können, soll in einer Atmosphäre von Zugewandheit und wenig Leistungsdruck ein allgemeiner Leistungstest mit dem Kind erfolgen. Entsprechend des Alters, der Arbeitsgeschwindigkeit und des Konzentrationsvermögens des Kindes kann dieser Test an einem oder zwei Vormittagen erfolgen. Je nach Verdacht erfolgt dann eine Testung des Rechenvermögens, des Rechtschreibvermögens oder/ und des Lesevermögens. Alle Tests entsprechend der Alters- bzw. Klassennormen ausgewertet. Mit Hilfe statistischer Kennzahlen werden dann allgemeines und spezielles (Teil-) Leistungsvermögen verglichen. Liegt die Teilleistung in einem deutlichen Maße unter dem allgemeinen Leistungsvermögen, werden Dyskalkulie, Legasthenie bzw. isolierte Rechtschreibstörung oder Kombinationen diagnostiziert, wobei eine „unangemessene Beschulung“ auszuschließen ist.

3. Das Jugendamt übernimmt die Kosten nur in Fällen einer "seelischen Behinderung", was kann man sich darunter vorstellen?
Der Begriff "seelische Behinderung" stammt aus dem § 8a des Kinder- und Jugendhilfegesetzes und bezieht sich im Grunde diagnostisch darauf, dass bei einem Kind oder bei einem Jugendlichen mehrere psychische (seelische) Störungen vorliegen. Auch greift dieser Paragraph, wenn Kinder oder Jugendliche von seelischer Behinderung "bedroht" sind. Sofern einer dieser Umstände von Fachleuten festgestellt und vom Jugendamt anerkannt (!) wird, werden diesen Kindern- und Jugendlichen besondere (besonders konstenintensive) Leistungen bewilligt.

Teilleistungsstörungen bergen aus meiner Sicht ein erhöhtes Risiko auf die Entwicklung einer "seelischen Behinderung" oder könnten (Teil-) Ursache dafür sein.

4. Welche Möglichkeiten der Hilfe gibt es? Wie kompliziert ist es?
Je früher eine Entwicklungsverzögerung, zumeist durch Kinderärzte, festgestellt wird, um so hilfreicher können ergotherapeutische, motologische, pägagogische, logopädische Hilfestellungen erfolgen. Dabei geht es vordergründig eher noch nicht um Schulkinder oder Dyskalkulie, sondern darum, kleineren Kindern zu helfen, Verzögerungen aufzuholen oder auszugleichen, die später u. a. in eine Dyskalkulie münden könnten.

Die Therapie von Teilleistungsstörungen wird von den Krankenkassen nicht übernommen, weshalb niedergelassene Kinderpsychiater und -therapeuten diese nicht anbieten.

Mir ist bekannt, dass Kinder aus finanziell besser gestellten Familien eher Hilfe erhalten, da die Bezahlbarkeit der privaten Lerninstitute gewährleistet ist. Nachhilfe ist ebenfalls denkbar, sollte aber von Personen erfolgen, die besondere Kentnisse im Teilleistungsstörungsbereich besitzen.
Grundsätzlich ist es möglich, dass das Jugendamt entstehende Therapiekosten übernimmt, wenn unter Frage 2 genannten Fachleute das Vorliegen der Störung belegen sowie zumindest „eine drohende seelische Behinderung“ diagnostizieren. Allerdings wurden in den letzten Jahren die Gelder der Jugendhilfe im Vergleich zum Bedarf immer stärker gekürzt, sodass Entscheidungen tendeziell ausschließlich auf die momentane Situation ausgerichtet werden und vor allem kostensparend ausfallen. Folge dieser Entwicklungen ist, dass Kinder Therapien von staatlicher Seite finanziert bekommen, wenn die Gesamtsitation sich dramatisch darstellt und die betroffenen Kinder beispielsweise bereits die Schule verweigern und andere massive Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Für viele Kinder kann dann hoffentlich noch Schadensbegrenzung betrieben werden. Gesamtgesellschaftliche Folgekosten werden, wenn überhaupt wissenschaftlich untersucht, in keiner Weise berücksichtigt.

Das neue Thüringer Schulgesetz beinhaltet u. a. , dass Kinder mit Teilleistungsstörungen besonders zu fördern sind. An Gymnasien werden diese Kinder deutlich seltener zu finden sein als an Regelschulen, da sie unabhängig von ihrem allgemeinen Leistungsvermögen, bestimmte Anforderungen im Rechnen, Lesen oder/ und Schreiben nicht erfüllen können. So besuchen sie Thüringer Regelschulen. Aufgrund des neuen Gesetztes kommen viele zusätzliche Aufgaben auf die Regelschulen zu. Die pädagogischen Fachkräfte sind aus meiner Sicht schon zuvor mit mannigfaltigsten Problemen konfrontiert worden, die weit über einen Lehr- und möglicherweise Erziehungsauftrag hinaus gehen und kaum zu bewältigen waren. Zwar wurden an Schulen auch verstärkt Sozialpädagogen eingestellt, aber auch diese sind aus meiner Sicht mit Schwere und Vielfalt der Probleme von Kindern und ihren Familien überfordert. Das neue Gesetz weist wohl grundsätzlich in eine positivere Richtung, wird aber letztlich Kosteneinsparungen in der Umsetzung blockiert.
Kinder mit Teilleistungsstörungen bekommen auch Hilfe von einem schulenübergreifenden Sonderpädagogischen Dienst. Die Mitarbeiter haben spezielle Fachqualifikationen und stehen Schülern. Lehrern und Schulen vor Ort zur Seite. Doch auch dort ist, meiner Meinung nach, ein erschreckender Personalmangel zu beklagen.

Doch nun zurück zur eigentlichen Frage: Hilfe für Kinder mit Dyskalkulie oder anderen Teilleistungsstörungen existiert durchaus und ist relativ einfach zu realisieren, wenn die nötigen finanziellen Mittel vorhanden sind. Ist dies nicht der Fall, sind Unterstützungsmöglichkeiten äußerst schwierig zu finden. Dann sind Folgekosten für betroffene Kinder, Familien und gesellschaftlich, auch im finanziellen Sinne, sicherlich (zu) hoch.

5. Gibt es auch Materialien für zu Hause zu üben?
Ganz sicher sehr viele und in verschiedenen Preissegmenten. Es dürfte ratsam sein, sich bei spezialisierten und erfahrenen Fachleuten Auskunft zu holen, welche Materialien für welches Kind ratsam sind. Die Kinder müssen mehr üben als andere und sollten damit nicht überfordert werden. Wirklich tägliche, fachlich sinnvolle und eher kurze Übungen zu Hause von maximal 20 Minuten halte ich für sinnvoll.

6. "Mein Kind ist doch nicht krank im Kopf". Das Wort "Kinderpsychologe" schreckt viele Menschen ab: Was kann man den Menschen mit auf den Weg geben?
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und -psychiater (letztere sind auch in Bezug auf körperliche Behandlungen ausgebildet, also gleichzeitig Ärzte) behandeln sogenannte "psychische Störungen", also seelische Störungen.

Allgemeinärzte und Fachärzte behandeln überwiegend "somatische Störungen", also körperliche Störungen. Körper und Seele werden zwar theoretisch und leider auch behandlungspraktisch oft getrennt, wirken aber wechselseitig aufeinander, weil sie letztlich eine Einheit bilden. Und wenn es um den "Kopf" geht: Es können sich schwere Erkrankungen herausbilden, wenn ein Gehirn "nicht richtig" funktionieren kann, beispielsweise aufgrund eines Tumors oder einer Verletzung. Dies wird sich auf den Allgemeinzustand eines Menschen auswirken, auch psychsich. Oder meinen Sie, sie fühlten sich wohl in dem Wissen, dass ihr Nervensystem vom Gehirn nicht mehr richtig gesteuert werden kann? Im Gehirn existieren ebenso Grundvoraussetzungen für Handlungsweisen und damit verbundene Emotionen. Glauben Sie wirklich, ihren Körper steuern zu können, wenn beispielsweise ausgeprägte Angst Sie überflutet? Es ist somatisch, also körperlich und beispielsweise anhand von bestimmten Hormonen, einfach zu erklären, dass dies kaum möglich ist. Ebenso können sich seelische Probleme eines Kindes im Körper manifestieren. Hat ihr Kind Angst vor der Schule, weil es in Mathematik nicht mit kommt und sich deshalb „ungenügend“ fühlt, kann es leicht tatsächlich vorhandene Kopf- und Bauchschmerzen oder sogar Erbrechen aus Wut und Angst entwickeln. Der Kinderarzt kann dann keine körperliche Ursachen finden, aber die Erscheinungen sind real da und werden deshalb vom Kind beklagt.

Wenn ein Kind Probleme hat, ist es durchaus "gesund im Kopf". Es zeigt, wie auch immer an, dass es Hilfe braucht, was ich als positives Zeichen bewerte. Denn es kann sich nicht selbst helfen und sucht deshalb Unterstützung. "Krank im Kopf" wäre aus meiner Sicht, ihm keine Hilfe angedeihen zu lassen, da Psychotherapien, wenn notwendig von Krankenkassen finanziert werden.
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3 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 15.10.2012 | 11:26  
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Manuela Deutschland aus Sömmerda | 18.10.2012 | 12:04  
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