Thüringen hat Fracksausen

Wird Thüringen zum Fracking-Land?
 
Frank Weber, Bürgerinitiative in Sömmerda
 
Erdgassuche in der Nähe von Vechta. (Foto: pixelio.de/khv24)
 
Hartwick Oswald, Sprecher der Bürgerinitiative Fahner Höhe

Radioaktiver Schlamm in der Werra, Bohrtürme im Hainich, Kraterlandschaft im Wartburgkreis, brennende Wasserhähne in Sömmerda: Mit diesen Horrorszenarien wollen die Thüringer Fracking-Gegner ihre Heimat schützen. Sie gründen Initiativen, um sich gegen die besondere Form des Gasabbaus zu wehren. Die „Gefahren durch Fracking“ ist das nächste Wunschthema unserer Leser.

Wird Thüringen zum Fracking-Land? Bürgerinitiativen gehen auf die Barrikaden. Der Thüringer Landtag lehnt den Erdgasabbau mittels Fracking ab. Dennoch will eine kanadische Firma hier nach Vorkommen suchen. Das sagen Bürgerinitiativen und das Ministerium:


Frank Weber, Bürgerinitiative in Sömmerda:

Wenn zigtausend Liter giftige Chemikalien ins Erdreich gepumpt werden sollen und niemand wirklich Gefährdungen wie Erdrutsche, Bodenverseuchung, radioaktiv belastete Schlämme ausschließen kann, ist dies doch Grund genug für Bürger, dagegen mobil zu machen.

Der wahre nachhaltige Jobmotor sind langfristig die Arbeitsplätze im Green-Tec-Bereich und bei der ressourcensparenden Produktion. ­Gerade in Deutschland sind wir führend in Technologien wie beim Wasser­sparen oder auch der ­Materialeffizienz. Dazu gehören aber auch die Arbeitsplätze bei den neuen Energien. Auch wenn es gerade im Solar­bereich kriselt, ändert das nichts am weltweiten Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit in der Energiefrage.

Wenn das ­vergangene Jahrhundert das Jahrhundert der Arbeitsproduktivität gewesen ist, so muss dieses Jahrhundert von der Ressourcenproduktivität geprägt sein. Ich ­befürworte jede Form der Er­neubaren Energien. Ich bin strikt gegen Fracking. Und das ist eine fortschrittliche und nachhaltige Denkweise.



Winfried Bötticher, „Kein Fracking” Unstrut-Hainich:

Fracking ist mittlerweile zum Standardverfahren bei der Gasförderung geworden. Die neue Qualität liegt in der Technologie des Horizontaltbohrens. Damit ist es erst möglich, sogenannte unkonventionelle Gasvorkommen wirtschaftlich zu erschließen. Es kommt zu einem enormen Flächenbedarf, ­unter- und oberirdisch, mit großem ­Risikopotenzial.

Jede Technologie hat auch ihre Schattenseiten. Mit der Umstellung auf erneuerbare Energie ist Deutschland auf einem guten Weg. Die dabei auftretenden Probleme sind lösbar. Sie resultieren aus einem hohen Anspruch aus Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit sowie die Entwicklung und Einführung neuer technischer Verfahren. Wir haben gar keine Wahl. Fossile Rohstoffe sind endlich.


Dr. Heidemarie Grüterich, Bürgerinitiative „Fahner Höhe”:

Warum müssen Länder mit einer konstanten oder sogar rückläufigen Bevölkerung einen steigenden Bedarf an Rohstoffen haben? Wenn wir nicht an diesem Punkt an­setzen, hat die Menschheit mit oder ohne Fracking auf der Erde keine Zukunft.

Spiegelnde Solarflächen, rauschende Windräder und erforderliche Leitungen können zwar optisch als unschön empfunden werden, haben aber bei weitem nicht dieses Zerstörungspotential wie Atomkraft, Abbau fossiler Brennstoffe und Fracking.

Wenn wir Energie brauchen, dann bitte aus erneuerbaren Quellen. Dazu ist Erfindergeist vonnöten. Er kann sich aber nicht ent­falten, wenn wir ver­suchen, das letzte Tröpfchen Öl oder Gas zu fördern. Wir können gut auf Fracking verzichten. Alternativen gibt es: einen sinnvollen Umgang mit Ressourcen, echtes Recycling und der Ausbau Erneuerbarer Energien.


Michael Zeng, Bürgerinitiative „Kein Fracking“ Unstrut-Hainich:

Seit fünf Jahrzehnten wird gefrackt, und fast niemand weiß davon. Auch ich wurde erst auf Fracking aufmerksam, als ich eine Reportage aus Amerika über die Risiken sah. Sehr viele Menschen kennen die Bilder vom brennenden Wasser aus dem Wasserhahn.

Erdgasförderung durch Fracking verwandelt Millionen Liter kostbaren Trinkwassers in eine giftige Brühe, die auch noch radioaktiv strahlt. Ein großer Teil davon bleibt giftig im Erdreich. Den anderen Teil seriös zu entsorgen, bereitet ähnliche Schwierigkeiten wie der Atommüll. Seit den 70er-Jahren ist das Problem der strahlenden Abfälle der deutschen Gas- und Ölin­dustrie bekannt. Bis heute wurde die Öffentlichkeit nur wenig aufgeklärt. Weitere Gefahren drohen durch Bohrschlämme, die bei jeder Förder­methode anfallen.  

Unsere schöne Weltkulturerbe-Landschaft soll überzogen werden mit einem dichten Netz von Bohrtürmen. Die Natur wird durch großflächige Förderanlagen und Zufahrtsstraßen zerklüftet. Alle drei Kilometer muss beim Fracking eine solche Anlage stehen. Geologen befürchten außerdem Erdstöße.

Nirgends auf der Welt darf die Umwelt gefährdet werden. Der Verbrauch von Erdgas muss überall reduziert werden. Wir müssen bewusster mit den Rohstoffen umgehen. Das schaffen wir, wenn wir Alternativen zum Gas nutzen und weiter entwickeln. Das senkt auch Erdgasimporte. Somit wird dort ebenfalls die Umwelt geschont und nicht auf Teufel komm raus gefördert.

Ich bin mir sicher, wir ­können es künftig hell und warm haben und mobil sein, ohne wie in der Steinzeit irgendwas zu verbrennen, was giftige Abfallstoffe produziert. Ich traue unserer Wissenschaft und Technik zu, saubere und umweltfreundliche Alter­nativen zu entwickeln. Es muss nur gewollt sein und gefördert werden.

Ich bin für jede Art der Strom- und Wärmegewinnung, die unsere Gesundheit und unsere Umwelt weniger gefährdet als Atomkraft und das Verbrennen von Erdgas, Erdöl und Kohle. Das Ver­heizen von diesen Fossilien muss reduziert werden. Einfach noch mehr Gas zu fördern, ist der falsche Weg.

Ich bin für die Nutzung der Erneuerbaren Energien. Der Wirkungsgrad der Energie­nutzung muss erhöht werden. Der Verbrauch muss weiter sinken. Kreativität ist gefragt. Fracking ist weder kreativ, noch löst es langfristig Probleme der ­Energieversorgung.


Hartwick Oswald, Sprecher der Bürgerinitiative Fahner Höhe:

Wir sind stolz darauf, dass wir durch unsere Aktivitäten Thüringen nicht zum „Tal der Ahnungslosen“ mutieren ließen. Denn wir sehen noch zu viel „Obrigkeitsdenken“ in den Verwaltungen. Wir sehen, dass die Bürger wachsam sind und sich ihre Heimat ohne Not nicht einfach versauen lassen werden. Wir haben wachgerüttelt, aber auch gesehen, wie bedenkenlos Politiker alles unter Wachstumsaspekten sehen und wie schnell Positionen preisgegeben werden. Hessen ist Vorbild. Dort wurden die Auf­suchungsgenehmigungen an die BNK nicht erteilt. In Thüringen wird trotz der Diskus­sion kein Stopp verhängt.

Der Gas- und Erdölboom der USA durch Fracking hat Begehrlichkeiten geweckt. Durch Innovation bei der Bohrtechnologie ist es jetzt möglich, vertikal und horizontal zu bohren. Aufgrund des hohen Wasserverbrauchs und Einsatzes von Chemikalien ist die Gewinnung von Erdgas und Erdöl extrem umweltschädlich und fördert den CO²-Anstieg. Der einzige richtige Weg ist, auf die Gewinnung von regenerativer Energie zu setzen. Jetzt eigene Gasvor­kommen in Deutschland und Europa zusätzlich auszubeuten, ist für die Energiewende kontraproduktiv und stärkt alte Industrien und verhindert Innovation. Wir benötigen das Gas jetzt nicht. Gaskraft­werke werden nicht gebaut und die Antriebstechnologie von Fahrzeugen gehen einen anderen Weg. Wir können weiterhin Gas importieren.

In den USA gehen Tausende gegen die Umweltpolitik auf die Straße. Der Film ­„Gasland“ hat weltweit auf­sehen erregt. Jetzt wird Fracking auch durch Hollywood durch den Film von Matt Damon „Promised Land“ thematisiert. Deutschland hat seine Stärken in der Ingenieurleistung und bei technischen Innovationen.

Gasförderung sowohl konventionell und unkonventionell in Deutschland ist für den Energiemix nicht notwendig. Hier können der Ausbau der Infrastruktur für ­regenerative Energiegewinnung sowie ein Mix aus ­zentralen (Offshore) und dezentralen regenerativen Ressourcen helfen.


Andreas Maruschke, Sprecher Thüringer Umweltministerium:

Die Thüringer Landesregie­rung hat klargestellt, dass es eine Suche und Gewinnung von Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten nur dann geben kann, wenn Gefahren für die Umwelt, das Trinkwasser und die Menschen ausgeschlossen sind. Sie hat sich ebenso für eine Änderung des Bundesbergrechts eingesetzt, damit für alle diese Verfahren eine Umweltverträglichkeitsprüfung verpflichtend wird.

Die Normen der Umweltgesetzgebung sind so hoch, dass Trinkwasservergiftung und Erdfälle nicht zu befürchten sind. Trotzdem nimmt die Landesregierung die Sorgen der Menschen ernst und hat sich klar gegen das Fracking mit umwelttoxischen Chemikalien ausgesprochen. Es gibt derzeit kein Unternehmen, welches in Thüringen die Fracking-Methode zur Gasgewinnung anwenden will und es gibt nach den Ergebnissen einer Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Thüringen auch gar ­keine unkonventionellen Erdgaslager­stätten.

Eine wirtschaftliche Gewinnung der vorhandenen, technisch gewinn­baren Gasvorräte ist in unserer dicht besiedelten Landschaft nur möglich, wenn diese umweltverträglich erfolgt und eine Akzeptanz in der Bevölkerung dazu vorliegt.


Hintergrund


Fracking = Unter Hochdruck werden riesige Mengen mit Sand und Chemikalien versetztes Wasser in ein L-förmiges Bohrloch gepresst. So soll das Gestein aufgebrochen werden, um das Erdgas herauszulösen.

In Deutschland wurde Fracking seit den 1960er-Jahren rund 300 Mal zum Gasfördern eingesetzt.

Der führende Gas­produzent in Deutschland Exxon Mobile hat 180 Mal hierzulande gefrackt. Ein Drittel der deutschen Erdgasproduktion stammt aus diesen alten Bohrungen.

In deutschen Böden werden 2,3 Billionen Kubikmeter Erdgas vermutet.

In Frankreich ist Fracking verboten.

Die Kontaminierung von Grund- und Trinkwasser, brennende Wasserhähne, Luftverschmutzung, ungeklärte Entsorgung von Abfällen, Erdbeben und Bergschäden sowie eine zunehmende Industrialisierung von Landschaften werden weltweit mit dem Ausbau der Gasförderung in Verbindung gebracht.

Bereits heute fallen bei der Gasförderung große Mengen mit radioaktiven Isotopen, Schwermetallen und Salzen belastete Brauchwässer, Abwässer und Bohrschlämme an, die über teils weite Strecken transportiert, verarbeitet und entsorgt werden müssen.

Ausgelöst durch die Diskus­sion um das ­umstrittene, teils ver­botene Hydraulic Fracturing „Fracking”, wehren sich jetzt auch Bürgerinitiativen gegen eine Gasförderung in Thüringen.

Daran ändert auch nichts die Willensbekundung vom Landtag und freistaatlicher Landesregierung, die Gewinnung von Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten mittels der Fracking-Methode abzulehnen. Unabhängig davon sucht der kanadische Fracking-Spezialist Bankers Petroleum (BNK) im Freistaat weiter nach Erdgas und besucht bereits Landratsämter und Bürgermeister.

Nach Bundesbergrecht kann diesen Zielen von BNK wenig entgegengesetzt werden. Es ermöglicht, dass die Bergämter ohne öffentliche Beteiligung der Umweltministerien eine Technik wie Fracking ge­nehmigen können.

300 PS starke Rüttelplatten sollen ab Frühjahr Thüringer Böden bearbeiten. Mittels Schallwellen-Messungen will BNK geologisch erkunden, ob Öl- und Gasvorkommen vorhanden sind und wie groß diese ausfallen. Dadurch entstehende Schäden will der Frackingspezialist begleichen.

Termine


Öffentliche Versammlungen der Bürgerinitiative „Kein ­Fracking” finden jeden zweiten Mittwoch im Monat von 19 bis 22 Uhr im Haus Vogtei in Oberdorla statt.

28. Januar, 19 Uhr im Haus Vogtei, Anger 1 in Oberdorla: Der kanadische Gasinvestor Bankers Petroleum (BNK) stellt sich den Fragen der Bürger.

Informationen


www.erdgassuche-in-deutschland.de
www.gegen-gasbohren.de
www.kein-fracking.de
www.bi-fahner-hoehe.de
www.euractiv.de
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8 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 26.01.2013 | 00:48  
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Antje Hellmann aus Jena | 26.01.2013 | 18:48  
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Tobias Schindegger aus Gotha | 27.01.2013 | 17:19  
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Petra Seidel aus Weimar | 27.01.2013 | 19:20  
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Tobias Schindegger aus Gotha | 01.02.2013 | 08:51  
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Tobias Schindegger aus Gotha | 27.02.2013 | 10:17  
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Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 19.03.2013 | 13:40  
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Tobias Schindegger aus Gotha | 14.05.2013 | 11:14  
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