Thüringen in der Lohnfalle

Die Frage, ob die Thüringer Unternehmen ihren Beschäftigten mehr Geld zahlen sollten, ist schon beantwortet. Sie müssen es! (Foto: pixelio.de)
Politik, Wirtschaftsverbände und Unternehmen klagen: In Thüringen mangelt es an qualifizierten Fachkräften. Die starke Überalterung der Gesellschaft bereitet Sorgen. Vor allem aber leidet Thüringen darunter, dass viele qualifizierte Fachkräfte in den vergangenen 20 Jahren abgewandert sind. Die Zahlen haben sich zwar gebessert, gestoppt ist die Abwanderung aber noch nicht.

140.000 Menschen haben Thüringen den Rücken gekehrt - vor allem junge und gut ausgebildete Fachkräfte, darunter auch sehr viele junge Frauen. Die Ursachen sind schnell genannt. Der eine Grund: Es mangelte lange an attraktiven Arbeitsplätzen, vor allem für junge Facharbeiter und Absolventen.

20 bis 40 Prozent niedriger ist die Bezahlung der Stellen im Vergleich zu den alten Bundesländern - der zweite wichtige Grund. Der einstige "Standortvorteil", Thüringen als Niedriglohnland anzupreisen, erweist sich heute als Bumerang. Von allen Bundesländern wird in Thüringen nach wie vor am wenigsten verdient und am längsten gearbeitet.

1/3 aller Beschäftigten, wahrscheinlich sogar mehr, verdienen im Freistaat weniger als 8,5 Euro in der Stunde. 3,5 Wochen haben die Thüringer im vergangenen Jahr mehr gearbeitet als ihre Kollegen in den westlichen Bundesländern. Obwohl die Arbeitslosigkeit laut Statistik zurückgegangen ist, hat sich auf der anderen Seite die Zahl der atypischen Beschäftigungsverhältnisse (Leiharbeit, befristete Arbeitsverträge, Teilzeit) sprunghaft erhöht.

30 Prozent und mehr von den etwas mehr als eine Million Arbeitnehmern in unserem Bundesland sind davon betroffen. Besonders schlimm sieht es für die Frauen aus.

4 von 5 Männern arbeiten in Thüringen in einem Normalarbeitsverhältnis, aber nur jede zweite Frau.

Die Situation der Arbeitsplätze wird sich in den nächsten Monaten und Jahren definitiv verbessern. Zum einen haben sich die Unternehmen gesund entwickelt, sie wachsen stabil. Zum anderen werden aufgrund der Überalterung in den Betrieben immer mehr Stellen frei. Dennoch bin ich der festen Überzeugung: Die Frage, ob die Thüringer Unternehmen ihren Beschäftigten mehr Geld zahlen sollten, ist schon beantwortet. Sie müssen es!

Wer in Zukunft qualifizierte Fach- und Führungskräfte nach Thüringen holen oder im eigenen Unternehmen behalten möchte, der wird um eine attraktive und vergleichbare Entlohnung nicht herumkommen. Ich diskutiere diesen Fakt seit Monaten in zahlreichen Unternehmen. Die Einsicht und Bereitschaft bei den Unternehmern wächst - notgedrungen. Ökonomen verweisen oft auf den noch vorhandenen Produktivitätsunterschied zwischen Ost und West von etwa 37 Prozent. Damit wird dann auch das vorhandene Lohngefälle begründet. Dies ist aber so nicht richtig. Wer sich die Berechnungen zur Produktivität von Unternehmen bei diesen Vergleichen genauer anschaut, der erkennt schnell, dass die Lohnkosten in den produzierenden Bereichen nur einen geringen Anteil - etwa 21 Prozent für alle Branchen - an diesem Gefälle ausmachen.

Viel stärker wirken sich die Preise im Einkauf von Materialien oder Dienstleistungen für unsere Unternehmen im Verhältnis zu den erzielten Erlösen beim Verkauf ihrer Produkte aus. Einfach gesagt heißt dies: Wir geben in Thüringen mehr Geld für Materialien und andere Kosten der Produktion aus. Leider bekommen wir aber im Vergleich zu Unternehmen in anderen Regionen nicht genügend Geld für unsere Erzeugnisse.

Mit den arbeitenden Menschen hat dies überhaupt nichts zu tun. Sie sind genauso fleißig, intelligent und effizient. Die Produktivität der Arbeit ist völlig in Ordnung. Zahlreiche Unternehmen haben sich aber zu lange auf dem Lohnkostenvorteil ausgeruht und die anderen Bereiche der Wertschöpfung wie Einkauf, Marketing, Vertrieb oder neue Produkte nicht ausreichend entwickelt. Hier steckt das eigentliche Potenzial für die Steigerung der Erträge und damit die Möglichkeit, bessere Löhne zu zahlen.
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7 Kommentare
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Stephan H. W. Meusel aus Zeulenroda-Triebes | 23.07.2012 | 17:57  
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Renate Jung aus Erfurt | 23.07.2012 | 22:37  
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Fernanda Gonzalez aus Erfurt | 25.07.2012 | 14:52  
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Jürgen Hildebrandt aus Sömmerda | 28.07.2012 | 16:53  
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Hans Meiser aus Erfurt | 30.07.2012 | 17:56  
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Helmut Bornschier aus Heiligenstadt | 23.09.2012 | 19:46  
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Renate Jung aus Erfurt | 24.09.2012 | 09:32  
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