Thüringen ist ein wunderbarer Wirtschaftsstandort: Im Freistaat steckt viel Bewegung – Aber: Das Außenmarketing ist nicht immer optimal

Zur Person: Die „Autohaus Peter Gruppe“ zählt rund 700 Mitarbeiter und 120 Auszubildende. Firmengründer Helmut Peter hat in Nordhausen seine Firmenzentrale. Seit 24 Jahren ist er selbstständig. Das Unternehmen ist an 23 Standorten in drei Bundesländern mit 12 Automarken vertreten. Jährlich verkauft die Firmengruppe etwa 9000 Autos. Seit 2005 verstärkt Sohn Andreas Peter als gleichberechtigter Geschäftsführer das Unternehmen. (Foto: Axel Heyder)
 
Helmut Meyer: "Wir müssen kämpfen und uns verstehen als die Gestalter eines Marktes." (Foto: Axel Heyder)
Erfurt: Allgemeiner Anzeiger |

Für das Wirtschafts­magazin „HIER leben wir Leistung, wagen wir Ideen, schreiben wir Erfolg“ hat der Allgemeine Anzeiger Thüringer Unternehmer an einen Tisch geholt. Teilgenommen an der Gesprächs­runde haben Helmut Meyer, Inhaber des Personal­dienstleisters GeAT AG, LMI-Licensee Cornelia Stöckmann, selbstständig im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, Helmut Peter, Geschäftsführer der Autohaus Peter Gruppe, sowie Matthias Grafe, Managing Director der Grafe Advances Polymers GmbH. Moderiert wird die Runde vom Personalberater Matthias Freund (Human Resources Consulting).

Freund: Wir leben und arbeiten gerne in Thüringen, entwickeln Ideen für den Erhalt des Standortes, wie wir unsere Mitarbeiter beschäftigen und erfolgreich sein können. Wie bewerten Sie den Wirtschaftsstandort?

Grafe: Ich hatte in den letzten drei Jahren einen Aderlass an Menschen, wie ich ihn vorher noch nie hatte. Ich hatte immer die Einstellung: Ich bilde fünf Leute aus und einen verliere ich. Heute kann ich sagen: Ich bilde drei Leute aus und verliere zwei. Das hängt damit zusammen, dass wir in Thüringen eine Stimmung verbreiten, die so realitätsfern ist. Wir sind bestimmt noch nicht da, wo wir hinwollen, aber eins ist positiv zu sehen: Die Löhne werden in Thüringen steigen – ganz einfach aus der Wettbewerbssituation heraus. Ich habe eine junge Dame verloren. Sie hat bei mir erst die Lehre gemacht, dann hat sie das BA-Studium in Eisenach gemacht. Ich habe das alles mit finanziert und unterstützt. Ich habe ihr dann die Perspektiven im Unternehmen aufgezeigt und sie gefragt: „Warum kündigen Sie denn jetzt? Sie haben doch gute Chancen bei mir.“ Da habe ich als Antwort bekommen: „Wissen Sie, ich bin jetzt nicht mehr mit meinem Freund zusammen. Junge, gut ausgebildete Frauen verlassen Thüringen. Davon reden doch alle. Und zu dieser Gruppe gehöre ich doch auch.“ Sie hat gegrübelt, ob sie etwas verpasst, wenn sie hier bleibt. Das ist eine Stimmung, die wir haben bei den jungen Leuten, wenn wir immer nur herumstöhnen, dass es hier so schlecht ist. Ein junger Mensch hat das Bedürfnis, etwas zu sehen. Sie wissen ja nur, wenn etwas schlechter ist, wenn sie gehen. Wir Thüringer sind zu oft zu unzufrieden mit uns selbst. Wenn man Thüringen von außen betrachtet, sind wir wirklich gut. Thüringen ist ein tolles Land. Ich habe hier ein Hotel hingebaut, nicht weil Thüringen hässlich ist, sondern weil es eine tolle Landschaft gibt, tolle Menschen, tolle Kultur. Was man den Leuten vielleicht vermitteln muss: Wir sind nicht so schlecht, wie wir uns selber immer einreden.

Freund: Das hilft uns aber nicht, wenn zum Beispiel an der TU Ilmenau fast 80 Prozent der Studenten im zweiten Studienjahr schon Werkverträge mit Unternehmen abschließen, die nicht in Thüringen liegen.

Grafe: Ich habe noch nie das Problem gehabt, einen Ingenieur zu finden. Allerdings nehme ich heute keine Studienabgänger mehr. Denn die sind immer nach drei Jahren weg. Das ist ein ganz normaler Prozess. Ich nehme die, die wiederkommen.

Peter: Der Großteil kommt doch wieder zurück. Eindeutig.

Freund: Früher hatten wir einen Akademikeranteil von 10 bis 13 Prozent. Dieser hatte für die vielen Innovationen und den gesamten technischen Fortschritt ausgereicht. Heute erreicht die Zahl der Studenten in Deutschland ein Rekordhoch. Dabei sind die Erfolge deutscher Unternehmen nicht nur im Management und in den Konstruktionsabteilungen begründet, sondern vor allem durch eine qualifizierte Arbeitnehmerschaft, die Techniker und Meister.

Stöckmann: Die Entwicklung finde ich dramatisch. Meine Ansprache lautet: Es sollte nicht jeder studieren. Ein Studium ist hervorragend, wenn ich in der wissenschaftlichen Tätigkeit auch arbeiten möchte. Wenn wir nur Studenten haben, ist auch die Erwartungshaltung an Jobs viel zu hoch. Die Anzahl an angestrebten Managementpositionen insbesondere im Bereich des BWL-Studiums, die erzielt werden wollen, stehen am Markt nicht zur Verfügung.

Wir haben heute noch das Motto „Wir armen, kleinen Ossis“.


Freund: Warum haben Sie denn als Unternehmerin gerade in Thüringen gestartet?

Stöckmann: Ich bin gebürtige Bremerin, bin in Niedersachsen groß geworden und habe 17 Jahre in Berlin gelebt. Ich habe mich ganz bewusst für diesen Standort entschieden. Ich hätte überall hingehen können. Aber hier spüre ich Bewegung. Im Moloch Berlin bewegt sich nichts. Bremen ist stocksteif und extrem konservativ. Ich begegne ganz vielen tollen Menschen hier in Thüringen. Ich kann nicht nur motzen, ich muss auch was tun. Ich bin ein Mensch, der Bewegung braucht. Hier sind Menschen, die viel bewegen. Die Wirtschaft bewegt sich. Ich habe in den vergangenen Jahren erhebliche Wachstumsraten erlebt. Es ist auch ein strategisch guter Standpunkt hier. Ich bin überall in vier Stunden.

Grafe: In meiner alten Heimat sieht es noch genauso aus wie vor 20 Jahren. Hier ist so viel Wandel drin.

Stöckmann:
Warum sollte ich mir München antun? Eng, überfüllt, Wettbewerb ohne Ende – dann gehe ich doch lieber an einen Standort, wo noch etwas wächst. Schön wäre natürlich, wenn wir mehr Industrie, mehr produzierendes Gewerbe hätten, vielleicht auch die eine oder andere Hauptverwaltung mal hierher bekommen könnten.

Peter:
Ein Beispiel aus meiner Branche: Wir haben in Thüringen so viele Speditionen, die hier nur Niederlassungen besitzen. Diese Speditionen kaufen ihre Autos niemals hier. Die Wagen werden als Paket gekauft und hierher transportiert. In Thüringen übernehmen die Speditionen maximal die Wartung. Es müsste im Freistaat mehr Unternehmen geben, die hier auch beheimatet sind.

Freund: Richtig. Weil diese Betriebe in der Regel nicht die Kaufkraft in einer Region voranbringen, von der wir dann alle leben. Es siedelten sich kaum vollstufige Unternehmen an. Ich begleite diese Ansiedlung von Unternehmen immer mit einem kritischen Auge. Beispiel Zalando: Das gesamte Management sitzt in Berlin, die ganzen intelligenzintensiven Arbeitsplätze, zum Beispiel im Kontext zur Webdatenbank, die gesamten Informatiker, die ganze Logistik-Steuerung, Fabrikplanung etc., bleiben in Erfurt außen vor. Das sind die Arbeitskräfte, die mich interessieren. Die kommen aber nicht hierher. Darunter leiden wir dann kaufkraftbezogen. Bis auf Erfurt und Jena sieht der Kaufkraftindex in Thüringen immer noch dramatisch aus. Darunter leidet die Kultur, darunter leidet doch auch Ihr Golfplatz, Herr Grafe.

Grafe: Zu Beginn meines Golfressorts bin ich auf sehr viel Widerstand gestoßen, weil ich immer gehört habe: „Das brauchen wir doch nicht in Thüringen.“ Aber ich sage: So etwas brauchen wir. Ich hätte es auch vor zehn Jahren noch nicht gemacht. Da waren wir noch nicht so weit. Aber wir brauchen weiche Standortfaktoren. Das bringen wir viel zu wenig voran. Wir müssen daran arbeiten, das Lebensumfeld zu verbessern und es den Leuten attraktiver zu machen. Mein Hotel wird zu 80 Prozent von Auswärtigen gebucht zu einem Preisniveau, dass etwas gestandenere Besucher zu mir kommen. Die gucken alle mit so dicken Augen. Wissen Sie, welche Vorurteile Thüringen in Deutschland genießt, wie es belächelt wird? Ohne dass es die Leute kennen. Wir haben sehr schlechtes Außenmarketing gemacht. Wir haben heute noch das Motto „Wir armen, kleinen Ossis“. Beim Lebensstandard und der Qualität dieses Bundeslandes, wenn auch vielleicht noch nicht in der Fläche, brauchen wir uns nicht verstecken.

Stöckmann: Außerhalb von Thüringen kennt man Thüringen wenig. Es hat mich teilweise Arbeit und Mühe gekostet, Menschen hierher zu bringen. Jetzt habe ich mir das auf die Fahne geschrieben. Ich bin für die Stadt Erfurt Botschafterin. Mir ging es ja selbst so. Ich war in Berlin und kannte Erfurt nicht. Ich hatte überhaupt kein Bild und wusste nicht, was mich erwartet. Ich werde nie vergessen, als ich das erste Mal am Flughafen vorbeifuhr und erstaunt war, dass Erfurt einen internationalen Flughafen hat. Als ich durch die Altstadt gegangen bin, habe ich gleich bemerkt: Es tut nicht weh, hier zu wohnen und Berlin hinter mir zu lassen. Ich hatte tatsächlich ein bisschen Sorge. Ich bin jetzt seit neun Jahren hier und fühle mich sauwohl. Es ist eine sehr schöne Stadt. Doch für viele Menschen in Deutschland ist Erfurt irgendeine Stadt irgendwo in Ostdeutschland.

Grafe: Ich halte Thüringen für einen wunderbaren Wirtschaftsstandort. Ich muss aber eingestehen, dass sich in den letzten Jahren einiges zum Negativen entwickelt hat hier in Thüringen. Das werden wir erst in wenigen Jahren merken, denn Entscheidungen, die heute getroffen werden, wirken sich für die Wirtschaft erst in drei oder vier Jahren aus. Ein bisschen merkt man das schon. Nichtsdestotrotz bin ich sehr optimistisch. Wir Unternehmen neigen immer dazu, herumzumeckern und lehnen uns dann zurück. Ich bin der Meinung, man darf nicht nur meckern. Man muss auch etwas machen. Ich bin kein Freund der IHK, habe mir aber gesagt: Da musst du mitmachen, wenn du was ändern willst. Mein Aufruf an viele Unternehmer lautet: Man muss sich für das Unternehmen auch ein bisschen engagieren.

Die Politik läuft hinter dem Karren her.



Freund: Wo fürchten Sie in den nächsten Jahren Probleme?

Grafe: Ich nenne mal ein Beispiel: Rente mit 63. Ich als Unternehmer finde das toll. Bei mir war jetzt die erste Mitarbeiterin, die gekündigt werden wollte von mir mit 61. Ich bin froh, dass sie das will. Sie ist zunächst einmal teuer, zweitens nicht mehr motiviert und drittens kann ich sie jetzt, um das mal überspitzt zu formulieren, früher loswerden. Das ist ein riesiges Frühverrentungsprogramm. Als Unternehmer finde ich das gut. Volkswirtschaftlich halte ich das für eine ganz dramatische Entwicklung. Wir reden da von Hunderttausenden.

Meyer: Die Politik läuft hinter dem Karren her. Die Dinge, die sich zurzeit anbahnen, sind sehr bedenklich und machen mich sehr nachdenklich. Es ist auf jeden Fall so: Wenn es den Unternehmen gut geht – und hier gibt es vor allem mittelständische Unternehmer, die eine sehr enge Verbindung zum Arbeitnehmer haben – geht es in der Regel auch den Arbeitnehmern gut. Viele Firmen sind auch im Familienbesitz und werden teilweise in der zweiten oder dritten Generation geführt. Auf diesem Weg müssen wir kämpfen und uns verstehen als die Gestalter eines Marktes.

Freund: Welche Erwartungen haben Sie denn an die Politik?

Grafe: Ich halte die Politik für ein sehr wichtiges Instrument. Die Aufgabe der Politik ist es, ordnungspolitische Leitlinien festzulegen oder Leitplanken. Dass Politiker natürlich von allen Lobbygruppen bearbeitet werden, ist ganz natürlich. Wir müssen darauf hinwirken, dass die Politiker mehr Verantwortung übernehmen müssen für den langfristigen Erhalt unserer Gesellschaft und sie nicht immer hin- und herspringen.

Peter: Nach dem Motto: „Ich trete zurück und bin weg.“

Grafe: Das Problem ist: Wir Wähler wollen ja auch getäuscht werden. Wenn einer die Wahrheit sagt, wird er nicht gewählt. Wenn der Schröder im Wahlkampf von der Einführung der Agenda 2010 gesprochen hätte, wäre er nicht gewählt worden. Dafür ist er sogar abgewählt worden. So etwas zu machen, gegen den Mainstream, gegen seine Partei, ist schon eine herausragende Leistung. So etwas würde ich mir mehr wünschen. Die Aufgabe der Politik ist es, auch unangenehme Entscheidungen zu treffen.

Freund: Ich denke, es fehlt jemand, der das Volk dort abholt, wo es steht. Und es steht ja in gewissen Dingen nicht zum Besten. Es fehlt jemand, der langfristige Visionen entwickelt. Das geht mir ein bisschen unter.

Grafe: Was ich empfehlen würde, ist mehr Durchlässigkeit in die Politik. Damit meine ich, dass wir heute nur noch Berufspolitiker haben. In Thüringen ist das ganz ausgeprägt. Da sitzen über 80 Leute im Landtag. Wenn die mal abgewählt werden, würde ich 60 davon bestimmt nicht einstellen. Denen bleibt gar nichts anderes übrig, als dort zu sitzen. Solche Typen wie wir wollen ja auch gar nicht in die Politik gehen. Erst einmal will die Politik uns auch gar nicht. Und wir halten es auch nicht durch. Da musst du dich durchdienen und erst ganz unten im Stadtrat anfangen.

Freund:
Aus wirklichen Persönlichkeiten wird ein rundgeschliffener Sandstein.

Meyer: Deshalb lässt sich Unternehmertum mit der Politik nicht vereinbaren.

Peter: Es besteht aber ein Trend zu parteilosen Bürgermeistern. Nehmen wir mal das Eichsfeld, wo 95 Prozent Katholiken wohnen. Die CDU hat in Heilbad Heiligenstadt abgewirtschaftet und ein Parteiloser führt die Geschicke – und das auch ordentlich.


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