Thüringenthema Schulen: Wie cool kann Schule sein?

Raus in die Natur: Die Schüler der ev. Gemeinschaftsschule. Foto: Heyder
   

Die Schüler sind interessiert, die Preisjurys ­begeistert, die Wirtschaft horcht auf: Mit viel ­Praxis, im Miteinander und mit ­modernen Mitteln - so sieht Erfolgsunterricht an ­Thüringer Schulen aus.

Ab in die Natur - Evangelischen Gemeinschaftsschule in Erfurt


Von Axel Heyder
Die Dinge begreifbar zu machen, dazu ist Schule da. Dass es sich dafür lohnt, Unterricht ganz anders zu gestalten, davon ist das Lehrerteam an der Evangelischen Gemeinschaftsschule in Erfurt fest überzeugt und bietet deshalb für die Klassen sechs und sieben einmal in der Woche einen besonderen Projekttag an.

Im Lutherpark gibt es einen fächerübergreifenden Unterricht. Hier können die Schüler Theorie und Lebenswelt miteinander verbinden. «Die Photosynthese dort zu besprechen, wo sie passiert, in der Natur, löst das Wissen vom Abstrakten», erklärt Susanne Jungclaus, stellvertretende Schulleiterin. «Die Schüler kochen vor Ort, ­bauen Gemüse selbst an, lernen dadurch ihren Wert besser zu schätzen. Sie errichten einen Komposthaufen und erfahren dabei, welche Funktion er erfüllt», ergänzt Schulleiter Alexander Dorst. Und es wird kalkuliert: Wie hoch sind die Kosten, die dabei entstehen? Dafür werden auch außerschulische Partner zu Rate gezogen. «Es versteht sich aber», so der Schulleiter, «dass wir uns dabei an den vorgegebenen Lehrplan halten».


Selbstständig forschen - Goethegymnasium Ilmenau

Von Ines Heyer
«Begabte Schüler haben es oft nicht leicht, erfahren nicht immer die Anerkennung ihrer Leistungen durch die Klassenkameraden. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Spezialklassen am Goethegymnasium Ilmenau verhält es sich anders. Die begabten Schüler spornen sich hier gegenseitig zu Höchstleistungen an», erklärt Andreas Ottolinger, Bereichsleiter für Spezialklassen und Biologielehrer, Goethegymnasium Ilmenau.

Ab Klassenstufe neun wird an der Schule eine Spezialklasse gebildet, für die sich mathematisch-naturwissenschaftlich interessierte Schüler aus der ganzen Region bewerben können. Internatsplätze sind vorhanden. Mathe­matik, Physik, Chemie, Biologie und Informatik stehen verstärkt auf dem Stundenplan. Zusätzlich gibt es wöchentlich noch zwei Stunden, in denen die Schüler selbstständig experimentieren und forschen können. «Dabei entstehen manchmal spannende Wettbewerbsbeiträge für Jugend forscht», sagt Andreas Ottolinger.

Mit der Universität und der Wirtschaft bestehen Kooperations­vereinbarungen, die Schüler können so ihre Fähigkeiten stetig weiterentwickeln. Weitere Infos: www.goetheschule-ilmenau.de.

So reißt Chemie schon die Jüngsten vom Hocker


Von Michael Steinfeld - Gymnasium Gleichense in Ohrdruf
An dieser Schule ist Chemie sexy. Jahr für Jahr siegt das Gymnasium Gleichense in Ohrdruf beim Experimentalwettbewerb Chemkids. Wann rosten Bleistiftspitzer, wie gehe ich mit Speichelproben auf Verbrecherjagd, wie bastele ich einen Flummi und wie funktioniert ein Kompass? Im kleinen Ohr­druf finden immer wieder die meisten Schüler in ganz Thüringen die Antworten auf diese Fragen und überzeugen die Jury mit brillanten Chemie-Proto­kollen.

Der stellvertretende Schulleiter Jan Gentzen hat den Wettbewerb für den Naturwissenschaftler-Nachwuchs fest im Lehrplan verankert. Die Sieger werden mit Preisen prämiert - das motiviert die Schüler zusätzlich. Auch bei anderen Wettbewerben wie «Jugend forscht» unterstützt das Gymnasium seine Schüler, konnte regional und national schon einige Erfolge verbuchen. An der «Heldenwand» der Schule hängen die Fotos erfolgreicher Teilnehmer, die von Unternehmern schon Visitenkarten zugesteckt bekamen. Wie man Schüler frühzeitig an Betriebe binden kann und die Betriebe an die Schulen - Gentzen versucht immer wieder, diese Fragen zu beantworten. In der Region fallen die Antworten nicht immer leicht.

Neben den Anreizen durch die Wettbewerbe bauen Gentzen und seine Kollegen auf viel Praxis. «Wir versuchen schon früh, die Schüler für Chemie zu begeistern. Das macht man über Experimente und guten, anschaulichen Unterricht.» Wenn er die meisten Schüler später im Chemie-Leistungskurs wiedersieht, ist das für ihn ein super Feedback.
Seit rund fünf Jahren ist die Grundschule im Ort mit im Boot. Die Lehrer ködern die Dritt- und Viertklässler mit ersten Experimenten und Schnupperunterricht mit den Großen. «Wir haben die Möglichkeiten und die Ausstattung, die Grundschüler richtig vom Hocker zu reißen. Wenn man damit erst in der neunten Klasse anfängt, ist es zu spät.»

Für den Erfolg leisten die Lehrer viel zusätzliches Engagement neben ihrer Arbeitszeit. Dass Chemie zu kompliziert und nur etwas für Streber und Nerds ist, glaubt Gentzen keinesfalls: «Chemie ist logisch, wenn man einmal das Grundmuster versteht und dranbleibt.»

Tablet statt Tafel - Wolfgang Goethe»-Regelschule in Schleiz

Von Simone Schulter
Die analoge und digitale Welt verknüpfen sich für zwei Klassen der «Johann Wolfgang Goethe»-Regelschule in Schleiz jeden Tag aufs Neue. Zwar gehören Hefter und Federmappe noch immer in ihre Schultaschen - Lehr­bücher aber nicht mehr.

Viele Unterrichtsmaterialen sind auf iPads gespeichert. Hierauf senden die Lehrer im Unterricht Tafelbilder und ­Arbeitsblätter, die dann zusammen vervollständigt werden.

Das neue Lernen sorgt nicht nur für einen leichteren Ranzen. Die Vorteile und Risiken der digitalen Welt werden den Schülern immer wieder alltagsbezogen verständlich gemacht. Derzeit nehmen eine siebte und eine achte Klasse am Projekt teil. «Die Eltern können selbst entscheiden, ob ihr Kind eine solche Klasse besuchen soll», erklärt Direktor Toralf Hieb. Schließlich finanzieren sie auch privat die Tablet-Computer. «Allerdings über einen sehr günstigen Mietkauf», so Hieb. Zehn Euro im Monat müssen sie aufbringen.

Hieb und seine Kollegen sind sich sicher, dass ein Tablet nicht Ehrgeiz und Leistungswillen ersetzen kann. «Aber sie steigern die Motivation.»

Die Großen sorgen für die Kleinen - Walldorfschule Jena


Vor den Großen auf dem Schulhof muss man keine Angst haben. Sie können Helfer in der Not und Begleiter im Alltag sein. Das lernen die Kinder an der Freien Waldorfschule in Jena schon am ersten Tag - durch ein Patenprogramm.
Jede achte Klasse wird Pate der ABC-Schützen. Dieses Miteinander ist auf die weiteren Schuljahre angelegt. So lernen die Kinder, Verantwortung zu übernehmen und Fürsorge anzunehmen. «Wir versuchen, dass jedes Kind seinen ganz persönlichen Paten bekommt, soweit das die Schülerzahlen zulassen», erklärt Lehrerin Antje Weder.

Zu den Begrüßungs­ritualen gehört es, dass die Großen die Kleinen in der Schule begrüßen und ihnen die Handarbeitsbeutel mit ihrem Namen besticken. Die Kleinen laden die Großen dafür zum Martinsspiel ein oder musizieren zu deren Zeugnisübergabe. Durch die jüngern Schüler erinnern sich die Großen an ­viele Begebenheiten ihrer eigenen Schulzeit, aber aus einer anderen Perspektive. «Das sorgt für Beständigkeit», erklärt Schulleiterin Marlis Sander.

Auch im Unterricht selbst kommt es zu Begegnungen. So war kürzlich die zweite Klasse bei «ihrer» Neunten im Physik­unterricht zu Gast. Sie konnten miterleben, wie viel Kraft Dampf entwickeln kann. Auf einem Schemel stehend wurden die Kleinen in einem Experiment der Großen fast wie von Zauberkraft nach oben gehoben. «Das ist sehr imposant», berichtet Physiklehrer Alexander Ehms. In sieben Jahren werden die Kleinen selbst ihre Paten zu Gast haben und sich gern an den Versuch erinnern.
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