Traumatherapeutin beschreibt Ängste der Menschen in den Hochwassergebieten

Dr. Alina Wilms (Foto: Praxis Dr. Wilms)

Die Erfurter Traumatherapeutin Dr. Alina Wilms beschreibt Ängste der Menschen in den Hochwassergebieten:

Wie sehr zerstört das Hochwasser auch das Gefühl, Sicherheit und Geborgenheit verloren zu haben?
Durch das Hochwasser verlieren viele betroffene Menschen das Gefühl von Grundsicherheit. Bisher wussten sie auch intellektuell, also vom Kopf her, dass es sie rein theoretisch treffen könnte. Die reale Erfahrung zu machen, hinterlässt jedoch ganz andere psychische Spuren, zum Beispiel übersteigerte Wachsamkeit oder traumatische Erinnerungstrigger - ausgelöst durch das Geräusch des Regens oder den Geruch von stehendem Wasser. Auch psychische Störungen wie Angststörungen oder Post-Traumatische Belastungsstörungen können die Folge sein. Das Wasser ist wie das Eindringen eines Diebes in den vertrauten Schutzraum eines Menschen.


Wie schlimm ist es für die Opfer, den Naturgewalten ausgeliefert zu sein, keinen Schuldigen benennen zu können?
Die Bewältigung von traumatischen Erfahrungen, die durch die Natur ausgelöst wurden, ist oft einfacher als die Bewältigung sogenannter Man-made Traumata, da der Mensch um die Gewalten der Natur weiß und nicht noch der Vorsatz eines Täters hinzukommt, der bei Anschlägen, Überfällen usw. durch die zusätzliche menschliche Enttäuschung die Therapie erschwert. Dadurch, dass kein direkter Schuldiger benannt werden kann, projiziert sich die Wut auch nicht auf eine bestimmte Person, sondern der Betroffene lernt die Natur so anzunehmen wie sie ist.


Wie kann man helfen?
Moralische und finanzielle Hilfe wirken sich unterstützend aus. Noch wichtiger ist, aktiv mit anzupacken. Häufig werden Gesten der Menschlichkeit zu kleinen Lichtblicken in traumatischen Situationen, die den "Traumafilm" unterbrechen. Betroffene schildern dann häufig die desaströsen Erfahrungen und erinnern sich plötzlich an Momente der Fürsorge und Nächstenliebe, die dann wie besondere Positivhighlights herausstechen.

Manchmal ist eine traumazentrierte Therapie notwendig. Angst auslösende Gerüche, Geräusche oder Bilder werden dabei neutralisiert, sodass der Betroffene wieder ein normales Verhältnis zum Element Wasser herstellen kann, anstatt zukünftig, Meer und Bächlein, Badewanne und Wasserhahn zu meiden, oder beim nächsten Regen in Schockstarre zu verfallen, was sich alles stark lebenseinschränkend auswirken würde.


Besteht die Gefahr von psychischen Langzeitschäden?
Sich selbst können betroffene Menschen am besten helfen indem sie sich psychoedukativ - also durch psychologische Fachinformationen - über mögliche psychische Folgesymptome aufklären. Dann wissen sie, mit welchen Symptomen - zum Beispiel Schlafstörungen, Gereiztheit, Konzentrationsschwäche - zu rechnen ist, wie sie damit umgehen können und weshalb ihre Psyche so reagiert und nicht anders.

Auch das Element der Eigenaktivität ist wichtig in der Bewältigung traumatischer Ereignisse. Diejenigen, die selbst zumindest etwas beeinflussen, zum Beispiel etwas aus den Fluten retten, Sandsäcke schleppen oder sich im Nachhinein für die Betroffenen von Flutkatastrophen politisch oder humanitär einbringen, scheinen ein geringeres Risiko zu haben, langfristige psychische Beeinträchtigungen zu erleiden. Ihr Grad der Hilflosigkeit ist geringer als bei denjenigen, die sich nur passiv wegtransportieren lassen und in ihrer Hilflosigkeit versinken. Damit sind ältere Menschen, die oft nicht die körperliche Möglichkeit haben, aktiv etwas zu tun, psychisch weitaus gefährdeter. Allerdings hat gerade diese Risikogruppe oft den geringsten Zugang zu psychologischer Hilfe weil sie größere Scheu vor Psychologen hat oder aufgrund des hohen Alters der Betroffenengruppe vielleicht gar keine Therapie genehmigt wird.

Werden psychische Symptome nicht zeitnah behandelt kann es zu Chronifizierungen kommen, sogar bis zu Veränderungen der Persönlichkeit aufgrund Extrembelastung. Dafür gibt es sogar eine gesonderte Diagnose.


Was können die Betroffenen tun?
Besonders stabilisierend scheinen Methoden der Selbstachtsamkeit zu sein, die auf dem "Psychomarkt" aktuell besonders beliebt sind. Durch ein Zurückkehren zur inneren Mitte und die Fähigkeit, äußere Ereignisse mental schneller loszulassen, wird das psychische Immunsystem gestärkt und die Traumatisierung hat keinen Raum um psychisch einzuwirken und Schaden anzurichten. Achtsamkeit bedeutet das akzeptierende Sein im Hier und Jetzt. Wer das gelernt hat akzeptiert die Kraft der Natur und sieht sich als Überlebender im Hier und Jetzt anstatt als Opfer der vergangenen Tage. Am hilfreichsten ist allerdings eine psychologische Immunisierung VOR solchen oder anderen Lebens belastenden Ereignissen weil die Psyche die Bewältigungsmechanismen dann im Ernstfall schon kennt und anwenden kann. Gerade für Berufshelfer solcher Katastrophen wäre ein Prophylaxetraining besonders wichtig, da sie multiplen Ereignissen ausgesetzt sind.


Warum bleiben Menschen in gefährdeten Gebieten wohnen?
Oft bleiben Menschen in den Risikoregionen, um dem Schicksal zu trotzen - gemäß dem Motto "Jetzt bleibe ich erst recht" oder weil sie durch den Wiederaufbau eine noch intensivere Bindung zu ihrer Stadt oder ihrem Zuhause entwickelt haben, da ja nun noch eigene Energie und ein Stück der eigenen Persönlichkeit in den wieder aufgebauten Mauern steckt. Wurde gemeinsam wieder aufgebaut kann es auch das Gemeinschaftsgefühl sein, das prägt.

Andere haben gerade aufgrund der erlebten Unsicherheit Furcht vor einem Neubeginn und bleiben deshalb lieber bei der bekannten Gefahr als sich mit etwas Neuem zu konfrontieren. Stark depressive Menschen glauben, dass sie selbst das Unglück anziehen und ein Umzug ohnehin kein Entkommen bedeuten würde.


TERMIN:
Im Oktober startet ein ­Achtsamkeitstraining in der Fachhochschule Erfurt. Infos: psychologie-thueringen.de,   Telefon 03 61 / 5 51 28 80.
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2 Kommentare
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Steffen Weiß aus Gera | 09.06.2013 | 10:02  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 11.06.2013 | 00:02  
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