Unterschwellig immer Angst: Betroffene erzählt aus ihrer Schulzeit – Eine auf Dyskalkulie spezialisierte Beraterin berichtet aus ihrem Alltag

Mengenlehre begreifen im Wortsinne: Für betroffene Kinder ist die Auswahl der Materialien wichtig. Normale Nachhilfe ohne Spezialisierung ist nicht des Rätsels Lösung. (Foto: Axel Heyder)
Mit vier Millionen Deutschen teilt Steffi ihr Schicksal - sie leidet an Dyskalkulie. Der Umgang mit Zahlen ist für die junge Frau eine Herausforderung. Eine langjährige Therapie hat ihr erfolgreich geholfen, einfache mathematische Zusammenhänge zu erkennen und anzuwenden. Uhrzeit, Fahrpläne, Wechselgeld - im Alltag hat die 23- Jährige kaum noch Probleme:

"In der Schule war ich nie faul. Ich war in allen Fächern gut - außer in Mathematik. Ich konnte üben wie ich wollte, den nächsten Tag wusste ich nichts mehr mit den Zahlen anzufangen. Meine Eltern schickten mich immer wieder zur Nachhilfe. Doch es half nichts. Ich zweifelte an mir selbst, es gab viele Tränen. Durch die Grundschulzeit habe ich mich durchgemogelt und sogar den Sprung auf das Gymnasium geschafft. Vor jedem Zeugnis kam dann aber die große Angst. Erst in der 7. Klasse wurde die Diagnose Dyskalkulie gestellt - vor zehn Jahren war das Thema Rechenschwäche in der Öffentlichkeit kaum existent. Zum Glück hatte ich einen verständnisvollen Mathematiklehrer, ich bekam weniger Aufgaben und hatte mehr Zeit dafür. Bei verschiedenen Therapeuten erhielt ich zusätzlich gezielt Förderung. Dafür nahmen meine Eltern oft weite Fahrwege und große finanzielle Belastungen in Kauf. Mit 13 Jahren fing ich dann an, den Stoff aus der Grundschule aufzuarbeiten. In der Oberstufe erkannte ein neuer Mathematiklehrer meine Rechenschwäche nicht an. Er hat mich oft vor der Klasse bloßgestellt. Die zwei Jahre waren eine schwere Zeit. Natürlich hatte ich auch in den anderen Naturwissenschaften große Probleme, sofern Berechnungen notwendig waren. Englisch allerdings hat mir schon immer Spaß gemacht, hier war ich Spitze. Dadurch konnte ich auch beim Abitur mit Punkten ausgleichen. Ich bin wahnsinnig stolz auf mich, dass ich es mit 3,0 bestanden habe. Beruflich habe ich mich auf meine Stärken konzentriert, ich bin jetzt kaufmännische Angestellte für Fremdsprachen.
Meine Therapie beende ich in den nächsten Wochen. Ohne die intensive Betreuung hätte ich das alles nicht geschafft. Natürlich ist immer noch unterschwellig die Angst da, dass ich an einfachen mathematischen Dingen scheitern könnte. Deshalb muss ich weiterhin an mir arbeiten.

"Die Vermittlung des Zahlensystems muss anders sein, als im ‚normalen‘ Schulunterricht", weiß Grundschullehrerin Christiane Metzner. Sie betreibt ein auf genau dieses Problem ausgerichtetes Institut und unterrichtet als Spezialistin für Dyskalkulie an verschiedenen Schulen.

"Fast täglich begegnen mir Eltern oder engagierte Großeltern mit großer Hilflosigkeit". Viele wüssten einfach nicht, an wen sie sich wenden sollen, sagt sie. Für die Vermittlung des Zahlen- und Mengensystems hat die Montessori- Pädagogin ein Training mit verschiedenen Materialien entwickelt. "Das Problem tritt vor allem dann zu Tage, wenn sich Aufgaben nicht mehr zählend lösen lassen, insbesondere bei Zehnerübergängen. Die betroffenen Schüler verstehen unser Dezimalsystem nicht." Mädchen kompensierten dieses anfangs mit Fleiß und auswendig lernen leichter als Jungen dies können. Doch spätestens beim Überschreiten des Zahlenraums bis 20 funktioniere das nicht mehr so einfach. Beim Test auf Dyskalkulie sei auffällig, dass häufig Defizite in der räumlichen oder visuellen Wahrnehmung bestehen ebenso wie die Betroffenen Probleme mit analogen Uhren oder Fahrplänen hätten. Deswegen sieht es in ihrem Institut fast aus, wie in einer Bastelstube. Holzklötzchen, Perlenketten, Maßband, Würfel oder Farbkarten helfen, die Mathematik begreifbar zu machen. "Praktisch und handelnd" müssen sich die Schüler bei ihr die Welt der Zahlen erarbeiten. Anfassen, bauen, schieben, zeichnen - so wird Mathe begreifbar.

Jessica Ehnes, Dyskalkulietherapeutin am Zentrum zur Therapie für Rechenschwäche (ZTR) in Erfurt:

Im Schulgesetz wird Rechenschwäche nicht benannt. Demzufolge gibt es für Lehrer keine klaren Regelungen. Besteht der Verdacht auf Dyskalkulie, sollten die Eltern schnell handeln. Jedes verschenkte Schuljahr kostet wertvolle Zeit. In einem speziellen Test wird bei uns der Rechenweg hinterfragt und beobachtet, mit welchen Hilfsmitteln das Kind versucht, eine Lösung zu finden.

Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie Thüringen e.V.
Vorsitzende Katrin Marquardt,
Stellvertretung Kerstin Prautsch,
Kontakt: Claudia Heber, Mittwoch 19 bis 20 Uhr, (sonst AB) Rückruf nur auf Festnetznummer:  036376- 52 330
presse@e3net.de

Text: Ines Heyer/Axel Heyder
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3 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 30.10.2012 | 22:29  
Ines Heyer aus Saalfeld | 07.11.2012 | 11:52  
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Hannelore Grünler aus Artern | 07.11.2012 | 16:59  
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