Verantwortung für die Region: Der Ruf des Unternehmers könnte in Thüringen besser sein

Zur Person: Matthias Freund gibt als der Job-Experte monatlich im Allgemeinen Anzeiger Tipps rund um den Arbeits­markt. Der Erfurter ist seit über zwei Jahrzehnten selbstständiger Personalberater. Er kümmert sich national und international um die Besetzung von Top-Management-Positionen. Im Wirtschaftsmagazin „Hier“ moderiert er die Unternehmer­runde. (Foto: Axel Heyder)
 
Helmut Peter: "Der Neidfaktor ist in Thüringen größer als in Niedersachsen." (Foto: Axel Heyder)
 
Den Unternehmen liegt ihr guter Ruf am Herzen. (Foto: Axel Heyder)
Erfurt: Allgemeiner Anzeiger |

Für das Wirtschafts­magazin „HIER leben wir Leistung, wagen wir Ideen, schreiben wir Erfolg“ hat der Allgemeine Anzeiger Thüringer Unternehmer an einen Tisch geholt. Teilgenommen an der Gesprächs­runde haben Helmut Meyer, Inhaber des Personal­dienstleisters GeAT AG, LMI-Licensee Cornelia Stöckmann, selbstständig im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, Helmut Peter, Geschäftsführer der Autohaus Peter Gruppe, sowie Matthias Grafe, Managing Director der Grafe Advances Polymers GmbH. Moderiert wird die Runde vom Personalberater Matthias Freund (Human Resources Consulting).

Freund: Wie wichtig ist unser Handeln für das Unternehmen? Und wie sehen Sie den Ruf des Unternehmers?

Grafe: Ich sehe mich als Vollblutunternehmer. Seit zig Generationen sind in meiner Familie Unternehmer. Ich habe hier in Thüringen in den letzten 20 Jahren erlebt, dass das Unternehmerbild sehr schlecht gesehen wird. Als Unternehmer fühlt man sich relativ einsam. Historisch betrachtet wurde das Unternehmertum in der DDR bekämpft. Nach der Wende war das klassische Unternehmertum, wie ich es kenne, nicht vorhanden. Daraus resultierend ist wenig neues Unternehmertum entstanden. Wir haben in Thüringen das Problem, dass wir sehr viele verlängerte Werkbänke haben. Es gibt sehr viele Unternehmen, die reine Produktionsstandorte sind. Sie müssen überlegen: Der Unternehmer will sich in die Region einbringen. Ein reiner Produktionsstandort hat einen angestellten Geschäftsführer. Und er macht alles, was sie ihm in Frankfurt sagen. Das heißt, der wirft auch Leute raus, wenn die Vorgesetzten in Frankfurt dies entscheiden. Dieser Geschäftsführer hat auch das Glück, dass er sich damit herausreden kann: „Die Zentrale sagt...“
Wir Unternehmer haben die soziale Verantwortung für die Menschen. Bei mir sind es fast 400 Menschen mit Familien. Für mich als Unternehmer ist es immer schlimm, einem Menschen sagen zu müssen: „Ich kann sie nicht gebrauchen. Ich muss sie entlassen.“ Ich versuche als Unternehmer, mein Gesicht zu wahren. Ich will ja abends auch in die Kneipe gehen und habe keine Lust, dass mich da einer blöd anpöbelt. Ich will genauso samstags auf den Fußballplatz gehen können wie jeder andere Mensch. In Thüringen hat man immer gelernt, ein bisschen übertrieben formuliert: Als Unternehmer bist du erfolgreich, wenn du dich auf Kosten anderer bereicherst. Solche Kapitalismusdiskussion habe ich öfter. Ich habe noch nie in meinem Leben im Kapitalismus gelebt. Ich habe immer in der sozialen Marktwirtschaft gelebt.

Peter: Ich würde das so unterschreiben, ohne Abstriche. Da ich seit 16 Jahren in Niedersachsen bin, vergleiche ich den Mittelstand in den Bundesländern: In Niedersachsen ist es gang und gäbe, dass sich beispielsweise der Wirtschaftsrat trifft. In Thüringen haben viele Jungunternehmer nach der Wende die Lage mitunter völlig falsch eingeschätzt. Die sind untergegangen oder haben wieder neu angefangen. Dieses Extrem hat man in den alten Ländern nicht. Ich sage immer: Jetzt kommen im Osten erst die Unternehmer ans Ruder, die es auch gelernt haben. Vorher hattest du die Situation, dass du einfach ins kalte Wasser geworfen wurdest.

Der Neidfaktor ist in Thüringen größer als in Niedersachsen. Eindeutig. Diese Missgunst, die wächst, wenn du beispielsweise neun Mercedes-Betriebe führst. Dann hört man: „Anzug, Schlips, dickes Auto und vielleicht noch eine Blondine daneben.“ Ich meine diese Grundmeinung: „Der hat‘s doch.“ Dass man aber an Wochenenden mitunter bis Mitternacht im Büro sitzt und über Probleme und das nächste Gespräch mit der Bank grübelt, das wird nicht geschätzt. Ich kann mit ganz ruhigem Gewissen sagen: Ich komme aus dem Volk und aus der Planwirtschaft. Wir waren alle gleich und die Mangelwirtschaft war eine ganz andere Situation als die soziale Marktwirtschaft. Dennoch heißt es heute oft: „Die haben sich bereichert“ und nicht „Die haben es sich erarbeitet“. Hochachtung gibt es auch, sie ist aber verschwindend niedrig. Du musst nur einmal nein sagen, wenn der Fußballverein nach Sponsoring fragt, und hörst gleich: „Zu dem musst du nicht gehen.“

Freund: Viele sehen nicht die schlaflosen Nächte, die Verantwortung, den ständigen Marktdruck, die Frage „Verkaufe ich mein Auto, damit ich meine Mitarbeiter nicht entlassen muss“.

Grafe: In schlechten Zeiten sollte man auch kein dickes Auto fahren. Ich habe gelernt: Du darfst nur Autos fahren, die du dir leisten kannst. Aber ich kenne Unternehmerkollegen, die leben auf dem Land und haben ihr Auto in der Jenaer Tiefgarage stehen, damit es im Dorf keiner sieht. Der Unterschied zum Westen ist: Wenn Sie Typen wie uns an einem Tisch haben wollen, dann müssen Sie in ganz Thüringen schauen. In Göttingen hätten Sie direkt 25 Unternehmer, die kommen wollen.

Freund: Es muss uns Unternehmern gelingen, auch wenn wir uns international aufstellen müssen, Thüringen nach vorne zu entwickeln, lebenswert zu gestalten, damit die gesellschaftliche Balance nicht aus den Fugen gerät.

Meyer: Wir haben immer gesagt, wir wohnen jetzt in Thüringen, wo wir leben, arbeiten und Geld verdienen, wo wir uns einbringen und zeigen, wo wir sind und helfen, dass das Umfeld lebenswerter wird. Das wird in den verschiedenen Kreisen auch anerkannt. Ich habe in Thüringen ganz tolle Mitstreiter gefunden. Meine Teams bestehen teilweise schon seit 19 Jahren, teilweise seit der ersten Stunde. Kontinuität ist in unserer Branche eigentlich ein Fremdwort. Doch wer in meinem Unternehmen die Probezeit übersteht, geht nachher nicht mehr weg. Das ist toll. Damit kann man erfolgreich sein: mit Kontinuität und damit, die Leute mitzunehmen als Coach. Die Leute sind heutzutage alle geschult und qualifiziert. Besuche ich die Betriebe, gehe ich immer durch die Hintertür. Ich bin mit den Leuten auf Augenhöhe, pflege engen Kontakt. Egal, wohin ich fahre: Ich muss nur auf den Tisch springen und sagen: „Leute, kommt mal her. Ihr seid die Besten, macht weiter so. Danke.“ Das ist ein tolles Gefühl und das läuft seit 20 Jahren.

Grafe: Mittelständische Unternehmer wie wir versuchen schon, uns in der Region zu integrieren. Das heißt: Uns liegt sehr viel daran, wie die Leute über uns reden. Das muss man lernen in der heutigen Gesellschaft: Man muss mit seinen Mitarbeitern pfleglich umgehen. Man muss sie auch ordentlich und gerecht behandeln. Wobei, das ist sauschwer.

Peter:
Das sehe ich bei mir: Wir haben eine Niederlassung in Einbeck. Dort habe ich vor zwei Jahren ein Mercedes-Benz-Autohaus übernommen mit 26 Mitarbeitern. Wir bemühen uns sehr, in der Region Fuß zu fassen. Doch es bedarf größerer Anstrengungen, Teil des sozialen unternehmerischen Umfelds zu werden. Wenn der Bürgermeister zum Neujahrsempfang oder die Banken einladen, nimmst du die Einladung wahr. Aber sich einzubringen in das Leben vor Ort, das gelingt uns, so wie wir uns das wünschen, meist nur in den Städten, in denen wir auch leben. Das ist eine entscheidende Geschichte für das Vorankommen von Regionen. Gehe ich hier ins Theater, weil es mir Freude bereitet oder weil ich es muss?


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