Von den Toten lernen: "Echte Körper" in Erfurt

Wann? 18.03.2016 11:00 Uhr bis 27.03.2016 18:00 Uhr

Wo? Sportpark Johannesplatz, Neusißstraße, 99086 Erfurt DE
Die Ausstellung umfasst etwa 200 Ausstellungsstücke. Sie möchte den Besuchern vor allem anatomisches Wissen vermitteln. (Foto: Agentur / "Echte Körper")
 
Blick in die Ausstellung (Foto: Agentur / "Echte Körper")
Erfurt: Sportpark Johannesplatz | "Echte Körper - Von den Toten lernen" heißt eine Ausstellung, die in Weimar und Erfurt zu sehen ist und anhand von konservierten menschlichen Körperteilen und Körpern vor allem anatomisches Wissen vermitteln möchte, ganz ohne reißerische Posen. Thomas Müller, Technischer Leiter der Ausstellung, im Gespräch:

Woher kommen die Exponate?


Die gezeigten plastinierten Exponate sind eine Leihgabe der Firma Corcoran Laboratories in Michigan in den USA, dem führenden amerikanischen Hersteller medizinischer Präparate für medizinische Fakultäten. In den USA spenden jährlich etwa 20.000 Menschen ihre Körper der Medizin.


Wie gehen Sie damit um, wenn jemand sagt, die Ausstellung sei makaber?


Von der Sache her ist es nicht makaber. Im Jahr 2009 hatten wir mal im Vorfeld der Ausstellung Probleme mit der Stadt Hannover, die wollten unbedingt die Einverständniserklärungen der Körperspender sehen. Damals habe ich mich sehr intensiv damit beschäftigt und weiß nun, warum diese Menschen das getan haben: Da gibt es zum Beispiel die, die nach ihrem Tod nicht verbrannt und mit der Asche ihres Vorgängers vermischt werden wollen. Oder einen Mann, der zu Lebzeiten viel Reichtum angehäuft hat und nun gesagt hat, dass er gern etwas zurückgeben möchte, als Lehrobjekt für angehende Mediziner dienen möchte oder als Anschauungsobjekt für Laien. Diese Menschen, und von denen gibt es viele, haben sich ganz bewusst der Pathologie zur Verfügung gestellt.

Es geht also nicht in erster Linie um das Zurschaustellen?


Bei uns geht es rein um die Anatomie. Wir haben einen informativen Anspruch, wir wollen den Menschen zeigen, wie es unter der Haut aussieht. Die Faszination des menschlichen Körpers entzieht sich uns sonst, wir können ja nicht unter die Haut blicken. Viele Menschen, auch die vor einer Operation stehen, interessiert das schon, was dann im Inneren passiert.

Das ist schon eine Abgrenzung zu ähnlich gelagerten Ausstellungen...


Wir verzichten bei der Präsentation bewusst auf reißerische, unnatürliche Posen und auf Effekthascherei. Wir achten darauf, nicht alles so offensichtlich zu zeigen, gewisse Körperteile nicht spektakulär ins Szene zu setzen. Auch nach dem Tod lassen wir dem Menschen seine Würde, bei uns spielt die Ethik eine große Rolle. Dazu gehärt auch, dass wir alles museal in Glasvitrinen zeigen und auf eine nachträgliche künstliche rote Einfärbung der Muskeln verzichten. Die Beschriftung unserer Exponate ist übrigens in Deutsch und in Latein, denn uns besuchen viele angehende Mediziner und Auszubildende in medizinischen und in Pflegeberufen, um sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten. So ist für sie und auch für die Laien alles gut verständlich.

Für wen noch ist die Ausstellung gedacht?


Sie richtet sich hauptsächlich an Laien, die einfach am menschlichen Körper interessiert sind, das Ganze besser verstehen möchten.

Lässt sich an echten Körpern besser lernen als an Modellen?


Definitiv ja! Man sieht auch Unterschiede. Wir stellen zum Beispiel krankhafte Organe gesunden gegenüber. Oder man sieht die Auswirkung von unbehandelten Leiden, kann nachvollziehen, welche Schmerzen dieser Mensch erleiden musste. Sogar ich entdecke manchmal noch etwas Neues bei den Exponaten, vor kurzem erst einen Gallenstein.

Kann ein Ausstellungsbesuch auch Anstoß sein, über die eigene Gesundheit nachzudenken?


Ja! Es gibt immer wieder den unmittelbaren Effekt, dass Leute ihre fast volle Zigarettenschachtel wegwerfen, das sehen wir häufig. Auch sonst merken wir, wie die Menschen nachzudenken beginnen. Manchmal mache ich auch kleine Führungen und erzähle etwas zu den Exponaten, dabei kann ich auf das eine oder andere Krankheitsbild aufmerksam machen, was einem sonst vielleicht nicht so ins Auge gefallen wäre. Es lässt sich ja nicht jede Einzelheit beschriften, das würde den Rahmen sprengen.

Dürfen Kinder die Ausstellung besuchen?


Unbedingt! Wir bieten Schülern und ihren Lehrern ein umfangreiches Bildungsangebot, die anatomische Ausstellung befasst sich mit sämtlichen lehrplanrelevanten Themen der Klassenstufen 6 bis 12, darauf sind auch die Begleittexte ausgerichtet. Wir bieten ebenfalls die Gelegenheit, sich ausführlich mit den Themen Organspende, Krebs, Aids, Alkohol und Nikotin auseinanderzusetzen. Auch jüngere Kinder sind willkommen.

Wie kommen die jungen Menschen mit dem Ausstellungsinhalt klar?


Besser als mancher Erwachsene. Sie gehen unbefangen heran, haben nicht die Bedenken wie die Älteren. Bei denen spielt natürlich auch das eigene Leben, die Erfahrungen eine Rolle, es kommt darauf an, was jeder erlebt hat. Wir beginnen auch erst einmal 'sanft' mit den Exponaten, zeigen nicht sofort einen ganzen Körper.




Die Ausstellung:


"Echte Körper - von den Toten lernen": bis zum 13. März in Weimar, Humboldtstraße, Nähe Kaufland; 18. bis 27. März, mobile Ausstellungshalle am Sportpark Johannesplatz Erfurt.

Die Ausstellung widmet sich der Aufgabe, anatomisches Wissen zu vermitteln. Grundlage hierfür ist die umfangreiche Sammlung von Exponaten, bestehend aus konservierten menschlichen Körpern, Organen und Moulagen. Insgesamt gibt es ca. 200 Ausstellungsstücke. Ausführliche Erklärungen, Multimediavorführungen und Lehrtafeln zu allgemeinen und spezifischen Themen des menschlichen Körpers dienen neben den Exponaten der Wissensvermittlung.

Geöffnet ist täglich von 11 bis 18 Uhr, www.echte-koerper-on-tour.de.
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