Von der Kantine ins Koma: Darum fordere ich Mittagsschlaf für alle

Mittags fallen wir ohnehin ins Schnitzelkoma. Das könnte man doch auch mit Schlafen verbringen. (Foto: Colourbox)
Erfurt: Freund HRC |

Sie alle kennen das ­Gefühl nach dem Mittagessen, wenn einen die Kräfte und der Antrieb, etwas zu leisten, innerhalb weniger Minuten verlassen. Wir fallen in eine Phase, die von manchen Zeitgenossen als Schnitzel-oder Suppenkoma bezeichnet wird.

Die Ursachen dafür sind seit Jahrhunderten bekannt und begründen sich im „circa­dianen Rhythmus" unseres Organismus. Unsere physiologische Leistungskurve gleicht einer Berg- und Talfahrt. Für die meisten Berufstätigen startet die Leistungsfähigkeit mit etwa 80 Prozent in der Zeit zwischen 6 und 7 Uhr. So gegen 8 Uhr erreichen wir schon 100 Prozent und steigern uns bis 10 Uhr auf bis zu maximal 140 Prozent der individuellen Tagesleistung.

Der Körper braucht die Regeneration.



Diese Hochleistungsphase – besonders geeignet für sehr anspruchsvolle und konzentrationsintensive Arbeiten – hält bis kurz vor der Mittagspause an. Zu diesem Zeitpunkt sind dann die schnell verfügbaren Energiereserven verbraucht und der Körper signalisiert uns durch das Hungergefühl, die leeren Depots wieder aufzufüllen.

Ohne jetzt auf die Prozesse der Verdauung einzugehen: Wir spüren, wie unsere Leistungsfähigkeit schlagartig innerhalb von 30 Minuten auf fast das gleiche Niveau zurückfällt wie kurz vor dem Frühstück, auf 70 bis 80 Prozent. In der Zeit von 12.30 Uhr bis 14.30 Uhr braucht unser Körper Ruhe beziehungsweise eine inten­sive Phase der Regeneration.

Wer durch die Arbeit gezwungen ist, zu dieser Zeit Leistungen zu erbringen, der geht hohe Risiken ein. Zum einen steigen die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu 30 Prozent. Vor allem aber erhöht sich jegliche Form der Unfallgefahr. In Auswertung von Statistiken zu Arbeits- und Verkehrsunfällen ist ein überproportionaler Anstieg in der Phase des Schnitzelkomas nachweisbar. Mangelnde Konzentration führt zu Fehlern jeglicher Art. Wir haben Schwierigkeiten, Informationen zu ­verarbeiten, uns etwas zu merken oder zu lernen.


Win-Win-Situation für beide Seiten



Folglich kann kein Arbeitgeber ein wirkliches Interesse daran haben, dass seine Mitarbeiter zu diesem Zeitpunkt produktiv tätig sind oder sein müssen. Zumal es ein wirkungsvolles Mittel gibt, die Leistungsfähigkeit nach 13  Uhr wieder zu steigern: den Mittagsschlaf. Es existieren nahezu keine wissenschaftlichen Zweifel daran, dass eine Mittagsruhe von 10 bis ­maximal 30 Minuten (besser 20 Minuten nicht überschreiten) die individuelle Leistungsfähigkeit schlag­artig um bis zu 35 Prozent nach oben erhöht. Sie erreichen danach wieder 100 bis 115 Prozent ihrer ­Leistungskurve.

Arbeitgeber aufgepasst: Wer seine Belegschaft mittags 20 Minuten ruhen lässt, senkt die niedrigproduktive Mittagsphase auf ein Drittel. Gleichzeitig bewirkt der Mittagsschlaf eine Leistungssteigerung der verbleibenden Stunden am Nachmittag um bis zu 27 Prozent. Eine wirkliche Win-Win-Situation für beide Seiten.

Warum tun wir uns aber in Deutschland so schwer damit? Wieso versuchen wir dieses Leistungstief zu kompensieren, indem wir Kaffeeautomaten aufstellen? Was in Japan völlig normal ist und praktiziert wird, in den USA „Power napping“ und in China „Xiu-Xi“ heißt, kommt in deutschen Unternehmen oder ­Verwal­tungen einfach nicht vor.

Fällt der Löffel nach unten, ist der Schlaf vorbei



Dabei geht es gar nicht so sehr darum, jedem ein Bett oder eine Liege zur Verfügung zu stellen. Um den erholsamen Effekt des Mittagsschlafes zu erreichen, genügen im Wesentlichen zwei Dinge. Erstens benötigt man einen Ort der Ruhe und zweitens eine Möglichkeit, entspannt zu sitzen oder zu liegen. Die Zeitdauer der Ruhephase ist individuell unterschiedlich. Es sind Berichte bekannt, wonach Zeitgenossen mit einem Löffel in der Hand auf einem Stuhl sitzend die Mittagsruhe begannen. Schon nach wenigen Minuten setzt eine Schlafphase ein, bei der sich die Muskeln entspannten und der Löffel nach unten fiel. Vom Geräusch aufgewacht berichteten sie danach glücklich von einer tiefen Erholung / Entspannung.

In Thüringen sind mir leider keine Unternehmen bekannt, die Mittagsruhe für ihre Mitarbeiter praktizieren. Aber vielleicht findet sich ja ein Leser, der vom Gegenteil berichtet und über seine praktischen Erfahrungen Auskunft geben kann.
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1 Kommentar
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Joachim Kerst aus Erfurt | 16.08.2016 | 10:01  
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