„Vorher hing ich in Weimar an der Leine“ - Hund gefesselt, blutüberströmt im Straßengraben

 
Martina Heuser (li.) und Nadine Margraf absolvierten in der Hundeschule Passion ihren Hundeführerschein.
Weimar: Hundeschule Passion |

Nadin Margraf engagiert sich im Tierschutz, nimmt den geschundenen Timo auf und ändert ihre Ansicht in der Hundeausbildung



+++ Anfang des Jahres in einem Straßengraben nahe Bukarest: Winseln, ein schwarzer Hund gefesselt, blutüberströmt, Kiefer und Rippen gebrochen, ein Zahn ausgeschlagen.

+++ Mai 2015, 7 Uhr, Flughafen Nürnberg: Nadin Margraf (38) aus Weimar nimmt den mittlerweile fast genesenen einjährigen Timo entgegen. Den Mittelschnauzer- Mix hat sie auf der Internetseite einer Tierschutzorganisation entdeckt. Er kommt per
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-Transport nach Deutschland. Rettung = Happy End - keineswegs.




"Tiere sind mein Leben, ohne ging es nicht."

NADIN MARGRAF TIERSCHÜTZERIN


"Timo trägt sein Schicksal in sich", sagt Nadin und dort kann sie nicht hineinschauen. Sie konnte nicht wissen, was folgt. Doch ihr Herz folgte ihrer Tierliebe. Und ein bisschen Therapie für sie selbst sollte es auch werden. Im März verstarb ihr geliebter Hund - über 13 Jahre waren sie ein Team.


Die Tierschützerin

Nadin Margraf ist seit 1993 im Tierschutzverein ehrenamtlich aktiv. Doch ihr Engagement, auch für arme vernachlässigte Kreaturen, bekam sie schon in die Wiege gelegt. Mit elf Jahren rettete sie ihre erste Katze, aus einem Karton, der im Netz an einem Zaun in Weimar hing. "Andere kauften sich damals Süßigkeiten vom Begrüßungsgeld, ich Katzenfutter", erinnert sie sich.

"Tiere kommen bei mir noch vor den Menschen", sagt die 38-Jährige voller Inbrunst. Andere stecken sie daraufhin schnell in die militante Tierschutzecke. "Ich finde es gar nicht militant, wenn ich im Sinn des Tieres diesem alles gebe. Tierschutz ist nicht, wenn man ein Tier totpflegt. Manche können eben nicht loslassen. Doch die Tiere haben uns voraus, dass wir sie vom Schmerz erlösen können", sagt Nadin, die seit 22 Jahren Vegetarierin ist.

Gewalt und Achtlosigkeit gegenüber Tieren ist ihr ein Gräuel. Und da hindert sie auch kein Zaun, wenn es um Tierleben geht. "Das hat nichts mit den Befreiungsaktionen in Ställen der Massentierhaltung gemein. Das bewirkt gar nichts. Das ist der falsche Ansatz", weiß Nadin.

Ihre Hilfe gilt den Katzen. Sie betreut aller zwei Tage zwei Futterstellen für 20 Katzen im Weimarer Land. Sie hilft bei der Vermittlung und Kastration verwilderter Hauskatzen. Das ist ihr so ernst, dass sie die 25 Kilometer auch mit 40 Grad Fieber absolviert.

"Sehe ich im Fernsehen Bilder von Tierquälerei, könnte ich Rotz und Wasser flennen", sagt die Vegetarierin. Und ihre Bestätigung für ihren Einsatz sieht sie auch in tierischen Gutgeschichten. Sie hat einmal fünf neugeborene Welpen aufgezogen. "Wer so etwas mal drei Monate gemacht hat, kennt den Aufwand, alle zwei Stunden die Flasche zu geben", sagt Margraf. Glückliches Ende: alle fünf sind durchgekommen und haben ein tolles Zuhause gefunden.


Der Problemhund

Doch all ihre Tierliebe, ihr Wissen half ihr bei dem einjährigen Timo - den zugereisten Südländer - anfänglich nicht. Der Mittelschnauzer- Mix hatte nach vier Wochen Schonfrist zur Eingewöhnung, immer noch panische Angst vor Treppen. "Eigentlich hatte er vor allem, vor jedem Angst - besonders vor Autos und Männern", sagt Nadin. "Ich habe wirklich alles probiert". Timo musste in Rumänien so leiden. "Dort haben schwarze Hunde keine Chance", sagt Nadin.


Der Lösungsansatz

"Timo ist auf mich los, schnappte nach mir. Er zerpflückte in Wohnung und Auto einfach alles", sagt die Tierschützerin. Nach vier Monaten sagte Nadin Margraf: "Jetzt ist Schluss! Entweder professionelle Hilfe oder Abgabe." Es folgte eine Beratung in der Hundeschule "Passion". Im Standardkurs unterzog Susanne Kümmel das Pärchen einer Fehleranalyse. Es folgten Kommandos der Unterordnung wie sitz, platz, rechts, links. Fazit der Hundeexpertin: Timo hat eine Manipulier-Begabung. Daran muss gearbeitet werden. Schließlich soll aus Timo ein Familienund Tierschutzhund werden. Dennoch, den Hundeführerschein gab es schon mal.

"Schnell habe ich gemerkt, was ich falsch gemacht habe. Ich muss strenger sein und kurze, klare Kommandos geben. Auch ein Ruck an der Leine hilft. Und plötzlich stellte sich auch Lernfreude bei Timo ein. Jede Woche geht es ein Stück besser", freut sich Nadin.

Die Angst mit Timo spazieren zu gehen - "vorher hing ich an der Leine", sagt die Weimarerin - ist gebannt. Zur Vergangenheit gehört auch, dass der Mittelschnauzer Fremde anbellt und anfällt. "Timo braucht schon noch ein halbes Jahr Ausbildung. Ein Hund braucht Führung", fügt Thomas Kümmel hinzu. Und Nadin nimmt den Faden auf und sagt: "Auch Kinder brauchen Grenzen. Da sind sie glücklich. So ist es auch bei Hunden."


Das Fazit

Das Fazit für Nadin Margraf: Bei der Erziehung helfen nur Liebe und Leckerli nicht. Und oberflächliche Bespaßung ist Gift in der Hundeerziehung. Es bedarf auch Strenge und Druck. Denn auch der Hund übt Druck aus", so Nadin. Das bekam sie zu spüren. Es gilt bei der Erziehung des Hundes dranzubleiben. Nichts geht von allein. "Meine Erfahrung hat sich zu früher erweitert. Jetzt würde ich sogar bei der Hundeerziehung - in schwierigen Fällen - vor dem Einsatz des Stachelhalsbandes nicht zurückschrecken", sagt sie. Auch bei dieser Aussage bleibt sich Nadin Margraf treu: offen, ehrlich geradeaus und pragmatisch.




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2 Kommentare
6
stefanie weinrich aus Sondershausen | 02.12.2015 | 13:29  
Thomas Gräser aus Erfurt | 03.12.2015 | 12:19  
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