Wenn Kinder in der Schule nicht mehr klarkommen: Letzte Rettung "Kleeblatt"

Auch die Pausen gehören natürlich zum Schulalltag im "Kleeblatt". Die Jungs probieren sich heute am Hula-Hoop-Reifen aus.
 
Pause muss sein!
Erfurt: Kleeblatt | Wenn Kinder im Grund- und Regelschulalter aus verschiedenen Gründen nicht mehr zur Schule gehen können, hilft die Erfurter AWO-Einrichtung "Kleeblatt" ihnen, die Probleme zu lösen und dabei, eines Tages wieder normal zur Schule gehen zu können.


Martin ist neun. Lehrer und Mitschüler ahnen nichts Gutes, wenn er in der Nähe ist. Martin ist laut, immer mittendrin, wenn es Ärger gibt. Nein, vorneweg. Normaler Unterricht ist kaum möglich, Martin tut alles, um ihn zu stören. Neulich hat er sogar eine Lehrerin körperlich attackiert. Lange schon fragt keiner mehr, wer Schuld ist an der Rangelei auf dem Schulhof, das kann nur Martin sein. So geht das nicht weiter.


Martin ist zehn. Ein intelligenter kleiner Bursche, handwerklich sehr begabt. Er weiß sich in die Gemeinschaft einzufügen, er ist ein guter, verlässlicher Schüler. Impulsiv? Ja, ein wenig temperamentvoll. Aber er hört den aufmerksam anderen zu, ihre Meinung ist ihm wichtig. Er fragt höflich, wenn er Unterstützung braucht. Kein Grund, laut und ungebärdig zu werden.


"Er hat eine sehr positive Entwicklung genommen", ist Heiko Skamradt stolz auf seinen Schützling. Seit anderthalb Jahren besucht Martin das "Kleeblatt" in Erfurt, eine gemeinsame schulkooperative Einrichtung von AWO, Schulamt, Jugendamt und Amt für Bildung. Martin ist eines der Kinder im Grund- und Regelschulalter, die in einer normalen Schule nicht mehr klarkommen, die auffällig sind, Beeinträchtigungen ihrer seelischen Gesundheit haben oder in einer besonders belasteten Lebenssituation sind. Für diese Kinder ist das "Kleeblatt" oft die letzte Rettung. Nach der Lernortzuweisung vom Schulamt, einem sonderpädagogischen Gutachten und dem Antrag der Eltern auf Hilfe zur Erziehung dürfen sie für eine Zeitlang hier sein, um das Miteinander und auch das Lernen selbst zu lernen. So lange, bis sie wieder bereit sind für den anderen, den "richtigen" Schulalltag. Meist sind das zwei bis zweieinhalb Jahre.

Kleine Lerngruppen, intensive Betreuung


"Die Kinder haben Konzentrationsstörungen, wenn sie zu uns kommen, eine niedrige Frustrationsgrenze, kaum soziale Kontakte", macht Sozialpädagoge und Teamleiter Heiko Skamradt immer wieder die Erfahrung. Derzeit besuchen 12 Kinder die Einrichtung, im Moment allesamt Jungen, Platz ist für 18. In kleinen, von je einem Lehrer und einem Sozialpädagogen betreuten, Lerngruppen bewältigen die Kleeblatt-Kinder den normalen Schulstoff. In den Lernblöcken erkämpfen sie sich genau wie ihre Altersgenossen die Inhalte. Manch einer der Schüler braucht dazu eine zusätzliche, individuelle Lernförderung. Ein Tag in der Einrichtung lässt Raum für Pausen und Projekte, ist aber auch klar geplant. "Strukturen sind wichtig, sie geben den Kindern Halt", weiß Heiko Skamradt. Es gibt feste Regeln und Normen. Selbst der Nachmittag, der mit Angeboten zur Entspannung, mit Bewegung und künstlerischer Betätigung der sozialen Gruppenarbeit vorbehalten ist, bedeutet für die Jungs ein ständiges Hinzulernen. Das normale, faire, freundliche Miteinander muss sich manches Kind mühsam erkämpfen.


Auch die Eltern kämpfen an ihrer Seite. Manchmal lernen auch sie es erst, diesen Weg zu beschreiten, können auch zusätzlich Hilfe in der Familie bekommen. "Die Arbeit mit den Eltern und auch Großeltern spielt bei uns eine sehr große Rolle", erklärt Teamleiter Skamradt. Die wöchentlichen Gespräche mit ihnen, das Elterncoaching einmal im Monat und Unternehmungen, bei denen die Eltern dabei sind, lässt gute Beziehungen entstehen. Zwischen den Kindern und Mama und Papa, zwischen den Eltern und den Pädagogen. Manche der Großen hören hier zum ersten Mal davon, wie sie konsequent sein können den Kleinen gegenüber, wie sie gemeinsam sinnvoll Zeit verbringen, eine wirkliche Beziehung aufbauen. Martin und seiner alleinerziehenden Mutter tut diese Unterstützung sehr gut, sie gehen jetzt ganz anders miteinander um.


"Zuwendung, Aufmerksamkeit und intensive Förderung - das ist eigentlich das Geheimrezept für den Erfolg", bringt es Heiko Skamradt stark vereinfacht auf den Punkt. Das "Kleeblatt" ist fast die einzige Einrichtung dieser Art in Thüringen, es besteht seit 19 Jahren und wird gebraucht wie nie. "Ich wünschte mir derartige Fördermöglichkeiten für die Kinder an jeder Schule, so ein Kleeblatt überall wäre toll", sagt er und weiß, dass es schon aus personellen Gründen eine Utopie bleiben wird. Auch im "Kleeblatt" könnte sofort eine neue Lerngruppe eröffnet werden, der Bedarf ist da. Aber kein Lehrer dafür.


Der kleine Martin liebt es, in seinem "Kleeblatt" zu sein. Hier sind sie alle so lieb, natürlich auch streng. Aber das ist gut so. Manchmal wartet er morgens schon mit den anderen darauf, dass endlich die Tür aufgeht. Hier hat er neue Freunde gefunden. Seine Freunde zu Hause, die hat er auch noch. Nicht mehr lange, dann wird Martin zurückkehren, in eine neue Schule, da, wo sie in der fünften Klasse alle neu anfangen. "Ich habe ein richtig gutes Gefühl, dass Martin das alles meistern wird", ist sich Heiko Skamradt sicher.




Das "Kleeblatt"


Das "Kleeblatt" ist eine Gemeinschaftseinrichtung des Staatlichen Schulamtes, des Amtes für Bildung, des Jugendamtes Erfurt und der AWO. In der teilstationären Einrichtung werden Kinder und Jugendliche betreut, die auf Grund von Beeinträchtigungen ihrer seelischen Gesundheit und einer besonders belasteten Lebenssituation zeitweise nicht am regulären Schulunterricht teilnehmen können.

Ziele des Kleeblatts:


- Reintegration in allgemein bildende Schulen

- Orientierung an den Leistungsanforderungen der allgemein bildenden Schulen- Aufbau und Stabilisierung von Lernmotivation und Lerntechniken

- Erlernen von Gemeinschaftsfähigkeit und Sozialkompetenz

- Stärkung der sozialen, kognitiven und emotionalen Kompetenzen

- Förderung von Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugungen



Infos: www.jugendhilfeverbund-erfurt.de, www.awothueringen.de
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